Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Januar 2012

“Ich hab geträumt ich wär ein Hund der träumt!”

Bildgeschichten von Hans Hillmann und Jirí Šalamoun
in der Kunstbibliothek am Berliner Kulturforum

"Beute", Foto © Friedhelm Denkeler 1998

"Beute", Foto © Friedhelm Denkeler 1998

Die Kunstbibliothek stellt noch bis zum 5. Februar 2012 die beiden Grafiker Hans Hillmann (Jg. 1925) und Jirí Šalamoun (Jg. 1935) vor. Beide arbeiten zwischen freier und angewandter Kunst, zwischen Comic und Karikatur, zwischen Zeichnung und Bild und zwischen Schriftform und Bildform. Die eher fotografisch anmutenden Arbeiten Hillmanns fand ich allerdings interessanter.

Hillmann wurde bekannt mit seinen Filmplakaten und Buchhüllen. Für die Zeitschrift “twen” illustrierte er Erzählungen. Beide Künstler erzählen ihre “Geschichten” in Autorenbüchern. Unter dem Titel “Ich hab geträumt ich wär ein Hund der träumt“ ist 1970 das erste von Hillmann erschienen. Der Titel ist Programm und deutet auf das Thema der doppelten Verwandlung hin.

Hilllmanns Arbeiten mündeten in sein zeichnerisches Hauptwerk, der Illustration von Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte “Das Fliegenpapier“. Seine sepiafarbenen Aquarelle kann man auch als Bewunderung für das Schwarz-Weiß-Kino der 1950er Jahre ansehen. Er hat nicht einfach die Filmbilder dargestellt, sondern eigene Szenen entwickelt, die einen neuen Film ergeben. Man denkt an Edward Hopper, der eine eigene malerische Wirklichkeit schuf und sich dabei vom Film und von der Fotografie anregen ließ.

www.smb.museum , Hans Hillmann in der Google-Bildersuche

“Ich bin Marina und ihr seid die Diamonds!”

Marina And The Diamonds: Drinking Champagne Made By The Angel

Drinking champagne made by the angel / Who goes by the name of Glitter and Gabriel / Drinking champagne made all the angels / Tears and pain but I feel celestial

"Engel mit türkisblauen Haaren" (aus der Serie "Pentimenti") Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Engel mit türkisblauen Haaren” (aus der Serie “Pentimenti”) Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Bewusst habe ich sie letzte Woche in der Show von Michael Michalsky während der Fashion Week das erste Mal gehört – Marina And The Diamonds. Nein, nein, ich werde (leider?) nicht unter die Mode-Blogger gehen, sondern sah Michalskys Show auf ARTE.

Unter dem Motto “Lust” schickte er seine Models im Tempodrom über den Laufsteg, unterbrochen von Tanzeinlagen der Damen des Friedrichstadt-Palastes und den Musik-Acts von Frida Gold (“Zeig mir wie du tanzt”) und eben Marina And The Diamonds, die mit Stimme und starker Bühnenpräsenz überzeugte. Michalsky scheint ein Händchen für kommende Stars zu haben, bereits vor Jahren ließ er Lady Gaga und Hurts in seinen Shows auftreten als sie hierzulande noch unbekannt waren.

Das 26-jährige Brit-Girl Marina Diamandis, wie sie bürgerlich heißt, bot die beiden Songs “I Am Not A Robot” und “Hollywood” aus ihrem Debütalbum “The Family Jewels” (2010) dar:

Marina And The Diamonds: I Am Not A Robot

Aus ihren Songs lässt sich eine gelungene Mischung aus Kate Bush, Madonna, Lady Gaga, Kim Wilde und Patti Smith heraushören. Die “Marina” im Song “Hollywood” mag zwar aus Polen stammen, aber im richtigen Leben ist Marina Diamandis eine griechisch-stämmige Waliserin. Ihre selbstgeschriebenen Texte erscheinen halbwegs anspruchsvoll zu sein. Im folgenden Video über die Verführbarkeit des “Amerikanischen Traums” habe ich daher eine Version mit deutschen Untertiteln herausgesucht:

Marina And The Diamonds: Hollywood

Hollywood infected your brain / You wanted kissing in the rain / Living in a movie scene / Puking American dreams

Und “Shampain” erinnert natürlich an Abba:

Marina And The Diamonds: Shampain

Diese drei Titel sind in den letzten Tagen meine Lieblingssongs geworden. Mal sehen, ob die Begeisterung anhält und es bleibt das im Frühjahr erscheinende nächste Album abzuwarten.

