Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Mai 2012

An der Friedensmauer herrscht kein Frieden

Berlin Biennale 2012: Nada Prlja mit Peace Wall in der Friedrichstraße (2)

"Straßensperrung im Namen der Kunst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Straßensperrung im Namen der Kunst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die fünf Meter hohe und zwölf Meter breite Straßensperrung, die diese unsichtbare Stelle der sozialen Spaltung sichtbar machen soll, wird von den Anwohnern und Gewerbetreibenden kontrovers diskutiert. Der Künstlerin und den Ausstellungsmachern dürften genau diese Streitgespräche gefallen, denn die diesjährige Berlin Biennale will eine “politische” Veranstaltung sein. Es stellt sich die Frage, ob die Kunst dabei auf der Strecke bleibt. Eine Baustellenbegehung wird noch bis zum Ende der Biennale am 1. Juli 2012 möglich sein (siehe auch “Straßensperrung im Namen der Kunst“).

www.berlinbiennale.de

Straßensperrung im Namen der Kunst

Berlin Biennale 2012: Nada Prlja mit Peace Wall in der Friedrichstraße (1)

"Straßensperrung im Namen der Kunst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Straßensperrung im Namen der Kunst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Eine der Hauptgeschäftsstraßen in Berlin ist die Friedrichstraße. Sie ist in einen nördlichen Teil mit edlen Nobelmarken, der Galerie Lafayettes und angesagten Restaurants und in einen südlichen Teil mit sozialen Problemen und einer hohen Arbeitslosenrate “geteilt”. An dieser unsichtbaren Trennstelle hat die in London lebende Künstlerin Nada Prlja im Rahmen der Berlin Biennale 2012 eine Straßensperre in Form einer Mauer errichtet.

www.berlinbiennale.de

Die Lichtdome vom Hamburger Bahnhof

Anthony McCall´s “Five Minutes of Pure Sculpture”
im Hamburger Bahnhof in Berlin

"Lichtdom", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Lichtdom", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Historische Halle des Hamburger Bahnhofs hat in der letzten Zeit bereits zwei spektakuläre Umwandlungen erfahren: Mit zwölf lebenden Rentieren (und allerlei Kleintier) verwandelte Carsten Höller mit “Soma” die Halle zum Tableau Vivant und Tomás Saraceno baute vor kurzem seine hängenden, begehbaren Gärten “Cloud Cities” in den Raum hinein.

Jetzt hat der in New York lebende Anthony McCall in der eigentlich lichtdurchfluteten Halle alle hohen Fenster lichtdicht verhängen lassen und sie in eine riesige, dunkle Höhle verwandelt.

Wenn man sich nach einiger Zeit an die totale Dunkelheit gewöhnt hat, sieht man in der mit feinem Nebel gefüllten Halle seine einzigartigen Lichtprojektionen – die “Solid Light Films”. Sie bestehen aus weiß auf schwarz gezeichneten, animierten Linien, so dass aus zwei-dimensionalen Zeichnungen drei-dimensionale Skulpturen werden.

Mit seinen neuen Arbeiten projiziert er die “Bilder” aus zehn Metern Höhe von der Decke auf den Boden, so erinnern sie noch mehr an Skulpturen oder an hallenhohe Lichtdome. Der Besucher kann sie umgehen, mittendurch schreiten oder die Strahlen mit ihren Händen unterbrechen, wodurch sie die auf die Wand oder den Fußboden projizierten Konturen verändern.

“Anthony McCall, britischer Lichtkünstler mit Wohnsitz in New York, hat in seiner ersten Einzelschau in Deutschland etwas zu bieten, das aus Überwältigung und zugleich völliger Leichtigkeit und Flüchtigkeit besteht. Inhaltsschweres oder Theoretisches gibt es nicht in dieser Raumarchitektur aus Licht, Dunkelheit, Nebel.” [Frankfurter Rundschau]

McCall´s frühere, waagerecht auf eine Wand projizierten Arbeiten, die gleichfalls zu sehen sind, erinnern an das Betrachten eines Films im Kino. Sein OEuvre existiert im Grenzbereich von Kino, Skulptur und Zeichnung. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – ist noch bis zum 12. August 2012 in Berlin zu sehen.

www.mccallinberlin.de

My Day With Marilyn

Marilyn Monroe – Die schönste, berühmteste
und schwierigste Schauspielerin ihrer Zeit

“Marilyn, ist es wahr, dass Sie im Bett nichts weiter tragen als Parfüm?” “Da wir in England sind, würde ich sagen, ich schlafe in nichts weiter als in Yardley´s Lavender!”

