Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: August 2012

Die Lomo-Kamera als Revolverheld unter den Kameras: Ein Schuss – vier Bilder

An die 500 Gäste besuchen inzwischen jeden Tag das “Journal”

Das “Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst” ist zwar vollständig werbefrei – und das bleibt auch so – aber etwas Werbung in eigener Sache ist heute sicherlich erlaubt: Hinweisen möchte ich gerne noch einmal auf das zuletzt auf meiner Website “Denkeler Photo” veröffentlichte Portfolio “Quadrotura – Lomographien”. Ausführlich habe ich diese Serie bereits hier vorgestellt. Die Fotos wurden alle mit dem “Lomography Action Sampler” gemacht.

"Quadrotura – Lomographien", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

"Quadrotura – Lomographien", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

In den letzten zwölf Monaten besuchten insgesamt 119.001 Gäste meinen Blog, das sind im Mittel 326 Besucher pro Tag. Die Zahlen entwickelten sich in diesem Zeitraum von ca. 250 auf jetzt aktuell an die 500 Besucher pro Tag. Das “Journal” startete am 1. Juli 2010 mit dem Zitat des Monats “Qualität ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Qualität”; die steigenden Besucherzahlen deuten darauf hin, dass dies auch meine Gäste schätzen und ich möchte mich heute einmal herzlich für Ihr Interesse bedanken.

"Besucher auf www.journal.denkeler-foto.de vom 27.08.2011 bis 26.08.2012", Grafik © F. Denkeler 2012

"Besucher auf www.journal.denkeler-foto.de vom 27.08.2011 bis 26.08.2012", Grafik © F. Denkeler 2012

www.denkeler-foto.de,  Quadrotura – Lomographien

Der Deutsche Wald tanzt im Museum auf dem Kopf

Michael Sailstorfer in der Berlinischen Galerie bis 08.10.2012
(Preisträger Vattenfall Contemporary 2012)

Michael Sailstorfer "Forst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Michael Sailstorfer "Forst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Ja, ist denn heut’ schon Weihnachten, könnte man sich angesichts der Ausstellung “Forst” des diesjährigen Vattenfall Contemporary-Preisträgers fragen: Die fünf Tannen und Birken kreisen, kopfüberhängend, durch die zehn Meter hohe Eingangshalle der Berlinischen Galerie. Sailstorfer versteht sich als Bildhauer, der klassische Begriff der Skulptur wird von ihm aber deutlich zu einer “Raumintervention” erweitert.

Da die Bäume auf dem Boden und an den Wänden schleifen, hinterlassen sie ihre Spuren und verlieren Laub und Äste. Die Eingangshalle ist mit einer massiven Stahlträger-Konstruktion ausgestattet worden und die Bäume werden mit großen Elektromotoren in Bewegung gesetzt. Manchmal wirkt es komisch, wenn die Bäume sich ineinander verhaken und nach lauten Geräuschen wieder frei drehen.

In einer weiteren Arbeit “Schwarzwald” hat Sailstorfer in einem Waldstück seiner Heimat den Waldboden “schwarz gestrichen”. Der Wald wuchert im Laufe der Zeit das schwarze Quadrat wieder zu. Das Natürliche wird zum Künstlichen und am Ende wird die Kunst wieder zur Natur. Das Ganze kann man sich in der Ausstellung per Live-Stream auf einem Monitor (natürlich im schwarzen Quadrat), der per Internet direkt mit dem Waldstück verbunden ist, ansehen.

Video, www.berlinischegalerie.de

San Francisco im Summer Of Love 1967

Scott McKenzie und das “Monterey Pop Festival” in Kalifornien

If you’re going to San Francisco/ Be sure to wear some flowers in your hair …
For those who come to San Francisco/ Summertime will be a love-in there …
There’s a whole generation with a new explanation/ People in motion.

"Flower-Power-Rebell", Foto © Friedhelm Denkeler 1967

“Flower-Power-Rebell”, Foto © Friedhelm Denkeler 1967

Anfang des Jahres 1967 fand im Golden Gate Park in San Francisco ein großes Happening mit über 20.000 Hippies statt. Mit diesem “Human-Be-In” begann der “Summer of Love” mit dem die Hippiebewegung in den USA ihre Blütezeit erlebte. Der Song von McKenzie hat den damaligen Zeitgeist wohl voll getroffen, das beweisen über fünf Millionen verkaufte Singles weltweit; in Deutschland selbst war er neun Wochen auf Platz 1. Es blieb McKenzies einziger Hit, aber er setzte der Blumenkinder-Epoche ein Denkmal als Jahrhundertsong.