Voodoo, Wah-Wah und Fuzz im Berliner Sportpalast

Jimi Hendrix – Der beste Gitarrist aller Zeiten mit Voodoo Child

Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand. / Well, I stand up next to a mountain, / Chop it down with the edge of my hand. / I’m a voodoo child, baby.

"Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast", Foto © Friedhelm Denkeler 1969

“Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast”, Foto © Friedhelm Denkeler 1969

Am 23. Januar 1969, vor 43 Jahren, sah ich im Sportpalast mein erstes Berliner Konzert, nachdem ich im Herbst 1968 in Berlin ankam – The Jimi Hendrix Experience. Gleich nach der Vorgruppe startete James Marshall “Jimi” Hendrix mit “Hey Joe”, und der Saal brodelte.

Weiter ging es mit “Purple Haze”, “Foxy Lady”, “The Wind Cries Mary”,”All Along the Watchtower” und “Sunshine Of Your Love”, und süßliche Rauchschwaden zogen durch die Halle. Herausgesucht habe ich den folgenden Song wegen seiner beispielhaften Wah-Wah- und Fuzz-Effekte:

The Jimi Hendrix Experience: “Voodoo Child (Slight Return)”

“Hendrix baute ein einleitendes Gitarrenriff ein, das einfach alles in sich vereinte, was ihn zum unbestrittenen Champion des Gitarren-Schwergewichts machte – schiere Wah-Wah-Pedal-Herrlichkeit, die sich in seinem umwerfend genialen E-Gitarrenspiel entlud. ‘Well I stand up next to a mountain’, begann er, und ließ keinen Zweifel daran, dass er ebenso gigantisch war wie dieser Berg, wie die Natur selbst, bereit, mit seiner Axt alles niederzumähen.” [Matthew Oshinsky]

"Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast – Plakat", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Jimi Hendrix im Berliner Sportpalast – Plakat”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Damals lösten die total übersteuerten E-Gitarren von Hendrix (und später von anderen Bands) Verstörungen bei vielen Zeitgenossen aus. Diese Verfremdungseffekte wurden mit einem elektrischen “Wah-Wah”-Pedal mit dem Fuß erzeugt; beide Hände konnten somit an der Gitarre verbleiben (typisches Beispiel: Jimi Hendrix: “Voodoo Child”).

Eine weitere Verfremdung des Gitarrensignals wurde mit dem “Fuzz”-Effect (typisches Beispiel: Iron Butterfly: “In A Gadda Da Vida”) erreicht.

Ein halbes Jahr später, im August 1969, wagte sich sich Hendrix im Festival von Woodstock an die amerikanische Nationalhymne. Das “Star Spangled Banner” verfremdete er durch die Einsatz des Wah-Wah-Effektes und der Untermalung von Maschinen-Gewehr-Salven.

Die Botschaft war zur Zeit des Vietnam-Krieges deutlich. Das zeigte sich später auch an “Machine Gun” aus seinem Album “Band of Gypsys”.

Ein Jahr später, am 4. September 1970 gab Jimi Hendrix noch einmal ein Konzert in der Deutschlandhalle. Von Berlin fuhr er direkt nach Fehmarn zu seinem letzten Auftritt.

Am 18. September 1970 starb er mit 27 Jahren in London in seinem Hotel. Die Ära des Superstars währte nur gut drei Jahre. In dieser Zeit entstanden die legendären Alben “Are You Experienced” (1967), “Axis: Bold AS Love”(1967), “Electric Ladyland” (Doppel-LP, 1968) und “Band of Gypsys” (1970).

Das Rolling Stone Magazin kürte Hendrix zum besten Gitarristen aller Zeiten.