Es waren die kürzesten neunundneunzig Minuten eines Films und eigentlich sollten sie niemals enden: Sie stehen für eine große Romanze mit der berühmtesten Frau der Welt. Marilyn Monroe (gespielt von Michelle Williams) und ihre einwöchige Liaison mit dem dritten Regieassistenten Colin Clark (Eddie Redmayne) von Sir Laurence Olivier (Kenneth Branagh), der 1956 in London in den Pinewood Studios den Film “Der Prinz und die Tänzerin” drehte und gleichzeitig auch die Hauptrolle übernahm, wird zu einem zarten Liebesfilm.

"My Day With Marilyn", aus "Quadrotura – Lomographien", Foto © Friedhelm Denkeler 2000

"My Day With Marilyn", aus "Quadrotura – Lomographien", Foto © Friedhelm Denkeler 2000

Der Film beruht auf einer wunderbaren Geschichte – wenn sie denn wahr ist: Der britische Dokumentarfilmer Colin Clark hat 2006 seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht. In der ersten Fassung fehlte allerdings eine Woche, diese Woche wurde später publiziert und ist jetzt als “My Week With Marilyn” unter der Regie von Simon Curtis in den Kinos zu sehen. Der Traum aller Männer seiner Zeit wurde für Colin wahr. Marilyn sucht ihn sich als Freund, Beschützer und Vertrauten aus. So könnte es gewesen sein…

“Dass deshalb alle Rettungsversuche, die die Männer um sie herum unternehmen, zum Scheitern verurteilt sind, ist tragisch – aber nur für die Männer. In seinem größten Moment deutet der Film nämlich an, dass Marilyn Monroe nie vor Marilyn Monroe geschützt werden wollte. Sie wollte dieses Leben, auch wenn sie letztlich daran scheiterte.” [Der Spiegel]

Trailer, www.myweekwithmarilyn.de, Filmhandlung auf Wikipedia

Bruce Davidson mit “Subway” in der C/O-Galerie

Bedrohliche Zeichen an der Wand und die Angst fährt immer mit

1980 befand sich New York im Ausnahmezustand: Viele Teile der Stadt versanken in Müll, Ruinen, Gewalt und Armut. Die U-Bahn war ein gefährlicher Ort: Überfälle, Verwahrlosung, Tunnelfeuer und technische Defekte waren an der Tagesordnung.

Ausgerechnet in dieser Zeit porträtiert Bruce Davidson dort unerschrocken und direkt die Reisenden. Er spricht sie stets vorher an und bittet um ihre Einwilligung. Seine Fotos dokumentieren somit das tägliche Leben in New York vor der großen Kriminalitätsbekämpfung. Verwahrloste und graffitibeschmierte U-Bahnen zeigen die Widersprüche des städtischen Lebens zwischen Reich und Arm, zwischen Ghetto und Skyline.

"Bruce Davidson mit Subway-Graffito", Fotocollage © Friedhelm Denkeler 2012

"Bruce Davidson mit Subway-Graffito", Fotocollage © Friedhelm Denkeler 2012

Aber Davidson geht es in erster Linie um die Menschen auf dem engen Raum. Schonungslos zeigt er schwarze und weiße Jugendgangs, Wall Street Broker , Liebespaare, Rabbis, elegante Geschäftsfrauen, coole Discoqueens, Familien, Kids, Obdachlose und Polizisten. “Subway“ ist Davidsons erste Serie, die er in Farbe fotografiert hat. Trotz, oder gerade deshalb, lassen sich mit Hilfe der Bilder die “Geschichten” der Portraitierten erahnen.

Bereits 40 Jahre zuvor machte ein anderer berühmter Fotograf Fotos in der U-Bahn – Walker Evans. Im Gegensatz zu Davidson fotografierte er aber “heimlich”. Er wollte Bilder ohne Interaktion zwischen Fotograf und Fotografierten machen. Das entsprach mehr dem von Evans geprägten Begriff des “dokumentarischen Stils”.

