Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: März 2012

Anselm Kiefer und die Buchstaben-Maschine

Die Ausstellung “Art and Press” im Berliner Martin-Gropius-Bau macht Schlagzeilen (2)

Der erste Gang im Martin-Gropius-Bau führt in der Regel in den Lichthof. Hier schlägt zurzeit auch das Herz der Ausstellung “Art and Press” in Form der Monumental-Skulptur “Die Buchstaben” von Anselm Kiefer. Der 67-Jährige Künstler stellte alte, mit “Sonnenblumen” verzierte Druckmaschinen in den Renaissancebau an der Niederkirchnerstraße. Diese gewaltige Rauminstallation ist eine Hommage an Johannes Gutenberg und die Entstehung des Buchdrucks. Sie steht symbolisch für die Geschichte unserer Zivilisation, denn diese wäre ohne Schrift, ohne das Buch und ohne die Zeitung nicht denkbar.

"Die Buchstabenmaschine von Anselm Kiefer", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Die Buchstabenmaschine von Anselm Kiefer", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die drei maroden Druck- und Setzmaschinen wirken wie bleierne Dinosaurier aus einer allzu fernen, fremden Welt. Auf dem Boden liegen verstreut die Bleibuchstaben umher. Somit zeigt die Installation gleichzeitig den Verlust dieser Buchstaben, die über Jahrhunderte per Hand durch die Drucker gesetzt wurden. Für Kiefer begann ein Prozess der “Verarmung”, als nicht mehr manuell gesetzt wurde. Eine Metapher über das Entstehen von Wissen, Vergänglichkeit und Zukunft, die am Eröffnungsabend gerne digital im Bild festgehalten wurde.

Auf der fünf Meter hohen Schiefertafel (im Hintergrund des Fotos) sind Worte wie „Stille“ oder „Wimpernfeuer“ mit Kreide in Schönschrift eingeschrieben. Es handelt sich um Zeilen aus Paul Celans “Abend der Worte”. Auch diese Kreideschrift wirkt im Jahr 2012 schon leicht antiquiert. Kiefer zeigt mit der mächtigsten Installation dieser Ausstellung, dass man heutzutage Buchstaben nicht mehr “fühlen” kann. Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Das Werk wurde extra für diese Ausstellung geschaffen.

Eine so hochkarätig besetzte Ausstellung, die der Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit in den Medien nachgeht, war wohl noch nie zu sehen. Die Ausstellung, in der mehr als 50 Künstler wie Ai Weiwei, John Baldessari, Christian Boltanski, Gilbert & Georg, Andreas Gursky, Damien Hirst, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Mario Merz, Robert Rauschenberg, Thomas Ruff, Julian Schnabel und Andy Wahrhol zeitgenössische Kunst zum Thema Kunst und Presse zeigen, ist noch bis zum 24. Juni 2012 zu sehen (siehe auch “Gilbert & George – Vom Londoner Zeitungsboulevard in den Berliner Gropius-Bau“).

www.artandpress.de

Gilbert & George – Vom Londoner Zeitungsboulevard in den Berliner Gropius-Bau

Die Ausstellung “Art and Press” im Berliner Martin-Gropius-Bau macht Schlagzeilen (1)

Nachdem wir vor fast einem Jahr die große und großartige Ausstellung “Jack Freak Pictures” des Londoner Künstlerpaars Gilbert & George” in den Hamburger Deichtorhallen sehen konnten (siehe “Gilbert & George: ‘Jeder ist sein eigener Freak’“) konnten wir das Paar gestern Abend, während der Eröffnung der Ausstellung “Art and Press” im Berliner Martin-Gropius-Bau, live inmitten ihrer jüngsten Werke aus dem “London Pictures”-Zyklus erleben. Sie präsentierten nicht nur ihr Werk, sondern auch sich selbst als lebende Skulpturen.

"Gilbert & George im Martin-Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Gilbert & George im Martin-Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Gilbert & George haben Fotos von den “Schürzen” gemacht, die an den Kiosken mit reißerisch aufgemachten Plakaten für die aktuelle Ausgaben der Boulevard-Zeitungen werben. Die Fotos dieser Plakate, die sich auf wenige Informationen, wie Raub, Entführung, Mord und brutale Übergriffe beschränken, wurden von den Künstlern präzise bearbeitet. Zwischen den Schlagzeilen blicken uns Augenpaare, sicherlich die der Künstler, an, aber es könnten auch die der Leser gemeint sein, die die Schlagzeilen tagtäglich im Straßenbild erblicken.