Wie die Berliner so sind …

Die 1920er-Jahre – Fotos von Friedrich Seidenstücker und
Chansons von Evelin Förster in der Berlinischen Galerie

"Kirschenverteilung", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Kirschenverteilung", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Friedrich Seidenstücker-Ausstellung wollte ich gerne ein zweites Mal sehen – so bot sich der letzte Freitag an. An diesem Abend “spazierte” die Sängerin Evelin Förster mit ihren Chansons der 1920er- und 1930er-Jahre unter dem Titel “Zwischen Ku’damm und Krögel oder wie die Berliner so sind” durch die Ausstellung “Von Nilpferden und anderen Menschen 1925 – 1958″.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Februar 2012 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Entsprechend den fünf Kapiteln der Ausstellung “Straßenfotografie”, “Akt”, “Landschaft”, “Berlin nach 1945″ und “Zoofotografie” präsentierte Evelin Förster Texte und Chansons passend zu den typischen Seidenstücker-Fotografien im Foyer der Berlinischen Galerie. Die naturgemäß kleinen Original-Fotos wurden dabei stets passend als Dias dem Auditorium vorgestellt.

Der Spaziergang begann mit dem Foto “Feuerwehreinsatz am Potsdamer Platz” und einem Text aus der Berliner Illustrierten Zeitung von 1926 mit dem Titel “Auflauf” und dem Lied “Tempo, Tempo” und endete mit “Aphorismen”, Texten von Erich Mühsam und Frank Wedeking und dem Song “Benjamin, ich hab nichts anzuziehen”, währenddessen der “Akt” aus dem Jahr 1941 von Seidenstücker zu sehen war.

Seidenstückers Aufnahmen entsprechen, anders als die Fotos seiner Zeitgenossen Umbo oder László Moholy-Nagy, eher dem Geist der Amateurfotografie als der damaligen Neuen Sachlichkeit. Er feilt weniger an seinen Kompositionen, sondern besitzt das Gespür für den richtigen Moment. In seiner produktivsten Zeit, zwischen 1920 und 1930, entstanden auch die berühmten “Pfützenspringerinnen”. Den Sinn für Witz und leicht Anzügliches teilt er mit dem anderen großen Berlinfotografen Heinrich Zille.

“Friedrich Seitenstücker war ein fotografierender Spaziergänger. Von Frühling bis Herbst war er auf den Straßen Berlins unterwegs. Er reagierte spontan auf das, was ihm begegnete und gefiel: schöne Frauen, spielende Kinder, Straßenhändler und Arbeiter, Paare am Wannseestrand. Daneben gibt es aber auch Bilder von Arbeitslosenspeisungen und Bettlern, Streikposten vor der AEG und politischen Kundgebungen. Ihm ging es also durchaus um eine komplexe Stadtbeschreibung.” (aus dem Ausstellungstext)

Übrigens: Der Krögel stand bis 1935 als Sinnbild für die mittelalterlich enge Stadtbebauung, für die vielfach menschenunwürdigen und unhygienischen Wohnverhältnisse in Berlins Mitte.

Die St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin

"St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In den Straßen von Berlin (9)

Heute steht die St. Matthäus-Kirche des Schinkelschülers Friedrich August Stüler aus dem 19. Jahrhundert mitten im Kulturforum zwischen den Bauten des 20. Jahrhunderts: Neue Nationalgalerie (Mies van der Rohe), Philharmonie und Neue Staatsbibliothek (Hans Scharoun), Gemäldegalerie und Kupferstichkabinett (Hilmer und Sattler). Bei der Einweihung 1846 war die dreischiffige Backsteinkirche im neoromanischen Stil noch umgeben von Feldern, Gärten und einer Parklandschaft.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Kirche und das sie umgebende Stadtquartier, Geheimratsviertel genannt, vollständig zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte Ende der 1950er Jahre, dabei wurde der Bau nur äußerlich rekonstruiert, der Innenraum wurde neu gestaltet. Das Umfeld der Kirche, an der Nahtstelle zwischen Ost- und West-Berlin gelegen, wurde mit den eingangs genannten Gebäuden ab 1960 zum Kulturforum entwickelt. Vom Kirchturm, der begehbar ist, hat man eine herrliche Aussicht auf die Umgebung. In der Kirche finden regelmäßig klassische Konzerte statt.

