Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Juli 2012

“The Sparrow” – Spatzen gibt es nicht nur in Berlin

“Travelling Shoes” von Lawrence Arabia im Blog “Song des Tages”

Pop-Kunsthandwerk, das trotz großer Geste ganz bescheiden bleibt. [Musikexpress zu Lawrence Arabia]

Auf der Suche nach dem Sommerhit 2012 habe ich das Blog “Song des Tages” entdeckt. Unter dem Motto “We can be heroes. Just for one day” (sicherlich nach der Textzeile aus David Bowies “Heroes”) stellen die drei Blogger seit Mai 2010 jeden Tag einen Song vor. Und fast jeder Tag bietet eine Überraschung: Ein meist noch nicht so bekannter und gleichzeitig neuer Song wird vorgestellt, aber auch immer wieder ein “Oldie”.

Die Blogger schreiben “‘Song des Tages’ ist ein Blog über Songs, die wir mögen. Die wir für bemerkenswert halten. Die wir der Welt nicht vorenthalten dürfen. Diese Songs sind neu, alt, laut, leise.” Da ich das Blog bereits eine Zeit lang verfolge, habe ich es im Blogroll jetzt dauerhaft verlinkt.

"Sparrows", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Sparrows", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Nun aber zu Lawrence Arabia. Warum der Neuseeländer sich ausgerechnet Lawrence von Arabien nennt, ist nicht herauszufinden; mit bürgerlichen Namen heißt er jedenfalls James Milne und macht mit seiner Band “The Prime Ministers” großartige, leichte Popmusik, richtig passend zum Sommer. Herausgesucht habe ich den ersten Song aus seinem neuen, dritten Album “The Sparrow” (2012):

Lawrence Arabia:
“Travelling Shoes”

Der Musikexpress schreibt: “Unaufdringliche Streicher, geschickt platzierte Bläser, ein wohlig warmes Klavier, ein sanft rollender Bass. Aber, und das scheint die Grundidee zu sein, niemals zu viel vom Guten: The Sparrow klingt zwar üppig, aber nicht überladen, nach großer Geste, aber doch bescheiden. Milne gelingt das Kunststück, mit relativ spartanischen Mitteln den Eindruck von großem, zeitlosem Pop zu erwecken. Damit erfindet er zwar das Rad nicht neu, aber auf solchem Niveau wird Pop-Kunsthandwerk nicht jeden Tag geliefert.”

Die Songs von “The Sparrow” erinnern an die alten Byrds, Kinks und Beatles aber auch an Richard Hawley. Von der Musik der späten 1960er und frühen 1970er Jahre, so erklärt Milne selber, ist er immer wieder begeistert. Und so hat er ein beschwingtes, melancholisches und anspruchsvolles Retropop-Album, sein drittes bereits, geschaffen – wie ein leichter Spatz. Vielleicht doch ein bisschen zu seicht? Das wird die Zeit zeigen.

Übrigens: Am 10. September 2012 kann man die Live-Qualitäten von Lawrence Arabia in Berlin im Roten Salon der Volksbühne überprüfen. Zwei weitere Videos von Lawrence Arabia Auckland CBD Part Two und I’ve Smoked Too Much, beide vom zweiten Album “Chant Darling” (2009), habe ich gefunden.

Diane Arbus – In der Dunkelkammer der Menschheit

Das Werk der großen Fotografin im Berliner Martin-Gropius-Bau

Nichts ist so, wie es angeblich sein soll. Ich erkenne nur das wieder, was ich noch nie gesehen habe” [Diane Arbus]

"Arbus und das Fotografierverbot", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Arbus und das Fotografierverbot", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Vorab: die Berliner Ausstellung zeigt neben den bekannten Werken der Diane Arbus auch viele neue Fotos, aber der Gesamteindruck von Arbus Werk verändert sich dadurch nicht. Die besten Fotografien hatte sie bereits zu Lebzeiten selbst veröffentlicht.

Der Sinn, warum in der Ausstellung auf eine chronologische, thematische oder wissenschaftliche Ordnung verzichtet wurde, hat sich mir nicht erschlossen. So gesehen zeigt der Gropius-Bau für diejenigen, die ihr Schaffen kennen, keine neuen Erkenntnisse.