Scott McKenzie: “San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)” (Ersatzlink)

Mit der Verszeile “For those who come to San Francisco, Summertime will be a love-in there” wollte John Phillips sicher auch auf das von ihm geplante Pop-Festival in Monterey, Kalifornien hinweisen. Das drei Tage dauernde “Monterey International Pop Festival” im Juni 1967 war das erste in der Reihe der großen Rock-Festivals und wurde zu einem der wichtigsten Konzerte der Rock-Geschichte. D. A. Pennebaker hat es in seinem Film “Monterey Pop” (1968) verewigt und Eric Burdon hat das Konzert später in seinem Song “Monterey”, in dem er einige der teilnehmenden Bands erwähnt, besungen.

Woodstock ist zwar das bekanntere Rockfestival, aber Monterey gilt als musikalischer Auftakt zur Hippie-Bewegung; hier war die “Rock-Familie” noch im Entstehen und agierte noch ursprünglicher. Eine Auswahl der teilnehmenden Bands: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Otis Redding, The Who, Blood, Sweat & Tears, The Butterfield Blues Band, Canned Heat, Eric Burdon and the Animals, Jefferson Airplane, Simon and Garfunkel, Country Joe and the Fish, Grateful Dead, Johnny Rivers, The Byrds und Ravi Shankar. Scott McKenzie trat am Sonntag, den 18. Juni 1967 als Zweitletzter auf (siehe Konzert-Mitschnitt), noch vor den “Mamas & Papas”, die natürlich “California Dreamin” sangen. Am 18. August 2012 starb Scott McKenzie nach einer schweren Krankheit mit 73 Jahren in Los Angeles.

www.scottmckenzie.info

Freie Wahl des Fluggebietes für Schmetterlinge

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (Nachtrag).

Von Kristina Buchs Schmetterlingsgarten bleiben
nach der Documenta nur Puppenhülsen übrig

Die Düsseldorferin, Biologin und jetzt Kunst studierende Kristina Buch hat als jüngste Teilnehmerin (29 Jahre) der diesjährigen Documenta auf dem Friedrichsplatz vor dem Staatstheater in Kassel den Schmetterlingsgarten “The Lover” errichtet (siehe auch “Ein Schmetterlingsgarten ohne Schmetterlinge und eine Welle ohne Welle“). Damit die heimischen Schmetterlinge ideale Lebensbedingungen finden, hat sie den Garten mit 180 verschiedenen, faltergerechten Futterpflanzen bestückt. Während der 100 Tage der Documenta wird sie an die 3000 Schmetterlinge in diesem Garten aussetzen.

Buch lässt die Falter in ihrer extra für die Documenta angemieteten Wohnung schlüpfen und bringt jeden Tag rund 30 Falter, sobald sie fliegen können, in den Garten. Dann haben die Falter die freie Wahl, sich auch für andere Biotope mit entsprechenden Nektarpflanzen zu entscheiden. Das ist sicher ganz im Sinne der künstlerischen Leiterin der Documenta Carolyn Christow-Bakargiew (CCB), die, wie man liest, ein Wahlrecht für Hunde gefordert haben soll. Während unseres Besuches in Kassel haben wir übrigens keinen einzigen Falter auf dem vom Verkehr umtosten Platz gesehen. Was schließen wir daraus?

"Documenta 13: Kristina Buch: 'Leere Puppenhülsen und einhundert Tage' (Ausschnitt)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Kristina Buch: 'Leere Puppenhülsen und einhundert Tage' (Ausschnitt)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Aber etwas wird von Buchs Aktion über die Documenta hinaus bleiben: die leeren Puppenhülsen. Buch lebt während der Documenta in Kassel und wird jeden Tag in einer Vitrine in der Documenta-Halle die leeren Puppenhülsen der geschlüpften Falter “aufspießen”. Den Titel der Arbeit “The Lover” kann ich allerdings immer noch nicht nachvollziehen. Eine Übersicht aller dreizehn Artikel der “Impressionen zur dOKUMENTA (13)” meines Documenta-Besuchs finden Sie hier.