Diese Arbeit “passt” wunderbar zum Thema der Ausstellung “Art and Press”. Gilbert & George bringen das Verhältnis von Kunst und Medien auf eine einfache Formel “Kunst braucht die Presse, die Presse schafft Öffentlichkeit”. Aus 2700 Zeitungsplakaten schufen die Künstler 292 Werke, die zurzeit auch in London in den White Cube Gallerien zu sehen sind.

Die Ausstellung, in der mehr als 50 Künstler wie Ai Weiwei, John Baldessari, Christian Boltanski, Gilbert & Georg, Andreas Gursky, Damien Hirst, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Mario Merz, Robert Rauschenberg, Thomas Ruff, Julian Schnabel und Andy Wahrhol, zeitgenössische Kunst zum Thema Kunst und Presse zeigen, teilweise mit extra für diese Ausstellung konzipierten Werken, ist noch bis zum 24. Juni 2012 zu sehen und ich hoffe, sie ein zweites Mal, ohne das Eröffnungswirrwarr, wahrnehmen zu können. Eine ausführliche Besprechung soll folgen.

www.artandpress.de, Bildergalerie, Video

Ein halbes Jahrhundert “Rolling Stones”

The Rolling Stones mit “Mona (I Need You Baby)”

Dieses Jahr feiern die Rolling Stones das Jahr ihres 50. Bühnenjubiläums. Eine neue Tour wird es allerdings frühestens im nächsten Jahr geben und dann könnte Bassist Bill Wyman wieder mit dabei sein, wie der “Rolling Stone” jetzt meldete. Das Jubiläum nehme ich zum Anlass, um auf meine persönlichen Highlights, auf die “schönsten” Songs der Stones in den vergangenen 50 Jahren zurückzublicken. Den Anfang macht ihr erstes Studioalbum, das am 16. April 1964 in Deutschland und Großbritannien unter dem Titel “The Rolling Stones” veröffentlicht wurde.

Die bekanntesten Songs dieser LP sind “(Get Your Kicks On) Route 66″, “Carol” (geschrieben von Chuck Berry), “Tell Me (You’re Coming Back)” (dies ist der erste Titel bei dem als Komponisten Jagger/Richards angegeben sind), “Little by Little” (Phelge/Spector) und “Mona (I Need You Baby)”.

I tell you Mona what I wanna do/ I’ll build a house next door to you/ Can I see you sometimes?/ We can blow kisses through the blinds/ Yeah can I out come out on the front/ And listen to my heart go bumpety bump

"Das erste Rolling Stones-Album", 1964, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

“Das erste Rolling Stones-Album”, 1964, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der Track “Mona” ist eine wundervolle Blues-Aufnahme mit Live-Atmosphäre aus dem Studio. Er entstand als fünf weiße Jungs sich den Rhythm und Blues der Schwarzen zum Vorbild nahmen und damit die Jugend in den “Beatschuppen” zum Tanzen brachte.

The Rolling Stones: “Mona”

In diesem Clip sind die Stones bei ihrem Auftritt am 19. März 1964, also heute vor 48 Jahren, im Camden Theatre in London zu sehen. Der Film “passt” aber nicht zum Song: Sie singen nicht “Mona”, sondern angeblich “Not Fade Away”. Es ist dennoch ein Zeitdokument.

1964 bestand die Band aus Mick Jagger (Gesang, Harmonika), Keith Richards (E-Gitarre, akustische Gitarre), Charlie Watts (Schlagzeug), Brian Jones (E-Gitarre, Harmonika, Tamburin) und Bill Wyman (E-Bass). Für ihr erstes Album waren zusätzlich Gene Pitney (Klavier), Phil Spector (Gitarre) und Ian Stewart (Orgel, Klavier) mit dabei. Die Debüt-LP wurde von Andrew Loog Oldham produziert und ist bei Decca Records erschienen.

In Großbritannien erreichte das Album, das in Europa nur in Mono erhältlich war, Platz 1 der Charts (in Deutschland kam die LP bis auf Platz 2). Auf der Vorderseite der LP sind nur die fünf Bandmitglieder in Farbe abgebildet zu sehen, sonst nichts. Weder der Name der Band noch der Album-Titel wurden angegeben. Für die damalige Zeit eine äußerst ungewöhnliche Design-Idee, heute würde man sagen innovativ. Der Bandmanager Andrew Loog Oldham war von der Zukunft der Band überzeugt. Am liebsten hätte er sicher noch das Decca-Label entfernt.