Rund 200 Schwarz-Weiß-Bilder hängen von Diane Arbus (New York 1923 – 1971) im Gropius-Bau: Porträts von Mittelklassefamilien, Paaren, Kindern, Obdachlosen, Jahrmarktartisten, Dominas, Tätowierten, Nudisten, Transvestiten, Exzentrikern und Prominenten.

Ein Transvestit mit Lockenwicklern, eine nackte Kellnerin mit kleiner Spitzenschürze, eine ältere Dame mit Schleier und Perlenohrringen, das eineiige Zwillingspaar in New Jersey oder ein Junge mit einer Spielzeuggranate; sie alle leben von der Mischung aus Distanz und Arbus Fähigkeit, sich in die Porträtierten hineinzuversetzen. Eine Auswahl von Fotos finden Sie in dem Blog “Fantomatik“.

Zum Schluss noch etwas Nerviges: Der Gropius-Bau “glänzte” bisher bekanntlich durch sein ständiges Fotografierverbot. Und zur Arbus-Ausstellung schon wieder: bis zu zwei “Fotografierverbot-Aufsteller” wurden zusätzlich an den Eingängen platziert. Auch die Praktiken zur Verwendung der Pressebilder sind rigoros durch die “Estate of Diane Arbus LLC” beschnitten: so müssen zum Beispiel die zur Verfügung gestellten Bilder spätestens 60 Tage nach Ausstellungsende aus dem Netz genommen werden. Nein, Danke.

Nach Diane Arbus Tod beauftragten die Erben Neil Selkirk, ihre Dunkelkammer mit den 7000 Filmrollen zu durchforsten und limitierte Abzüge herzustellen, die mittlerweile auf Auktionen Zehntausende Dollar erlösen. Ob dieser Kommerz im Sinne von Diane Arbus ist, wage ich zu bezweifeln. Der Martin-Gropius-Bau leistet mit dieser Ausstellung diesbezüglich noch Vorschub. Mit Kunst hat das eher weniger zu tun – oder gerade doch? Dessen ungeachtet gilt Diane Arbus, neben Robert Frank und Richard Avedon, zu Recht als Kultfigur der US-amerikanischen Fotografie.

Es ist ein bisschen, als würde man in eine Halluzination hineinspazieren, ohne genau zu wissen, wessen Halluzination es ist… Es ist, als hätten Adam und Eva nach dem Sündenfall Gott angefleht, ihnen zu vergeben, und er in seiner grenzenlosen Verbitterung gesagt hätte: ‘Also gut, dann bleibt. Bleibt im Garten Eden. Werdet zivilisiert. Vermehrt euch. Verpfuscht es.‘ Und genau das haben sie getan.“ [Diane Arbus zu den Nudisten-Camps]

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. September 2012 zu sehen. Weitere Informationen unter www.martingropiusbau.de

Vier blaue Haufen – Aber wo sind die Blauen Pferde?

Martin Gostner mit “Der Erker der Blauen Pferde”
auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie Berlin

Bei einem Spaziergang auf der Terrasse rund um die Neue Nationalgalerie in Berlin muss man zurzeit sehr vorsichtig sein, sonst tritt man in einen Misthaufen. Wer danach sucht, entdeckt vier verschiedene Haufen mit blauen Pferdeäpfeln. Aber welche Pferde haben sie dort hinterlassen und vor allen Dingen, wo sind die dazugehörenden Pferde geblieben? Zur Beruhigung: es handelt sich um die geruchsneutrale “Hinterlassenschaft” des Künstlers Martin Gostner; aber wo die Blauen Pferde und der dazugehörige Turm geblieben sind, kann er auch nicht erklären.

"Blaue Pferdeäpfel" (Martin Gostner: "Der Erker der Blauen Pferde", Neue Nationalgalerie), Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Blaue Pferdeäpfel" (Martin Gostner: "Der Erker der Blauen Pferde", Neue Nationalgalerie), Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Gemälde “Der Turm der blauen Pferde” (1913) von Franz Marc wurde von den Nazis als “entartet” verfemt. Das Meisterwerk des Expressionismus wurde 1919 von der Nationalgalerie angekauft und gehörte bis zu seiner Beschlagnahmung 1937 zum Kernbestand des Museums. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gilt es als verschollen. Angeblich hat man es in Berlin-Zehlendorf bis 1949 noch gesehen, später vermutete man es in einem Schweizer Banksafe. Vielleicht lagert es als Kriegsbeute an einem unbekannten Ort oder es wurde zerstört?

