Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Februar 2012

Sonntagsbilder

Start der neuen Rubrik “Sonntagsbild” im “Journal – Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst”

Was ist eigentlich ein Sonntagsbild? Ein “schönes” Bild (was auch immer das nun wieder heißen mag; der Autor legt den Titel quasi mit dem Foto fest); es ist in Farbe (jedenfalls bei meinen Sonntagsbildern); es passt in keine andere Kategorie; es gehört nicht zu einer Serie von Bildern und zu keiner Serie. Kurz gesagt: Es ist ein Einzelbild. Aber es ist kein Sonntagsbild im Sinne der Sonntagsmalerei. Viel Spaß beim Betrachten der Bilder.

"Volkspark Potsdam (BUGA-Park)", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2002

“Volkspark Potsdam (BUGA-Park)”, aus “Sonntagsbilder”, Foto © Friedhelm Denkeler 2002

Berlinale XVII (Schluss): Eine persönliche Bilanz

"Der Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Der Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Preisträger der 62. Internationalen Filmfestspiele 2012 in Berlin habe ich bereits vorgestellt: “Berlinale XVI: Die Bären sind erlegt“. Die Entscheidung der Jury löste nicht bei allen Kritikern Begeisterung aus.

Deshalb zum Schluss dieser Artikelreihe zur Berlinale 2012 eine persönliche Bilanz. Von den 16 gesehenen Filmen des Wettbewerbs werden in Erinnerung bleiben:

  • Matthias Glasner mit “Gnade”, Deutschland:
    Besser kann Kino nicht sein: Eine Geschichte, die vom Anfang bis zum Ende stimmig ist und mit herrlichen Landschafts-aufnahmen vom Nordkap aufwartet.
  • Spiros Stathoulopoulos mit “Metéora”, Griechenland

    Mit der schönsten Liebesszene, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen war und der entscheidenden Frage: Verzweifeln und Aufgeben oder die Liebe als höhere Fügung akzeptieren.

  • Billy Bob Thornton mit “Jayne Mansfield’s Car”, USA: Süßlich kitschige Farben der 1970er Jahre, der Sound dieser Zeit, Kostüme, Frisuren und Oldtimer ergeben ein rundum stimmiges, humorvolles Familiendrama. 
  • Miguel Gomes mit “Tabu”, Portugal: Die tragische Liebesgeschichte lebt von vielen “verrückten” Szenen: Mitten in der Savanne an einem verfallenen Swimmingpool spielt eine Rock ‘n’ Roll-Band.
  • Stephen Daldry mit “Extrem laut und unglaublich nah”, USA  (lief außer Konkurrenz): Eine Geschichte mit vielen Wendungen, auf spannende und vielschichtige Weise mit exzellenten Schauspielern erzählt, ergänzt durch leicht surreale Momente, ergeben ein perfektes Kino.
  • Paolo und Vittorio Taviani mit “Cäsar muss sterben“, Italien: Durch die Beschäftigung mit der Kunst bekommen die Darsteller, allesamt Strafgefangene im Hochsicherheitstrakt, ein neues Selbstverständnis. Der Film macht Mut auf die Zukunft.
  • Christian Petzold mit “Barbara”, Deutschland: Ein Rätsel – das ist positiv gemeint – bleibt am Schluss des Films: Wie kann man in einem untergehenden System leben, wie in solch einer Atmosphäre Menschen vertrauen? Hat man die Freiheit zu gehen oder zu bleiben überhaupt?
  • Hans-Christian Schmid mit “Was bleibt”, Deutschland: Der schwächere von den drei deutschen Filmen des Wettbewerbs: Wir-treffen-uns-alle-mal-wieder-Heimfahr-Wochenend-Film.

Da die meisten dieser Filme im Laufe des Jahres auch in den Lichtspieltheatern gezeigt werden, kann ich alle acht Filme empfehlen. “Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino” lautete der Werbeslogan der deutschen Kinos in den 1960er Jahren und mit dem Anspruch des 2012er Jahrgangs wird es ein lohnender Besuch werden.