… vielleicht ist er doch gar nicht so frei wie wir uns den vorstellen, vielleicht ist er genauso wie wir durch seine Bedürfnisse und Sehnsüchte auch gebunden, an die Süße des Nektars oder zum Fliegen in der Weite
[Kristina Buch im Deutschlandradio]

www.documenta.de

Alfredo Jaar “The way it is” – Ästhetik des Widerstands

Retrospektive in drei Berliner Institutionen: Neue Gesellschaft für
Bildende Kunst (NGBK), Berlinische Galerie und Alte Nationalgalerie

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 1)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 1)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Kunst-Besucher in Berlin müssen, wenn sie die in sechs Werkgruppen gegliederte Retrospektive des in New York lebenden Chilenen Alfredo Jaar komplett sehen wollen, eine kleine Stadtrundreise machen: von der Kreuzberger Oranienstraße und der Jacobstraße auf die Museumsinsel in die Alte Nationalgalerie.

Und die “Rundreise “lohnt” sich: So kurz nach den wenig überzeugenden “politischen” und provokativen Veranstaltungen der Berlin Biennale des Artur Zmijewski und der Kasseler Documenta 13 der Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) ist Alfredo Jaars politisch und künstlerisch anspruchsvolles Werk wohltuend anzusehen.

Während um die Berlin Biennale viel Tam-Tam gemacht wurde, wurde die von der NGBK erarbeitete Werkschau “The way it is” über ein fast vier Jahrzehnte künstlerisches Schaffen eher wenig beachtet.

Auch Jaar möchte die “Welt verändern”, aber was für ein Unterschied: Sein Werk hat Substanz, eine echte Botschaft; er findet die richtige Ästhetik für das, was er ausdrücken möchte und das alles ohne Provokation. Alfredo Jaar hat übrigens an der Documenta 8 (1987) und der Documenta 11 (2002) teilgenommen.

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 2)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 2)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die NGBK zeigt insbesondere Jaars Frühwerk, das zwischen 1974 und 1981 in Chile entstanden ist.

In der Berlinischen Galerie werden vier Werkgruppen präsentiert: das Pergamon-Projekt “Eine Ästhetik zum Widerstand”; seine Serie über den Völkermord in Ruanda und weitere Afrika-bezogene Arbeiten; Installationen, in denen das Licht und dessen Blendung eine Rolle spielen (wurde auf der Documenta 11 gezeigt) und seine “Press Works”, in denen er sich kritisch mit der Aktualität von Presseberichten und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung auseinandersetzt.

Im Liebermann-Saal der Alten Nationalgalerie ist Jaars Installation “1+1+1″ (siehe Fotos) von der Documenta 8, mit der er vor 25 Jahren internationale Anerkennung fand, zu sehen. Diese Arbeit besteht aus drei Fotos in einem Leuchtkasten, auf dem Boden liegt jeweils ein goldener Rahmen: Auf dem ersten Foto ist der Goldrahmen leer und nur die Füße von Kindern und Erwachsenen aus El Salvador sind verkehrt herum zu sehen, auf dem zweiten Foto ist der Goldrahmen vollständig mit weiteren kleineren Rahmen bedeckt und auf dem dritten Bild sind die Beine, dank eines Spiegels im Goldrahmen, richtig herum. Es ist eine Metapher auf die Realität und die Kunstwelt: “Kunst ermöglicht, die Welt verständlich wahrzunehmen” (Todorov).

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 3)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 3)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Diese Arbeit und eine ähnliche im Leibl-Saal sind in die Sammlung des 19. Jahrhunderts der Alten Nationalgalerie integriert. Jarrs Anliegen ist die “Politik der Bilder”, jene Macht also, die Bilder haben und zwar diejenigen, die gezeigt werden ebenso wie die, die in den Archiven schlummern und nicht gezeigt werden. Jarr will sich nicht auf die Medien verlassen, er recherchiert lieber selber.

Andrea Hilgenstock schreibt in der Kunstzeitung zu Jaars Arbeiten: “Essays und Übungen über das nicht Darstellbare, nennt er seine Kunst … Es gibt ja nur wenige, die es sich so schwermachen wie er, der zum Beispiel durch Ruanda reiste, ohne nun Elendsbilder zu präsentieren. Kein Larifari, sondern Zusammenhänge. Ein Medien- und Bilderkritiker, der trotzdem Bilder schafft – gut dass es ihn gibt!”