Martin Gostner will mit seiner Installation, wie bereits mit seinen sechs vorhergehende Aktionen (Erker-Projekt) an verschiedenen Orten, auf das verschwundene Gemälde hinweisen; auf dass die Pferde in den Stall zurückkommen, dorthin, wohin sie gehören: in die Neue Nationalgalerie. Das Gemälde “Der Turm der blauen Pferde” finden Sie zum Beispiel hier.

Poetische Begegnung mit alltäglichen Materialien

Zwischen Makro-Ebene und Mikro-Ebene:
Der Sammler Gabriel Orozco baut aus Fundstücken eine Collage
Monat der Fotografie 2012 in Berlin (2)

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Nach der Rückkehr aus Kassel von der Documenta fürchtete ich schon “Entzugserscheinungen”, aber dem war nicht so: auch in Berlin gibt es viel “Documenta” zu sehen. Da ist zunächst der Mexikaner Gabriel Orozco mit seinem Werk “Asterisms” im Deutsche Guggenheim Unter den Linden.

Die Arbeit erinnert sehr an Tage zuvor auf der Documenta Gesehenes: Kein Wunder, Orozco war bereits auf der Documenta 10 (1997) und Documenta 11 (2002) vertreten. Die aktuelle Berliner Ausstellung besteht aus zwei Teilen: Sandstars und Astroturf Constellation und ist eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim.

Sandstars entstand als Reaktion auf den einzigartigen Landschaftsraum der Isla Arena, einem Schutzreservat an der mexikanischen Pazifikküste, deren Gewässer Wale immer wieder als Paarungsgebiet und Friedhof ansteuern. Orozco legte dort vor einigen Jahren bereits ein Walskelett frei… Die gewaltigen Müllmengen am Strand inspirierten ihn bei seinem zweiten Besuch zu einer neuen Arbeit.

Aus aus dem vom Meer angespülten Material fertigte Orozco eine große skulpturale Installation. Auf dem Fußboden ausgebreitet und geordnet bilden die beinahe 1.200 Fundstücke einen monumentalen Objekt-Teppich. Diesen ergänzen zwölf großformatige Fotografien, auf denen Orozco die typologisch nach Material, Farbe und Größe sortierten Objekte im Studio aufgenommen hat…

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Astroturf Constellation erkundet solche Ordnungsmuster auf ähnliche Weise. Allerdings haben die Objekte einen völlig anderen Maßstab: Das Werk besteht aus einer Ansammlung von sehr kleinteiligem Abfall, den Sportler und Zuschauer auf einem Sportplatz in New York City zurückgelassen haben.

Orozco präsentiert diese Fundstücke, wiederum fast 1.200 an der Zahl, auf einem Podest. Wie in Sandstars werden neben den Objekten dreizehn Fototableaus gezeigt, so dass die einzelnen Objekte visuell mit ihrer fotografischen Darstellung korrespondieren.

Die Ausstellung Asterisms stellt diese zwei Installationen, die sich zwischen Makro- und Mikroebene bewegen, einander gegenüber und greift typische Themen von Orozcos Werk auf: poetische Begegnungen mit alltäglichen Materialien, die Präsenz von Erosionsspuren und die stets gegenwärtige Spannung zwischen Natur und Kultur.”
[Quelle: Presseerklärung].

Die Makro- und Mikro-Ebenen verschwinden natürlich auf den Fotografien von Orozco, genau das ist vom ihm auch so gewollt. Meine beiden Fotos zeigen die “Sandstars”, die mehr als die Hälfte der Ausstellungsfläche einnehmen, von beiden Stirnseiten. Eine sehenswerte Ausstellung, deren Konzept wohltuend überzeugend ist.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des “European Month of Photography – EMoP” finden Sie auf meiner Übersicht.

www.deutsche-guggenheim.de

Zusammenfassung dOCUMENTA (13) in Kassel

Übersicht aller dreizehn Artikel der “Impressionen
zur dOKUMENTA (13)” vom 13. Juli bis 23. Juli 2012

Das offizielle Plakat der dOCUMENTA (13), Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das offizielle Plakat der dOCUMENTA (13),
Foto © Friedhelm Denkeler 2012

In Kassel ist alles Kunst!