Berlinale XVII (Nachtrag): Verfilzung von Politik, Wirtschaft, Medien und Privatleben im 19. Jahrhundert

Kreischalarm am Roten Teppich – wegen Robert Pattinson.
Declan Donnellan/ Nick Ormerod mit “Bel Ami” (GB, 2011, außer Konkurrenz) mit Robert Pattinson, Uma Thurman, Kristin Scott Thomas

"Robert Pattinson im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Robert Pattinson im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

So voll wie am Freitagabend war es in diesem Jahr noch nicht am roten Teppich vor dem Berlinale-Palast – und das alles wegen Robert Pattinson (“The Twilight Saga”, “Harry Potter”). Der (Teenie-)Star nahm sich extra eine Stunde Zeit für seine Fans: Er gab Autogramme und ließ sich geduldig mit ihnen fotografieren. Die gefühlte Handy- und Kameradichte betrug an die 100%.

Damit zog nach Meryl Streep doch noch ein bisschen Glamour in den Berlinale-Palast ein, sieht man von Angelina Jolie, Juliette Binoche, Keanu Reeves und Shah Rhuk Khan u.a. einmal ab, deren Filme aber in anderen Sektionen liefen.

Robert Pattinson war zur Deutschlandpremiere von “Bel Ami” (außer Konkurrenz) nach Deutschland gekommen. Leider war Uma Thurman nicht anwesend.

Robert Pattinson soll sich in seinen Twilight-Filmen mit der Erotik stark zurückgehalten haben, dafür legt er nun bei ”Bel Ami” richtig los. Warum sich allerdings die drei Frauen der reichen Pariser Gesellschaft, gespielt von Christina Ricci, Uma Thurman und Kristin Scott Thomas, zum armen Duroy hingezogen fühlen (sie konnten damals noch nicht wissen, dass es sich Robert Pattinson handelt!) konnten uns die beiden Regisseure in ihrem Erstlingswerk nicht klarmachen.

Auch der Zusammenhang zwischen der Absetzung der Regierung, dem französischen Einmarsch in Marokko und dem Millionengeschäft mit den Kriegsanleihen wird nicht nur vom Hauptdarsteller nicht durchschaut, sondern auch für den Zuschauer ist die Geschichte eher verwirrend. Die Story hangelt sich dafür von Bettszene zu Bettszene. Das ist dann doch ein bisschen “zu dünn”. Vielleicht sollte man mal wieder Guy de Maupassant lesen.

Nach zwei Jahren Militärdienst im nördlichen Afrika lebt Ex-Feldwebel Georges Duroy unter ärmlichen Bedingungen in Paris. Um seinem engen, schmutzigen Zimmer in einem Vorstadtviertel zu entkommen, ist ihm jedes Mittel recht. Zunehmend skrupelloser nutzt er einflussreiche Kampfgefährten und wohlhabende Frauen für seinen Aufstieg in die hauptstädtische Schickeria des späten 19. Jahrhunderts. Mit eiskalter Berechnung stürmt er die Machtpositionen kolonialistischer Börsenspekulanten und sucht zugleich nach amourösen Abenteuern in den Luxusetablissements der Neureichen. Es scheint, als habe Paris mit seinem politisch, moralisch und erotisch fragwürdigen Treiben nur auf ihn gewartet…

Nach mehreren erfolgreichen Verfilmungen, unter anderem 1938 von Willi Forst und 1955 von Louis Daquin, kehrt Guy de Maupassants gesellschaftskritischer Roman Bel-Ami von 1885 ein weiteres Mal auf die Leinwand zurück. Dicht an die literarische Vorlage angelehnt, porträtiert Declan Donnellan einen Parvenü und Karrieristen, der die Verfilzung von Politik und Ökonomie, Medien und Privatleben bedenkenlos für seine eigenen Interessen nutzt. Eine ebenso glamouröse wie sarkastische Gesellschaftskomödie über die Heuchelei als eines der Grundgesetze des bürgerlichen Zeitalters. [Quelle: Filmbeschreibung]