Bruce Davidson, 1933 in Oak Park in den USA geboren, begann schon als Jugendlicher zu fotografieren und studierte Kunst an der Yale University. Während seines Militärdienstes in Frankreich lernte er 1957 Henri Cartier-Bresson, einen der Gründer der Agentur MAGNUM, kennen. 1958 wurde Davidson Mitglied bei MAGNUM. In zahlreichen Projekten dokumentierte er vor allem Menschen in ihrem städtischen Kontext, so sein “East 100th Street”-Projekt, in dem er 1970 das Leben in und um einen Wohnblock dokumentierte.

Neben den Bruce Davidson-Fotos sehen wir bei C/O im Postfuhramt in Berlin, ebenfalls noch bis 20.05.2012, die meisterhaften Porträtfotografien von Arnold Newman (siehe “Das Studio ist für mich eine sterile Welt!”). Anschließend zeigt C/O eine Larry-Clark-Retrospektive.

Fotobuch “Subway”www.co-berlin.info

Die Moritat von Mackie Messer oder: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

“Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat.“

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Und das alles gestern Abend in der Dreigroschenoper von Kurt Weill/ Bertolt Brecht in einer Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater am Schiffsbauerdamm. 84 Jahre nach der Uraufführung am selben Ort hat Wilson mit seinen typischen Elementen, den Slowmotion- und Scherenschnittbewegungen der Darsteller und mit Zitaten aus Stummfilmen der “Oper” seine Handschrift verliehen.

Die Soundeffekte, die raschen Farbenwechsel und das überdeutliche Mimikspiel der prägnant geschminkten Gesichter sind typisch für Wilson, ebenso das minimalistische Bühnenbild: einige Leuchtstofflampen, Bänke, ein Galgen. Das Schauspiel wirkte eher wie ein Tableau vivant als ein Theaterstück und das Bühnenbild erinnerte an Lichtkunst und Installation. Wilson lässt seinen Darstellern, denen er teilweise einen Schuss Drag Queen-Glamour einverleibt hat, dennoch genügend Raum zur Entfaltung.

Da Kurt Weill der Musik Elemente aus Jazz, Tango, Blues und Jahrmarkts-Musik, mit ironischen Seitenhieben auf Oper und Operette, eingefügt hat und durch das zehnköpfige Dreigroschen-Orchester, vergingen die über drei Stunden wie im Fluge.

"Neon-Turm", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Neon-Turm”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Im Prolog trägt ein Moritatensänger auf dem Jahrmarkt die Ballade vom Gaunerchef Mackie Messer vor. Es ist der wohl bekannteste Song aus dem Stück. Ob ich ihn bereits seit 1956 kenne, dem Jahr der folgenden Live-Aufnahme, ist nicht überliefert, aber sicher lief er bereits damals im Radio in einer Fassung von Louis Armstrong. Eine moderne Version habe ich in der Interpretation von Sting gefunden (auf Deutsch!):

Louis Armstrong:
“Mack the Knife”

Sting: “The Moritat Of Mackie Messer”

“Das Premierenpublikum benahm sich, wie es sich einem amüsierwilligen Musical-Publikum geziemt: Zwischenapplaus nach jeder Nummer, am Ende brandeten die Ovationen fast zehn Minuten. Berlin hat endlich den Musical-Hit, auf den es so lange gewartet hat” [Der Spiegel] und natürlich nach dem Zitat “Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank” gab es auch in der 176. Vorstellung spontanen Beifall.

Die Handlung: “Jonathan Peachum (Jürgen Holtz) betreibt einen äußerst florierenden Handel mit der Ausstattung von Bettlern. Das Geschäft mit den ‘Ärmsten der Armen’ läuft sehr gut. Doch dann erfährt er, dass seine Tochter Polly (Christina Drechsler) heimlich den Gangsterboss Mackie Messer (Stefan Kurt) geheiratet hat. Peachum tobt. Die einzige Lösung: Man muss Mackie an den Galgen bringen. Trotz Pollys Warnung verlässt der frischgebackene Ehemann die Stadt nicht, sondern besucht wieder einmal die Huren von Turnbridge. Eine von ihnen, Jenny (Angela Winkler), liefert ihn prompt ans Messer. Seine Hinrichtung scheint unabwendbar, bis ein ‘reitender Bote’ (Walter Schmidinger) der Königin erscheint und Mackies Freilassung sowie seine Erhebung in den Adelsstand verfügt”. [www.berliner-ensemble.de]

Was sieht der Maler in sich?

"Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht...", Caspar David Friedrich (1774-1840), Foto © Friedhelm Denkeler 2007

"Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht...", Caspar David Friedrich (1774-1840), Foto © Friedhelm Denkeler 2007