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (13 und Schluss)

“Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr dass ist, was sie war” [Carolyn Christov-Bakargiev]

Und zum Schluss dieser Artikelreihe zur Documenta (13) in Kassel, nach dem Rätsel von CCB, noch einige visuelle Rätsel nach dem Motto “Ist das Kunst oder kann das weg?”

"Documenta 13: The German Bratwurst am Friedrichsplatz", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: The German Bratwurst am Friedrichsplatz", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Deutsche Besucher: bitte werfen Sie Ihre Postkarte hier ein", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Deutsche Besucher: bitte werfen Sie Ihre Postkarte hier ein", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Yes, This Is Art", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Yes, This Is Art", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Kunst oder kann das weg?", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Kunst oder kann das weg?", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Eine Wahrnehmung auf dem Dachboden", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Eine Wahrnehmung auf dem Dachboden", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Star Wars am Hauptbahnhof", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Star Wars am Hauptbahnhof", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Moin in Kassel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Moin in Kassel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012"

"Documenta 13: Liegestuhl", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Liegestuhl", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: The End", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: The End", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Ein Schmetterlingsgarten ohne Schmetterlinge und eine Welle ohne Welle

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (12)

Mitten auf der Karlswiese vor der Orangerie in der Karlsaue hat der chinesische Installations- und Performance-Künstler Song Dong einen sechs Meter hohen Berg aufgeschüttet: “Doing Nothing Garden”. Der Bonsaiberg besteht im Wesentlichen aus Zivilisationsmüll. Dieser ist Schicht für Schicht mit organischen Abfällen und Erde überdeckt und mit Gras und Wildkräutern überwachsen (siehe Foto). Abends sollen die Neon-Schriftzeichen “Doing Nothing” zu lesen sein. Ein künstlicher Berg in einer Kunstlandschaft; “gleichwohl ist er ein in sich lebender Organismus und beweist so, dass im richtigen Kontext sogar Nichtstun schöpferische Wirkung entfalten kann” [Katalog].

"Documenta 13: Song Dong mit Doing Nothing Garden", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Song Dong mit Doing Nothing Garden", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die deutsche Künstlerin Kristina Buch hat eine ähnliche Arbeit auf dem Friedrichsplatz vor dem Staatstheater Kassel geschaffen. Dieses Werk erinnert aber eher an die erste Documenta 1955, die im Rahmen der Bundesgartenschau stattfand. Ein quadratischer Miniatur-Garten wächst auf einem erhöhten Podium. Dieser “hängende” Garten wurde mit Brennnesseln und Disteln rund um eine farbige Blütenpracht bepflanzt; der ideale Garten für Schmetterlinge. Dazu wurden dort Hunderte Schmetterlingspuppen ausgelegt. Sie sollen die Blumeninsel bevölkern. Ich konnte leider keinen einzigen Falter ausmachen (siehe Foto).

"Documenta 13: Kristina Buchs Schmetterlingsgarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Kristina Buchs Schmetterlingsgarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

So ähnlich erging es mir bei der Arbeit des Italieners Massimo Bartolini, “Wave” genannt. Während unseres Besuches war die Welle nur ohne Welle zu sehen. Sie besteht aus einem in die Karlswiese eingelassenen rechteckigen, mit Wasser gefüllten Bassin, umgeben von einem Kornfeld. In dem Bassin soll eine Welle gleichmäßig hin und her schwappen, eine Welle, die nirgendwo hin wandern kann und niemals ausläuft (siehe Foto).

"Documenta 13: Massimo Bartolinis Wave", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Massimo Bartolinis Wave", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das war der letzte Vormittag in Kassel, den wir noch einmal in der Karlsaue und an der Fulda verbrachten, und wir warfen noch einen Blick auf Claes Oldenborgs große “Spitzhacke” (1982, Documenta 7) am Ufer der Fulda. Morgen gibt es den letzten Beitrag zur Documenta mit visuellen Impressionen.

"Documenta 7: Claes Oldenborgs Spitzhacke", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 7: Claes Oldenborgs Spitzhacke", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Auf Wiedersehen bis 2017 in Kassel zur Documenta 14.

www.documenta.de

Auf den Hund gekommen oder: Darsi ist immer dabei

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (11)

"Documenta 13: Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) mit Malteserhund Darsi", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) mit Malteserhund Darsi", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Nach zehn Artikeln ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Oder wird es eine Schlussbilanz? Schon seit Monaten grübelt die Kunstwelt über das Konzept der Documenta 13, bzw. das Konzept der künstlerischen Leiterin Carolyn Christow-Bakargiew (CCB).