Filmtrailer

Berlinale XVI: Die Bären sind erlegt

Zwiespältiger Eindruck bei der Vergabe der Preise
der 62. Internationalen Filmfestspiele 2012 in Berlin

Damit hatte wohl keiner gerechnet – die Jury vergab den Goldenen Bär an die Brüder Taviani nach Italien, Kritiker und Festivalteilnahmer sahen den deutschen Beitrag von Christian Petzold mit dem Drama ”Barbara”  eher vorn.

"Der digitale Berlinale-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Der digitale Berlinale-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Preisträger

  • Goldener Bär für den besten Film: Cäsar muss sterben“, Italien, von Paolo und Vittorio Taviani
  • Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Just The Wind (Csak A Szél)”, Ungarn, von Bence Fliegauf
  • Silberner Bär – Beste Regie: Christian Petzold für “Barbara”, Deutschland
  • Silberner Bär – Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in “Rebelle (War Witch)”, Kanada
  • Silberner Bär – Beste Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in “Die Königin und der Leibarzt”, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung:
    Lutz Reitemeier für die Kamera in “White Deer Plain (Bay Lu Yuan)”, China
  • Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für “Die Königin und der Leibarzt”, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst:
    Miguel Gomes mit “Tabu”, Portugal
  • Sonderpreis – Silberner Bär:
    Ursula Meier mit “L’enfant d’en haut (Sister)”, Schweiz

Die Pressestimmen

  • Der Tagespiegel: “Bärenlese ohne Biss”, “Die Jury lässt das Neue konsequent beiseite”, “Zwei Auszeichnungen für den honorigen, aber konventionell inszenierten dänischen Historienfilm”, “Begeisterung aber löste die Entscheidung nicht aus”, “Ja, fast alles, was ein zweites Leben auch und gerade im deutschen Kino verdient, wurde geflissentlich übersehen”.
  • Welt am Sonntag: “In gewisser Weise sendet dieser Goldene Bär allerdings das falsche Signal über die Berlinale 2012 in die Welt, denn dies war ein Paradelaufen junger Talente im Wettbewerb. Vor langer Zeit, 1959, gab es diese Situation schon einmal, und damals besaß die Jury den Mut, das hoffnungsvollste Talent, den aufregendsten Trend, mit der höchsten Ehrung zu bedenken: “Schrei, wenn du kannst” von Claude Chabrol, einem dieser jungen Wilden der Nouvelle Vague, erhielt den Goldenen Bären.” “Wer nun fragt, wo die großen Amerikaner und Engländer und Franzosen bleiben, dem muss beschieden werden: Sie gingen leer aus, weil sie ihre besten Filme nicht geschickt haben.”
  • Die Zeit: “Ein goldener Bär für das politische Festival. Die Berlinale will ihren Ruf als engagiertes Festival manifestieren. Mit den Preisen, die jetzt vergeben wurden, hat es diese Selbstverpflichtung weitgehend eingelöst.”
  • FAZ: “… dass ihr Film (Cäsar muss sterben) eher an Strafvollzugsexperimente der siebziger oder achtziger Jahre erinnert; dass dieses Votum sich beim besten Willen nicht als Aufbruchssignal deuten lässt – all das hat die Jury unter ihrem Präsidenten Mike Leigh offenbar gar nicht gekümmert.” “Für Christian Petzold, dessen Film … sich nicht nur viele Kritiker, sondern auch zahlreiche andere Festivalbesucher als Sieger gewünscht hatten, blieb da nur der Regiepreis übrig.” “Nur schwer zu verstehen war, warum die Jury ausgerechnet einen der großen Langweiler im Wettbewerb, Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“, gleich mit zwei Preisen bedachte.”
  • Berliner Morgenpost: “Und dann gab es noch den ungarischen Film “Nur der Wind”, die Aufarbeitung einer realen Mordserie an Roma. Das war zwar nicht der beste Film des Wettbewerbs, wäre aber ein immanentes politisches Statement gegenüber Ungarn gewesen, einem Land, über das das Europaparlament sich ernsthafte Sorgen macht, was Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit angeht.”
  • Der Spiegel: “Die 62. Berlinale hatte alles, was dieses Filmfestival braucht: Starke, politische Filme von jungen, engagierten Filmemachern im Wettbewerb. So kann es Berlin locker mit Cannes und Venedig aufnehmen. Schade nur, dass die Jury unter Mike Leigh ihre Bären so konservativ vergeben hat.” “Dieses Jahr meckern wir also fast gar nicht über das Festival, dieses Jahr meckern wir zur Abwechslung mal über die Jury – es kommt eben immer anders, als man denkt. Wir freuen uns auf die nächste Berlinale.”