Auf der Rückseite des Covers, ganz in schwarz-weiß gehalten, finden sich fünf kleine Porträts der Bandmitglieder, fotografiert von David Bailey und die Titelliste. Die USA-Version erschien wenig später unter Titel “England’s Newest Hit Makers The Rolling Stones” in einer sogenannten “reprocessed stereo”-Version. Außerdem wurde ausgerechnet “Mona” durch den Song “Not Fade Away” (Norman Petty/Buddy Holly) ersetzt.

1964 war auch der Sommer, in dem die ersten Piratenschiffe aus der Nordsee sendeten. Hauptsächlich erinnere ich mich an Radio Caroline. Der erste Titel, den sie sendeten, soll “Not Fade Away” von den Rolling Stones gewesen sein. In diesem Sommer mussten wir Teenager eine wichtige Frage beantworten, eine Frage des Charakters: Willst du ein Beatle oder ein Rolling Stone sein? Die Beantwortung zog sich dann doch noch einige Jahre hin. 1970 erwarb ich mein erstes Album der Stones “The Rolling Stones” aus dem Jahr 1964.

“Everything went young in 1964″ (Andy Warhol, “Popism”)

“Die Geschichte der Rolling Stones ist die Erfolgsgeschichte der Popkultur” (Georg Diez,”The Rolling Stones”)

“Wir machen aus euch genau das Gegenteil dieser netten, sauberen ordentlichen Beatles. Und je mehr die Eltern euch hassen, desto mehr werden euch die Kids lieben. Wartet nur ab.” (Andrew Loog Oldham)

“Das Studio ist für mich eine sterile Welt!”

C/O Berlin zeigt mit “Masterclass” die meisterhaften
Porträtfotografien von Arnold Newman

Ich wusste, dass ich mich zwischen Malerei und Fotografie entscheiden musste und erkannte, dass nicht beides gleichzeitig ging. Ich entschloss mich, meine ganze Energie in die Fotografie zu stecken.

"Porträt am Kanzleramt", Foto © Friedhelm Denkeler 2002

“Porträt am Kanzleramt”, Foto © Friedhelm Denkeler 2002

Sieben Jahrzehnte lang widmete sich Arnold Newman (1918–2006, New York) der Kunst der Porträt-Fotografie. Seine Arbeiten wurden in den einflussreichen Zeitschriften wie Harper’s Bazaar, Life, Look und New Yorker veröffentlicht und finden sich in den bekanntesten Foto-Sammlungen der Welt. Seit 1941 widmete er sich hauptsächlich dem Genre Künstlerporträt. Seit 1968 hielt er auch Vorlesungen und Workshops ab.

Die bestens konzipierte Ausstellung mit über 200 schwarz-weißen Vintageprints gibt in zehn Kapiteln unter den Schlagwörtern Suche, Auswahl, Lebensräume, Licht, Markierungen, Fassaden, Verflechtungen, Geometrien, Sensibilität und Rhythmen, einen guten Einblick in Newmans Schaffen und in seine Arbeitsweise wieder.

Newmans erste fotografische Arbeiten sind von der dokumentarischen Arbeit der Farm Security Administration (FSA), insbesondere der von Walker Evans, beeinflusst. Hier entwickelte er, nach den Anfängen als Maler, seine Arbeit hin zum Porträtfotografen. Er legte auf den richtigen Ausschnitt großen Wert und dies nicht nur bei der Aufnahme und war vom Beschneiden in der Dunkelkammer überzeugt. Ausbelichtungen akzeptierte er nur, wenn sie makellos waren.

Seine Porträts erstellte Newman weniger in den Studios als dort, wo seine Modelle arbeiteten und lebten. Persönlichkeit und Charakter prägte nicht allein der Gesichtsausdruck, sondern auch Dinge, mit denen sich die Abgebildeten umgaben. Natürliches Licht nutzte er gerne, aber wenn es nicht das “richtige” war, setzte er auch künstliches ein. So gibt es in seinen Bildern subtile, manchmal auch dramatische Lichteffekte.

Newman hat viele Künstler, Architekten und Designer fotografiert, vor und neben ihren, oft noch unfertigen Werken. Auf den ersten Blick könnte man denken, sie wurden bei der Arbeit überrascht, so natürlich wirken die Bilder. In Wirklichkeit war die Anordnung sehr sorgfältig gewählt. Doppelbelichtungen, Sandwich-Negative und Collagen gehörten gleichfalls zu Newmans Repertoire.