Eigentlich sollte das Konzept ja aus dem “Brain” im Fridericianum hervorgehen (siehe “Viel Wind um nichts“), aber das Durcheinander bzw. die Konzeptlosigkeit setzte sich auch an den anderen Ausstellungsorten fort.

Es fehlen Schwerpunktsetzungen in den Häusern und Außenräumen. Man braucht einen Tag, um zu erkennen, dass es kein inhaltliches und räumliches Konzept gibt (aber das hat CCB ja von Anfang an gesagt!).

Überall geht es durcheinander: Ökologisches, Wellness, Couscous-Köchinnen, Hitlers Handtuch, fair gehandelte Buttermilch, Gruppen-therapeutisches, Feministisches, Wissenschaft, betende Motoren, fühlende Steine, Ameisen, Mangoldzucht auf einer Fähre, Teilchentheorie, Geschichte und Politik. Das war in der Rotunde, im “Brain”, bereits zu ahnen. Mit Malerei und Fotografie kann CCB wenig anfangen. Installationen sind angesagt.

Die Karlsaue ist mit Holzhütten “aus dem Baumarkt” überschwemmt; teilweise mit banalem Inhalt: Eine Aufklärungsbude zum Thema Nationalsozialismus ist nun wirklich zu einfach gedacht und esoterischer Kram soll doch bitte Privatsache bleiben. CCB und einige Künstler sonnen sich in vermeintlicher politischer Relevanz, die oftmals verbunden ist mit ästhetischer Dürftigkeit. Wenn Politik und Ökonomie scheitern, wie soll es dann die Kunst richten?

"Documenta 13: Pierre Huygues Windhund", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Pierre Huygues Windhund", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

CCB sieht keinen Unterschied zwischen Menschen und Hunden; wir sollten uns mehr in die Wahrnehmungswelt der Vierbeiner hinein fühlen (so etwas Ähnliches hat sie auch über Tomaten gesagt). Dabei ist dann zum Beispiel Brian Jungens (Kanada) Hundespielplatz in der Karlsaue herausgekommen, den man übrigens nur mit einem Vierbeiner betreten darf. Ganz witzig hingegen ist noch der Windhund mit dem rosaroten Bein des französischen Künstlers Pierre Huyghe anzusehen. Aber reicht das für eine internationale Kunstausstellung aus?

Jeder Geschmack ist anders. Es gibt aber einige allgemeingültige Theorien und Kriterien, die nicht einer gewissen Beliebigkeit zum Opfer fallen sollten. Auch “richtige” Kunst ist in Kassel zu sehen, man muss nur etwas suchen und welche Künstler wirklich Bestand haben, werden die nächsten Jahre zeigen. Ist die Documenta etwa auf den Hund gekommen? Nein, sie ist immer noch eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Und dieses Mal ist eben Darsi immer dabei. Der “Geist der Karlsaue” von Apichatpong Weerasethakul aus Thailand thront über allem. Was würde Malteserhündin Darsi dazu sagen, wenn sie könnte? Oder liefe sie vor dem Geist davon?

"Documenta 13: Der Geist der Karlsaue von Apichatpong Weerasethakul", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Der Geist der Karlsaue von Apichatpong Weerasethakul", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Morgen Vormittag steht noch einmal ein Besuch in der Karlsaue an.

www.documenta.de

Ein Boot im Baum, eine verzerrte Uhr am Fluss und eine Zeitreise im Schilf

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (10)

Der japanische Maler und Bildhauer Shinro Ohtake hat eine Sprache entwickelt, die auf Bilder der Massenmedien reagiert. In Kassel hat er im hinteren Teil der Karlsaue, nahe der Fulda, das Hexenhaus “Mon Cheri: A Self-Portrait as a Scrapped Shed” gebaut. Eine vorgefertigte Hütte hat er um Objekte und Materialien ergänzt, die er in verschiedenen Ländern gesammelt hat (siehe Foto).