Berlinale XV: Magisches Denken und Profitstreben gehen Hand in Hand – im Bürgerkrieg in Afrika

Kim Nguyen mit “Rebelle (War Witch)” (Kanada 2012, im Wettbewerb)

"Kim Nguyen mit seiner Hauptdarstellerin im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Kim Nguyen mit seiner Hauptdarstellerin im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Gestern Nachmittag wurde der letzte von 18 Wettbewerbsfilmen der Berlinale, der um den Goldenen Bären kämpft, gezeigt. Der kanadische Regisseur Kim Nguyen stellte seinen Film über eine Kindersoldatin vor.

Die 14-Jährige Komona erzählt als Rahmenhandlung ihrem ungeborenen Kind, von ihrem vorherigen Leben als Kindersoldatin – und betet, dass sie die Kraft findet, dieses Kind zu lieben.

Nachdem sie ein Gefecht mit den Regierungstruppen überlebt hat, werden ihr magische Fähigkeiten zugesprochen – sie wird zur “War Witch”. Magisches Denken und Profitstreben gehen bei den Rebellen Hand in Hand.

Auf der einen Seite der profane Hintergrund: Schwer bewacht von den Rebellen müssen die Frauen und Kinder das Erz “Coltan”, einen Rohstoff, der für Handys gebraucht wird, aus dem Geröll waschen. Und gleichzeitig glauben die Menschen an gute und böse Zauber und die Toten stehen (als weißgeschminkte) Geister wieder auf.

Mit kaum zu ertragender Intensität sehen wir, mit welcher schonungslosen Brutalität das Mädchen gezwungen wird, ihre eigenen Eltern zu töten, sie misshandelt und benutzt wird. Das Wunder des Films ist, wie es die Hauptfigur dennoch schafft, sich aus den Fängen der marodierenden Einheiten und von den Qualen ihrer Albträume zu befreien. Aber für wie lange?

Die Preisverleihung findet heute Abend während einer Gala im Berlinale-Palast statt. Ich werde sie live auf 3sat verfolgen.

Ein Bürgerkrieg in Afrika. Nachdem ihr Dorf von Rebellen niedergebrannt und ihre Eltern ermordet wurden, sieht sich das Mädchen Komona gezwungen, als Kindersoldatin in den Urwald zu ziehen. Ihr brutaler Kommandant bildet sie nicht nur an der Waffe aus, sondern verlangt auch, dass sie mit ihm schläft. Mitten im Grauen sucht sie Schutz bei einem nur wenig älteren Jungen mit weißen Haaren, den sie Magier nennt und in den sie sich verliebt. Nach ihrer gemeinsamen Flucht aus dem Camp setzt sie alles daran, zurück in ihr Dorf zu gelangen. Dort will sie ihre Eltern begraben, die sonst auf ewig als Geister durch das verwüstete Land irren müssten …