St. Matthäus-Kirche um 1870 in einem Stahlstich

“When” – Ein zeitloser Klassiker aus dem Jahr 1958

The Kalin Twins – Erinnerung an die Zeit vor dem Rock´n Roll

"Schulbank 1958", Archiv © Friedhelm Denkeler 1958

“Schulbank 1958″, Archiv © Friedhelm Denkeler 1958

Harold ‘Hal’ Kalin (1934 – 2005) und Herbert ‘Herbie’ Kalin (1934 – 2006) waren die Kalin Twins. In den späten 1950er Jahren hatten sie ihren größten und weltweit bekanntesten Hit “When”. Es sollte auch ihr einziger bleiben.

The Kalin Twins: “When”

In England waren sie 1958 fünf Wochen auf Platz eins der Charts und auch in Deutschland wurde der Song laufend im Radio gespielt. Das One-Hit-Wonder erschien bei Decca Records, wurde von Paul Evans und Jack Reardon geschrieben und über zwei Millionen Mal verkauft.

Ein wunderbarer Klassiker, ein Ohrwurm der die Erinnerungen an meine Schulzeit zurückbringt. Und er steht gleichzeitig für die Musik des Vor-Rock ‘n’ Roll der 1950er Jahre.

When, when you smile, when you smile at me,/ Well, well, I know our love will always be./ When, when you kiss, when you kiss me right,/I, I don’t want to ever say good night.

Die weiteren Hits aus dem Jahr 1958 waren: Jerry Lee Lewis: “Great Balls Of Fire”, Elvis Presley: “Jailhouse Rock”, Paul Anka: “Diana”, Billy Vaughn: “Sail Along Silvery Moon”, Louis Prima: “Buona Sera”, Fred Bertelmann: “Der lachende Vagabund” und Mitch Miller & His Orchestra: “The River Kwai March/ Colonel Bogey”.

Wie Walter Ulbricht beim Frühstück die Mauer aus Würfelzucker plante

Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel in
Leander Haußmanns Tragik-Komödie “Hotel Lux”

"Roter Stern in Radevormwald", Foto © Friedhelm Denkeler 1984

"Roter Stern in Radevormwald", Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Diese Szene des Films wird immer in Erinnerung bleiben – Walter Ulbricht sitzt mit Lotte Kühn beim Frühstück im Hotel Lux in Moskau und stapelt Würfelzucker zu einer Mauer, darauf Lotte “Was machst du denn da?”, “Nichts! Nur so!”.

Der Komiker und Parodist Hans Zeisig (Michael Bully Herbig) tritt 1938 im Nazi-Berlin in einer satirischen Tanzrevue gemeinsam mit Siggi Meyer (Jürgen Vogel) als Stalin und Hitler auf und macht genau einen Hitler-Gag zuviel.

Er muss mit gefälschten Papieren fliehen. Sein eigentliches Ziel ist Hollywood, da er jedoch einen russischen Pass erhielt, landet er in Moskau im Hotel Lux. Hier erging es ihm, wie heute den meisten Deutschen, er wusste nichts über das Hotel, das ein Hotel voller Kommunisten, ein Gästehaus der Kommunistischen Internationalen war.

Kommunisten, die vor den Faschisten geflohen waren, versuchten hier zu überleben, kamen aber vom Regen in die Traufe. Sie wurden bespitzelt, verhört, nach Sibirien verschleppt oder erschossen.

Im diesem Hotel trafen sich alle. Politiker, Schriftsteller, Künstler und auch im Film tummeln sich Exilanten wie Walter Ulbricht, Georgi Dimitroff, Johannes R. Becher, Herbert Wehner oder Wilhelm Pieck.

Der russische Geheimdienst unter dem NKWD-Chef Jeschow verwechselt Zeisig mit Hitlers Leibastrologen Hansen. Kurz und gut, Zeisig und der aus dem Untergrund wieder aufgetauchte Meyer, fliehen, nun als Stalin und Hitler verkleidet, gemeinsam mit der Frau, die zwischen beiden steht, Frida van Oorten (Thekla Reuten).