"Documenta 13: Das Hexenhaus von Shinro Ohtake", aus der Serie "Pentimenti", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Das Hexenhaus von Shinro Ohtake", aus der Serie "Pentimenti", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die schreiend kirmesbunte Hütte erinnert an einen japanischen Imbissstand. Alle möglichen Alltagsmaterialien wie Neonschilder, Plakate, Fotos und verschiedene laufende Videos hat Ohtake in, auf und um die Hütte herum platziert. Hinzukommen Geräusche und Töne, die er akustisch eingefangen hat und die nun durch die Besucher, wenn sie um das Werk herumgehen, aktiviert werden. Und hier sehe ich auch endlich das bereits aus zahlreichen Abbildungen bekannte hängende Boot im Baum in Natura (siehe Foto und ein Video). Ob dies eine Erinnerung an einen Tsunami oder die Installation eine “Lebens-Collage” darstellt, möge jeder Betrachter für sich entscheiden.

"Documenta 13: Shinro Ohtakes Boot im Baum", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Shinro Ohtakes Boot im Baum", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Am Ende des Hirschgrabens, einem der beiden Kanäle, die radial von der Orangerie aus in den Park verlaufen, findet man eine merkwürdig verzerrte Uhr: Obwohl der Betrachter frontal auf das Zifferblatt schaut, erhält er den Eindruck die Uhr stünde um etwa 45 Grad verdreht. “Clocked Perspective” hat der in Berlin lebende Albaner Anri Sala sein irritierendes Werk genannt. Da die mechanische Uhr zur Ellipse verzerrt ist, muss sie auch ein elliptisches Getriebe aufweisen, so dass die Zeiger beschleunigt und verlangsamt werden. Dadurch zeigt die Uhr trotz der Verzerrungen immer die richtige Zeit an (siehe Foto).

"Documenta 13: Die elliptische Uhr von Anri Sala", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Die elliptische Uhr von Anri Sala", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Zu den Hauptorten der Documenta, dem Fridericianum und der Documenta-Halle am Friedrichsplatz, den Grünflächen der barocken Karlsaue einschließlich der Orangerie und den industriellen Hallen am Hauptbahnhof, gehört auch die Neue Galerie. “Diese ehemals ‘Königliche Gemäldegalerie’ genannte Einrichtung beherbergte in der Vergangenheit die landgräfliche Sammlung Alter Meister. 1976 wurde sie unter dem Namen ‘Neue Galerie‘ wieder eröffnet und dient nun der Ausstellung von Werken der Plastik, der Malerei und der Neuen Medien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart” [Katalog].

"Documenta 13: Blick auf Geoffrey Farmers Leaves of Grass", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Blick auf Geoffrey Farmers Leaves of Grass", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Im ersten Stock ist die fantastische Arbeit “Leaves of Grass” des kanadischen Installationskünstlers Geoffrey Farmer zu bewundern. Er hat fünfzig Jahrgänge des Magazins “Life” zerschnitten, Einzelteile auf Pappe geklebt und an Schilfhalmen befestigt. Entstanden sind so über tausend Silhouetten, die chronologisch hintereinander gestellt, eine irre und phantasievolle Zeitreise ergeben. Auf der anderen Seite dieser Installation sind die Figuren nach einzelnen Themen wie Fotografie, Geschichte, Prominente etc. angeordnet. Für mich eine der besten Arbeit der diesjährigen Documenta, die auch an einem hervorragenden Ort in der Galerie präsentiert wird (siehe Foto und ein Video).

"Documenta 13: Geoffrey Farmers Leaves of Grass (Twiggy)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Geoffrey Farmers Leaves of Grass (Twiggy)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

www.documenta.de

TÜV-geprüfte Galgen und ein Sanatorium

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (9)

Wir sind zurück im “Künstlerdorf” in der Karlsaue. Mitten im Landschaftspark, auf der zentralen Sichtachse zwischen der Orangerie und dem Schwanenteich, hat der US-amerikanische Künstler Sam Durant das hoch aufragende Holzkonstrukt “Scaffold”, ein Mittelding zwischen Klettergerüst und Aussichtsplattform, errichtet. Dass es ein Mahnmal gegen die Todesstrafe ist, erkennt man erst bei genauerem Hinsehen (siehe Foto).

"Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Gerüst besteht aus einzelnen, ineinander verschachtelten Galgen. Noch deutlicher wird dies, wenn man auf das Gerüst klettert; erst dann sieht man, dass die Plattform keine normale Plattform ist, sondern eine seltsame Form aus Podesten, Toren und hoch aufragenden Pfosten aufweist. Einige Bauelemente erinnern an Falltüren. Größe und Material der einzelnen Galgen sollen so genau wie möglich mit der jeweiligen Originalkonstruktion übereinstimmen. Um den heutigen Bau- und Sicherheitsvorschriften zu entsprechen, waren Anpassungen notwendig. Zur Installation gehört eine chronologische Auflistung zur Verwendung dieser Galgen. Ein bedrückendes aber auch eindrucksvolles Werk.

"Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der mexikanische Künstler und Architekt Pedro Reyes hat in der Karlsaue ein Sanatorium errichtet (siehe Foto), in dem die typischen Krankheiten der Städter behandelt werden: Stress, Einsamkeit und Angstgefühle. Es gibt acht Behandlungsmethoden, die mit Placebos vorgenommen werden: Der Patient kann also seine Denkweise selbst korrigieren. Eine Behandlung war während unseres Besuches leider nicht möglich, da die behandelnde Ärztin eine typische Krankheit der Städter aufwies: Sie telefonierte ununterbrochen auf der Wiese vor dem Sanatorium (siehe Foto).

"Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Auch den Kompatibilitätstest für Paare machten wir nicht mit: Beide Partner suchen sich jene Obstsorten aus, mit denen sie sich am meisten identifizieren können. Im Mixer werden diese Sorten dann zusammengerührt. Ob man zusammenpasst – das ist dann reine Geschmackssache. Putzig! Kunst mit heilender Sofortwirkung ohne Erfolgsgarantie?

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Ein Theaterstück und ein Lamellenvorhang

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (8)

Ebenfalls im Nordflügel des Kulturbahnhofs ist eine der eindrucksvollsten Inszenierungen des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, der 2006 auch im Berliner Guggenheim mit der Black Box eine Einzelausstellung hatte, zu sehen. Mein Foto gibt nur einen unzureichenden Eindruck der fantastischen Multimedia-Installation “The Refusal of Time”, in der eine pneumatische Pumpuhr arbeitet, wieder.

"Documenta 13: Großes Zeittheater von William Kentridge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Großes Zeittheater von William Kentridge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

“Das große Zeittheater”, wie Kentridges grandiose Installation auch heißen könnte, handelt von der Entwicklung verschiedener Verfahren zur Normierung der Zeit im Industrie-Zeitalter. Es tauchen viele aus seinen Werken vertraute Motive wieder auf: Pneumatische Uhren, weitere mechanische Gerätschaften, Zylindermegafone, die von riesigen projizierten Metronomen und Filmen begleitet werden. Unbeschreibliche 28 Minuten eines Gesamtkunstwerks.

"Documenta 13: Pneumatische Uhr von William Kentridge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Pneumatische Uhr von William Kentridge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Weiter geht es in die angrenzende Halle, die ehemals von Güterzügen befahren wurde. Nebenan ist, getrennt durch einen Maschendrahtzaun, ein scheinbar noch aktiver Paketumschlagsplatz. Unmittelbar über den nicht mehr genutzten Gleisen hängen die schwarzen Jalousien der in Berlin lebenden Koreanerin Haegue Yang. Ihre Installation fügt sich perfekt in die Halle ein: “Approaching: Choreography Engineered in Never Past Tense” verweist auf die Geschichte der Schwer- und Rüstungsindustrie in Kassel (siehe Foto).

"Documenta 13: Die Jalousien-Skulptur von Haegue Yang", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Documenta 13: Die Jalousien-Skulptur von Haegue Yang", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Alle motorisierten Aluminium-Jalousien werden computerunterstützt gesteuert. Nach einer geisterhaften Choreographie schließen und öffnen sich die beweglichen Lamellen, fahren herauf und hinunter. Sie halten in immer wieder neuen Formationen an und stehen für eine Weile still; jedes Mal entsteht dadurch eine neue Skulptur. In vergrößertem Maßstab erinnert dies auch eine Modell-Eisenbahnanlage, auf der die Züge immer einmal wieder fahren und anhalten. Sehenswert.

Morgen geht es dann um die Werke in der Karlsaue.

www.documenta.de

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