Konsequent aus der Perspektive einer Heranwachsenden erzählt, macht der an authentischen Schauplätzen im Kongo gedrehte, vorwiegend mit Laien besetzte Film die Schrecken des Bürgerkriegs, das Leid von Kindern und Zivilisten transparent. Realistische Bilder werden durch Traumszenen gebrochen, die in afrikanischen Legenden wurzeln; eine unendliche Trauer über Not und Elend schwingt in ihnen mit. Trotz aller Gräuel, die ihr begegnen, erweist sich Komona als Hoffnungsträgerin für einen Kontinent, der sich nach Frieden und Humanität sehnt. [Quelle: Filmbeschreibung]

Berlinale XIV: Zwischen tiefer Nacht und ewiger Dämmerung – Ein deutsches Melodram in Hammerfest

Matthias Glasner mit “Gnade” (Deutschland/ Norwegen 2012,
im Wettbewerb) mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr

"Matthias Glasner, Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Matthias Glasner, Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Aller guten Dinge sind drei: Der gestern gesehene dritte deutsche Wettbewerbsbeitrag “Gnade” von Matthias Glasner war denn auch der beste von den Dreien (Christian Petzold mit “Barbara”, Hans-Christian Schmid mit “Was bleibt”). Überhaupt war, zusammen mit “Just The Wind” von Bence Fliegauf am Nachmittag, aus meiner Sicht der Donnerstag der Höhepunkt des Wettbewerbs.

Glasner erzählt eine Geschichte, die vom Anfang bis zum Ende stimmig ist und die, das ist gegenüber den anderen Filmen eher die Ausnahme, deutlich Stellung bezieht. Das ist mutig und provokant, in einer Zeit, wo man sich am liebsten hinter Anwälten versteckt und zu keiner eigenen Stellungnahme fähig ist.

Er führt die Zuschauer von der Dunkelheit ins Licht und dazu sind die herrlichen Landschafts-aufnahmen in der Dämmerung (teilweise aus größerer Höhe gefilmt) einprägsam und absolut stimmig. Selbst die Lichtstimmung im Haus, mit dem Blick aus dem Fenster in die Polarnacht, ist einmalig. Aber das muss man selbst sehen.

Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr sind auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens und mit Henry Stange konnten wir einen weiteren großartigen Kinderdarsteller der diesjährigen Berlinale sehen. Matthias Glasner hat sich in seinem Drama “Der freie Wille” (Berlinale Wettbewerb 2006) schon einmal ausführlich mit der dunklen Seite der menschlichen Seele beschäftigt. Diesmal allerdings findet er einen versöhnlichen Ausgang, der mit dem Wort “Happyend” nur höchst unzureichend beschrieben wäre. Seelenfrieden wäre passender. Der Film liefert die Bilder, aber die eigentliche Arbeit findet im Kopf statt. Besser kann man einen Film nicht machen.

Der Film “steuert, ohne jemals zu übersteuern, in die Tragödie – und löst sie in einer stillen, kathartischen Szene auf, wie man sie so makellos im Kino lange Zeit nicht gesehen hat” schreibt DER TAGESPIEGEL und DIE ZEIT zieht folgendes Fazit: “Gnade ist ein hervorragend gespieltes Psychodrama, und man kann Glasner Anerkennung entgegen bringen für so viel Klarheit in dem Glauben an seine positive Utopie, dass Vergebung auch unter unwahrscheinlichen Umständen möglich ist.” Besser kann Kino nicht sein und einen Silbernen Bären müsste der Film erhalten, denn der Goldene geht erfahrungsgemäß an einen politisch brisanten Beitrag.