Ein sehenswerter Kinospaß, der zur absurden Geschichtsstunde wird. Gekonnt werden die Rollen gewechselt, die Regieeinfälle purzeln nur so, das Zeitkolorit ist authentisch und den Zuschauern hat es gefallen. Spätestens jetzt ist ihnen das Hotel Lux ein Begriff.

www.hotel-lux-film.de

Von der Blauen Stunde mit den Mohnblüten, über das Tango tanzen in der Neonzone bis zu den Eintrittskarten in die Nacht

“Ungleich Nacht – Fotografien der Gruppe 97″ in der Galerie im Saalbau

"Strandbar unter Palmen bei Nacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Strandbar unter Palmen bei Nacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

So stelle ich mir eine gute Gruppenausstellung vor: Sechs Fotografen zeigen ihre eigenständigen Portfolios mit einer gemeinsamen Blickrichtung, der Nacht. Und so passt der Titel “Ungleich Nacht” perfekt zu der sehenswerten Schau im Saalbau in der Neuköllner Karl-Marx-Straße.

Wenn dann die Bilder in den vier Räumen der Galerie auch vorzüglich gehängt und aufeinander abgestimmt sind, kann man nur noch die Empfehlung “unbedingt ansehen” aussprechen.

Auch von den Gästen der gutbesuchten Vernissage am letzten Freitag, auf der Barbara Maria Zollner die Arbeiten vorstellte, hörte ich nur Lobenswertes.

Nun zu den Arbeiten:

“Nachtleben”, Ursula Kelm: “Die Stunde zwischen Tag und Traum, Zeit des Übergangs, Dämmerung, l’heure bleue, die blaue Stunde ist ein romantisches Thema”, das Ursula Kelm in ihrer aus Unikaten bestehenden Arbeit vorstellt. Neben SX-Polaroid-Fotos sind insbesondere die sogenannten Transferbilder zu erwähnen, auf denen Kelm die Polaroids vom Trägerbild gelöst und auf Seidenpapier aufgebracht hat. Diese Technik unterstreicht das Piktorialistische in ihren Fotografien und alltägliche Stadtansichten werden so zu traumhaften Inszenierungen.

“Was ist, wenn ich’s nicht sehe”, Susanne Czichowski: Die Mohnblüte und andere “alltägliche Gewächse leuchten wie phosphoreszierend aus dem Dunkel, ätherische Erscheinungen vorm brandenburgischem Wochenendhaus der Künstlerin. Im Schein einer Taschenlampe aus der Hand fotografiert, enthüllen die Dinge – Gräser, der Fruchtstand einer Pflanze, Blätter im Wasser, eine Schnecke – ihre Beschaffenheit und ihr Eigenleben: Perlen von Saft, zarte Härchen auf sprödem Stiel, hauchfeine Panzerglieder – bizarr und kostbar.”

“Milonga veneziana”, Frank-Rüdiger Berger: Mit Einbruch der Nacht treffen sich in Venedig auf der kleinen Piazza in San Polo die Bewohner, um Tango zu tanzen. “Die Feuchtigkeit, die das Licht zerfließen lässt, verstärkt noch die eigenartige Wirkung von Frank-Rüdiger Bergers Tanzfotografien, die flüchtige Bewegungen in verwischten Figuren verewigt – Bewegungspuren aus Licht und Schatten in nächtlichem Laternenschein.”

“Zweierlei”, Barbara Oehler: “Die Bilder der Serie Zweierlei sind Bilder von besonderer Nähe. Ihre Freundinnen, die Barbara Oehler hier fotografiert hat, tragen Masken – doch die Gesichtspflege-Masken überdecken nicht, sondern unterstreichen den persönlichen Ausdruck der Portraitierten, deren Blick zugleich in die Ferne wie nach innen gerichtet scheint, versonnen, wie unbeobachtet, aber bewusst – ein Paradox ebenso wie die Masken selbst.”

“Neonzone”, Sylvia Forsten: Nächtliche Szenen, die Sylvia Forsten im Senegal und im Berliner Kiez mit dem vorhandenen Neonlicht aufgenommen hat “gleichen sich unterm Rotlicht, blauem Flimmern oder grünem Leuchten, bis mit Tagesanbruch der Glanz verblasst. Die Euphorie weicht der Tristesse, die Wirklichkeit wird fahl und grau. Manchmal kommt die Ernüchterung schon früher, in Kneipen vorm Morgengrauen trinken die Enttäuschten dagegen an”.