Die Ausstellungen sind noch wie folgt zu sehen:
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) nur noch bis zum 19.08.2012, Berlinische Galerie bis zum 17.09.2012 und Alte Nationalgalerie bis zum 16.09.2012.

Die erste große Liebe oder: Erinnerung an eine Phantasie

“Moonrise Kingdom” von Wes Anderson mit Bill Murray, Tilda Swinton, Bruce Willis, Frances McDormand, Edward Norton und Harvey Keitel

Es geht um große Liebe, um eine neue, junge Liebe, um eine Liebe, die immer wieder durchgeschüttelt und bedroht wird, um das Feuer der Liebe, das niemand löschen kann, aber auch um die uralte Geschichte, dass jeder Mensch geliebt werden will – sogar ein Polizist [Bruce Willis auf der Pressekonferenz in Cannes anlässlich des Eröffnungsfilms " Moonrise Kingdom" von Wes Anderson]

Nach The Royal Tenenbaums (2001) und The Life Aquatic with Steve Zissou (Die Tiefseetaucher, 2004), ist der diesjährige Eröffnungsfilm von Cannes Moonrise Kingdom mein dritter Film, den ich von Wes Anderson gesehen habe: Und wieder wurde ich nicht enttäuscht. Keiner inszeniert so künstlich-schöne Filme, mit schrägem Humor, 1960er-Jahre-Feeling, skurrilen Details, Indian-Summer-Farben und künstlerischer Überhöhung wie er – ein “echter Wes Anderson” eben. Es scheint sein persönlichstes Werk zu sein, zumindest ist es seine Erinnerung an eine Kindheitsphantasie oder er wünschte, dass er das so erlebt hätte.

"Penzance Island", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Penzance Island", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Es geht um die große Liebe zweier zwölfjähriger Außenseiter auf der Schwelle zum Teenager-Alter im Jahr 1965 auf dem fiktiven New Penzance Island vor der Küste Neuenglands. Suzy, die verträumte Außenseiterin und Sam, der Pfadfinder, verlieben sich auf der Schulaufführung der Kinderoper Noahs Sintflut von Benjamin Britten und beschließen, gemeinsam in die Wildnis zu fliehen. Die Ausreißer wollen zur Bucht Moonrise Kindom am anderen Ende der Insel. Hier schlafen sie, eng aneinander gekuschelt, in Sams Zelt ein.

Bald ist ihnen die halbe Inselbevölkerung auf den Fersen, die mit dieser Aufgabe komplett überfordert ist: Suzys neurotische Eltern (Bill Murray, Frances McDormand) mit dem ehrbaren Beruf der Rechtsanwälte, Sams streng gedrillte Pfadfinder-Truppe mit Pfadfinderanführer Ward (Edward Norton), der alte Pfadfinder Commander Pierce (Harvey Keitel), Sams Pflegeeltern, die nicht unglücklich über sein Verschwinden sind, ein melancholischer Polizist (Bruce Willis), das mit Elektroschocks drohende “Jugendamt” (Tilda Swinton) und eine aufkommende Sturmflut, an deren Ende es die Bucht nicht mehr geben wird.

"Vor dem großen Sturm", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

"Vor dem großen Sturm", Foto © Friedhelm Denkeler 2004

Moonrise Kingdom ist kein Kinderfilm, aber ein Film auch für Kinder. Zwar versteht keiner sich selbst oder den anderen, aber alle reden überzeugend aneinander vorbei. Wes Anderson fehlen oftmals die Worte für die skurrilen Ereignisse, aber die passenden Bilder für das Geschehen hat er allemal.

Angelhaken, die zu Ohrringen mutieren, ein tragbarer Plattenspieler mit Ersatzbatterien, ein Baumhaus auf einem absurd hohen Baum, eine Schere für Linkshänder, ein Koffer mit Lieblings-Büchern, ein Megafon, mit dem die Mutter ihre Familie zum Essen ruft, die kurze Hose und die weißen Socken des Inselpolizisten, der lila Lidschatten der Zwölfjährigen und ein exakt kreisrundes Loch in der Zeltwand, das der Zwölfjähriger hineingeschnitten hat, um abzuhauen, sowie der fokussierende Blick durch das Fernglas spielen liebenswerte Nebenrollen. Viel mehr verraten möchte ich hier nicht, nur so viel: alles wird gut; einfach ein zauberhafter Film. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Trailer Moonrise Kingdom

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