Hammerfest liegt am äußersten nordwestlichen Zipfel von Norwegen am Polarmeer. Zwischen dem 22. November und dem 21. Januar schafft es die Sonne nicht über den Horizont. Zwischen tiefer Nacht und ewiger Dämmerung träumt die Stadt in eisiger Kälte vor sich hin. Hierhin hat es ein deutsches Ehepaar mit seinem Sohn verschlagen. Niels arbeitet als Ingenieur in der größten europäischen Erdgasverflüssigungsanlage auf einer kleinen Insel vor Hammerfest. Maria ist mit ihm gegangen, um ihm seinen Karrieresprung nicht zu versperren. Sie ist Krankenschwester in einem Hospiz für Schwerstkranke.

Nebenher züchten die beiden Schafe. Sie haben sich an die fremde, manchmal irreal erscheinende Welt der Nachtschattenspiele offenbar gut angepasst. Eines Tages wird Maria jedoch auf ihrer Heimfahrt in einen Unfall verwickelt. Sie hat etwas oder jemanden überfahren. Außerstande sich der Situation zu stellen, rast sie in Panik nach Hause. Im Fortgang des Geschehens kommen existenzielle Fragen auf. Kann man ohne Gnade und Vergebung leben? Ein kammerspielartiges Melodram in großen Kinobildern.
[Quelle: Filmbeschreibung]

Filmtrailer

Berlinale XIII: Alles deutet auf das schlimme Ende hin

Bence Fliegauf mit “Just The Wind (Csak A Szél)”
(Ungarn/ Deutschland 2011, im Wettbewerb)

"Bence Fliegauf (re.) mit seinen Hauptdarstellern im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Bence Fliegauf (re.) mit seinen Hauptdarstellern im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der politisch brisante Wettbewerbsbeitrag “Nur der Wind” zeigt, wie das Schweigen und Wegsehen der ungarischen Bevölkerung die gesellschaftlich isolierten Roma ihren Mördern förmlich in die Hände spielt. Fliegauf arbeitete mit Laiendarstellern, allesamt selbst Roma.

Die ungeheuerliche Geschichte beginnt mit dem Begräbnis der getöteten Roma-Familie Lakatos und endet mit der Beerdigung der zweiten getöteten Familie Birdy. Dazwischen sehen wir, wie die Familie Birdy versucht, einen einzigen Tag zu überstehen. Ohne Strom, fließendes Wasser, mit abgelegter Kleidung und der Hoffnung auf die baldige Auswanderung nach Kanada, die ihrem Leben einen Sinn geben wird.

Fliegauf respektiert das Leben der Familie und zeigt ihre Armut ohne Klischees. Er begleitet die Familienmitglieder zur Arbeit und zur Schule mit einer Kamera aus der Rückenperspektive. Man spürt, wie den gehetzten Menschen die Angst im Nacken sitzt. Alles deutet auf das schlimme Ende hin und der Film geht auch wirklich bis an das Ende und lässt nichts mehr offen. Hoffnung zeigt er nicht und will er auch nicht zeigen. Das ist nur schwer zu ertragen, aber sehr empfehlenswert.

Der Tagesspiegel urteilt: “Das hat es auf dieser Berlinale noch nicht gegeben. Ein Film, der so leise ist – und doch ein Schrei. Ein Film, in dem an der Oberfläche oft nur wenig geschieht und doch jede Sekunde von einer ungeheuren, untergründigen Spannung ist.”

Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile: In einem ungarischen Dorf wurde eine Roma-Familie ermordet. Die Täter sind entkommen, niemand will eine Ahnung davon haben, wer das Verbrechen begangen hat. Eine andere Roma-Familie, die nahe dem Tatort lebt, sieht sich in ihrer latenten, mühsam verdrängten Angst bestätigt. Der Vater ist weit weg in Kanada; er möchte seine Frau, die Kinder und den Großvater nachholen, sobald es ihm möglich ist. Die Familie, von rassistischem Terror bedroht und von einer schweigenden Mehrheit im Stich gelassen, versucht den Tag nach der Tat zu überstehen. Und abends, als die Dunkelheit über das Dorf hereinbricht, rückt man im Bett noch enger zusammen als sonst. Doch die Hoffnung, dem Wahnsinn zu entkommen, erweist sich als trügerisch.