In den Porträts einflussreicher Menschen, insbesondere aus der Politik, sieht man, dass viele “ein Gesicht” aufsetzten. Newman hat dann eben dieses Gesicht als Kern der Persönlichkeit meisterhaft festgehalten. Es war ihm bewusst, dass gerade auch Künstler immer wieder Zweifel an ihrer Arbeit haben und gleichzeitig stolz auf ihr Werk sind. Dieser Zwiespalt findet sich in seinen Porträts wieder. Linien und Kurven, kontrastierende Bildteile in Schwarz und Weiß, starke Diagonalen ergeben in seinen Werken ein harmonisches und dynamisches Ganzes.

Oh, es gibt diese unsinnigen Regeln und Vorschriften. Du darfst nicht beschneiden, du darfst deinen Abzug nicht bearbeiten, etc., etc. … Aber alle bedeutenden Fotografen, die von diesen Menschen bewundert werden, haben genau das getan!

Das professionelle Studio ist für mich eine sterile Welt. Ich muss nach draußen; die Menschen dort treffen, wo sie zu Hause sind. Ich kann zwar nicht Ihre ‘Seele’ fotografieren, aber ich kann etwas Wesentliches von ihnen erzählen.

Fotografie ist sehr unwirklich. Man nimmt eine dreidimensionale Welt und reduziert sie auf zwei Dimensionen. Man nimmt Farbe und reduziert sie auf Schwarz und Weiß. Und man hält den Fluss der Zeit an. Es steckt viel Trügerisches in der Fotografie. Das muss man erkennen und darauf bauen. Und das gibt dann vielleicht Kunst.

Diese Ausstellung, die man wegen der hervorragenden Prints unbedingt im Original sehen muss, ist noch bis zum 20. Mai 2012 zu sehen. Alle Zitate stammen von Arnold Newman.

www.co-berlin.info, http://www.arnoldnewmanarchive.com/

Neue Aufmerksamkeit für die Polaroid-Fotografie

Künstler lieben die Polas – sie sind absolute Unikate

"Tulips", Foto © Friedhelm Denkeler 1985

"Tulips", Foto © Friedhelm Denkeler 1985

Als im Jahr 2008 das Unternehmen Polaroid das Ende der Produktion von Sofortfilmen bekannt gab, war dies scheinbar auch das Ende der analogen Sofortbild-Fotografie.

Vermeintlich hatte dies die Ausstellungsmacher im Jahr 2011 beflügelt, Sofortbilder zu präsentieren um ihnen eine neue Aufmerksamkeit zu schenken. Auch ich habe mir im letzten Jahr vier Schauen angesehen:

Insbesondere hat die Übernahme des europäischen Teils der berühmten, zwischen 1970 und 1990 entstandenen Polaroid-Sammlung des Unternehmens Polaroid durch die Wiener Fotogalerie “Westlicht” mit 4400 Sofortbildern von 800 Künstlern Aufsehen erregt. 2011 zeigte die Galerie eine erste Überblicksausstellung mit rund 500 Werken.

Inzwischen gibt es wieder Sofortbildfilme unter der Marke “[Im]possible” zu kaufen. Sie werden in Österreich in einer alten Polaroidfabrik produziert. Das Material scheint noch nicht so gut geeignet zu sein, aber Künstler experimentieren bereits damit. Bedingt durch die technisch perfekten und überarbeiteten Digitalbilder, gibt es ein neues Interesse an Authentizität und Wirklichkeit, nach Unschärfe und “falschen” Farben. Aber es geht auch um Nostalgie.

“Insbesondere die eigene, unvergleichliche Ästhetik der Polaroids, die die Farbigkeit und die Kontraste des fotografierten Gegenstandes unvorhersehbar verändert, macht die experimentelle Technik auch für den heutigen Betrachterblick interessant”, so der Kurator der Newton-Ausstellung.

Natürlich muss man auch sehen, dass durch die Digitalisierung das Konservieren der Foto-Arbeiten (insbesondere der Farbbilder) aus den 1960er und 1970er Jahren so erst ermöglicht wird. Trendgemäß habe ich mich mit den eigenen Polaroid-Fotos, die in den 1980er Jahren mit einer “Polaroid SX-70″ entstanden sind, beschäftigt.

Eine Auswahl von 92 Fotos ist mittlerweile eingescannt und ein Autorenbuch ist im Druck. Eine Auswahl dieser Polaroids finden Sie auf meiner Website www.denkeler-foto.de. Anhand der geplanten drei Artikel wird es eine Übersicht über meine zwischen 1980 und 1990 entstandenen Polaroid-SX-70-Fotos geben.