Ausgehend von einer realen Mordserie, der in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen, schildert Bence Fliegauf die Pogromstimmung, aus der Gewalt gegen Minderheiten entsteht. Die Kamera haftet sich eng an die Fersen der Figuren und macht ihre zunehmende Atemlosigkeit auch physisch erfahrbar. [Quelle: Filmbeschreibung]

Berlinale XII: Und ewig wogen die Weizenfelder – Zwischen Kaiserreich und Kommunismus

Wang Quan’an mit “White Deer Plain (Bay Lu Yuan)”
(Volksrepublik China 2011, im Wettbewerb)

"Wang Quan’an auf der Bühne des Berlinale-Palastes bei der Vorstellung seines Filmteams", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Wang Quan’an auf der Bühne des Berlinale-Palastes bei der Vorstellung seines Filmteams", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Gestern gab es im Wettbewerb der Berlinale zwei asiatische Filme, zum einen das lockerleichte und ein wenig langweilige “Postcards From The Zoo” aus Indonesien und abends das schwermütige, 188 Minuten lange Historiengemälde aus China “White Deer Plain” zu sehen.

Der Film beginnt mit wogenden Weizenfeldern und ihren Geräuschen im Wind – und endet so auch wieder. Dazwischen wird die Geschichte Chinas, von der Qing-Dynastie bis zum Zweiten Weltkrieg erzählt.

Die Bauern als größte Bevölkerungsgruppe mussten, egal, welche Regierungsform gerade das Sagen hatte, viel Leid erfahren, wurden systematisch unterdrückt und ihre Steuern von den neuen Machthabern jedes Mal erhöht. Die Beständigkeit der Natur ist das einzige, was in Bai lu yuan Hoffnung gibt.

“Wann hätten wir zuletzt eine ähnlich zwingende, hellsichtige Verschmelzung von Liebes- und Historienfilm gesehen, von Sex- und Geschichtskino? Die Gewalt der Geschichte spiegelt die des Geschlechts und umgekehrt” schreibt der Tagesspiegel.

Aufgrund der chronologischen Erzählweise “verliert” der Film seine Hauptfiguren zunehmend aus den Augen und es fällt schwer, ihnen beim “Abarbeiten” der historischen Meilensteine zu folgen. Man müsste den Film ein zweites Mal sehen. Wegen seiner betörenden Landschaftsaufnahmen und der Historie, aber weniger wegen der vielen Grausamkeiten. Aber noch einmal über drei Stunden – das ist zu viel.

Das chinesische Kaiserreich sieht seinem Ende entgegen. In diesen Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs beginnt Wang Quan‘ans Epos. Schauplatz ist das Titel gebende White Deer Village in der Provinz Shaanxi. Bisher haben hier die Großfamilien Bai und Lu sowie deren Söhne friedlich zusammengelebt. Die großen Umwälzungen haben jedoch einen erbitterten Kampf um Land zur Folge. Dabei gerät eine neu ins Dorf gekommene junge Frau zwischen die Fronten. Am Beispiel der beiden Familien reflektiert Wang Quan’an das Schicksal des chinesischen Volkes. Die Warlords werden von den japanischen Invasoren abgelöst und schließlich der Zweite Weltkrieg vom Bürgerkrieg.

“Bay Lu Yuan” ist die Verfilmung des gleichnamigen Historienromans von Chen Zhongshi, der wegen expliziter Sexszenen lange auf dem Index stand. Wie schon in “Tuya’s Hochzeit” (Goldener Bär 2006) und Apart Together (Berlinale 2010) rückt Wang Quan’an erneut ein Frauenschicksal ins Zentrum seiner Geschichte. Die Heldin seines neuen Films wird ihre Schönheit im Kampf um Macht und Überleben einsetzen, und bleibt doch sich selbst und ihrer Liebe treu.
[Quelle: Filmbeschreibung]

Berlinale XI: Ansichtskarten aus dem Zoo von Jakarta

Edwin mit “Postcards From The Zoo (Kebun binatang)”
(Indonesien/ Deutschland/ Hongkong, China 2012, im Wettbewerb)

"Edwin mit seiner Hauptdarstellerin Ladya Cheryl im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

"Edwin mit seiner Hauptdarstellerin Ladya Cheryl im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Aus künstlerischer Sicht gesehen, sind Ansichtskarten eher langweilig. Kinder lieben sie. So ähnlich ist es auch mit dem indonesischen Film “Postcards From The Zoo” von Edwin (ohne Nachnamen). Für die Kinderfilmreihe der Berlinale wäre er passender gewesen.

Großaufnahmen einer Giraffe, von Elefanten und Nilpferden. Eine lustige Eisenbahn, die durch den Zoo fährt. Belehrende Anmerkungen über bedrohte Tierarten. Und Menschen als Besucher, Tierpfleger oder irgendwie Gestrandete, die ihr Leben mit den Tieren teilen. Das Ausbrechen der Hauptdarstellerin aus dieser in sich geschützten Lebenswelt und die Aufnahme einer Arbeit im Massagesalon, ja selbst dies ist für Kinderaugen geeignet.

“Es gibt keine Verbindung des Films zu der gegenwärtigen Situation der Minderheiten in Indonesien. Es ist einfach ein Film, der das Gefühl der Sehnsucht darstellen möchte. Das ist für mich ein wichtiges Thema”, so der Regisseur. Ja, das mag sein und es hätte auch eine schöne Geschichte werden können, aber es hapert an der Umsetzung.

Der Zuschauer wartet auf die entscheidenden Wendungen, Fragestellungen und Auflösungen. Die Frage, ob Lana es in dem Film noch schafft, einer Giraffe am Bauch zu streicheln, ist doch etwas wenig. Sehnsucht hin oder her. Übrigens, ja, sie schafft es.

Fazit: Der bisher schwächste Film im Wettbewerb der Berlinale, zumindest von meiner bisherigen Auswahl. Und es zeigt sich, dass es mittlerweile egal ist, ob ein Film im Wettbewerb oder in einer der zahlreichen anderen Sektionen läuft.

Der Zoo als Sehnsuchtsort. Die Tiere sehnen sich nach Freiheit und so mancher Besucher nach Abenteuer und Wildnis. In dieser Umgebung, in der man sich in andere Welten fantasieren kann, wächst Lana auf. Als kleines Mädchen hat ihr Vater sie im farbenfrohen Tierpark von Jakarta zurückgelassen. Tierpfleger haben sie groß gezogen. Wonach sehnt sich eine junge Frau, die zwischen Giraffen, Elefanten und Nilpferden aufgewachsen ist? Ist der eines Tages auftauchende, zaubernde Cowboy eine Wunschgestalt oder Wirklichkeit? Lana wird ihm assistieren und ihre vertraute Welt verlassen. So plötzlich, wie er erschienen ist, wird er durch einen Zaubertrick auch wieder verschwinden.

Auf sich allein gestellt, beginnt Lana als Masseurin in einem Spa zu arbeiten. Doch die Erinnerung an den Cowboy und das Heimweh nach dem verwunschenen Zoo lassen sie nicht los. Wie bereits “The Blind Pig Who Wants To Fly”, Edwins international gefeiertes Regiedebüt, lädt auch “Postcards From The Zoo” zum Schauen und Schweben ein. Ein Film, der sich den Sehnsüchten überlässt, von denen er erzählt. [Quelle: Filmbeschreibung]