“Eintrittskarten in die Nacht”, Angela Kröll: Sammler heben gerne Eintrittskarten auf. Angela Kröll hat dies über 20 Jahre lang getan. Und wenn man dann auch noch gleichzeitig fotografiert und beides in Collagen in Originalgröße komponiert, entstehen neue Bilder. “Jede dieser Eintrittskarten lohnt die genaue Betrachtung, denn sie erzählen eine kleine Geschichte, in die des Betrachters eigene Nachterlebnisse und -phantasien einfließen.”

“Bei Nacht sind alle…” Bilder anders. Die Nacht zeigt nicht nur die andere Seite von Menschen, Landschaften und Gegenständen, sondern verstärkt sie – wo Licht ins Dunkel fällt – auch in ihrer Besonderheit. Dieser Nachtseite sind die sechs Berliner Fotografen der Gruppe 97, die seit 1997 existiert, in ganz unterschiedlicher Weise und mit verschiedenen fotografischen Techniken auf die Spur gegangen.

Alle Zitate sind von Barbara Maria Zollner, die mir dankenswerter Weise das Skript ihrer Eröffnungsrede zur Verfügung stellte. Schauen Sie sich selbst die vielfältigen Gesichter der Nacht noch bis zum 12. Februar 2012 in der Galerie im Saalbau in Neukölln an und gehen Sie am besten bei einbrechender Dunkelheit dorthin.

Gruppe 97, Ursula Kelm, Galerie im Saalbau, Barbara Maria Zollner

Gerhard Richter. Panorama

Neue Nationalgalerie Berlin 12. Februar bis 13. Mai 2012

"Unbekannte Schöne nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Unbekannte Schöne nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Am 9. Februar 2012 feiert Gerhard Richter seinen 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass richtet die Nationalgalerie gemeinsam mit der Tate Modern in London und dem Centre Pompidou in Paris eine umfassende Retrospektive seines Ãuvres aus.

Etwa 150 Gemälde aus allen Schaffensphasen des umfangreichen Werkes vermitteln in einer pointierten Auswahl, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstand, einen Einblick in das thematisch wie stilistisch facettenreiche Schaffen.

Kanonisch gewordene Bilder, wie das der die Treppe herabsteigenden Ema (1966) und der sich vom Betrachter abwendenden Betty (1988), werden mit selten oder noch nie gezeigten Arbeiten kombiniert – zentrale Beispiele einer Schaffensphase oder Werkgruppe werden mit Einzelgängern und Vorweggriffen auf Späteres in Bezug gesetzt.

In einer weitestgehend chronologisch strukturierten Ausstellungsdramaturgie wird das Zwiegespräch zwischen Abstraktion und Figuration als ein sich über alle Jahrzehnte fortsetzender Dialog deutlich werden, ein Dialog, der sich bereits im allerersten Gemälde aus Richters Werkkatalog, dem ebenfalls gezeigten Werk Tisch von 1962 ankündigt.

Die von Gerhard Richter vielseitig vorangetriebene Befragung des Mediums der Malerei führt – und auch dies will die Ausstellung zeigen – auf konsequente Weise zu ihrer Übertretung.

Das Bild als Fläche, als Fenster, als Durchblick und Blickfeld leiten hinüber zu Richters Auseinandersetzung mit Spiegeln und Glasscheiben, in der die Frage nach der Möglichkeit von Repräsentation kulminiert. An diesem Punkt entsteht eine Korrespondenz ganz eigener Art: Richters Glasscheiben und gläserne Stellwände, wie auch seine in täuschendem Illusionismus gemalten Wolken und Fensterbilder treten in einen beziehungsreichen und charmanten Dialog mit Mies van der Rohes auf Durchlässigkeit angelegten Architektur des Gebäudes der Neuen Nationalgalerie.

Eigens für die Berliner Ausstellung verwirklicht Gerhard Richter erstmals die Version I seiner abstrakten, aleatorischen Arbeit 4900 Farben, die, über 200 Meter hinweg, die gesamte Ausstellung umrahmen werden. [Quelle: Presseerklärung]

www.gerhardrichterinberlin.org

siehe auch “Gerhard Richter. Bilder einer Epoche”  und  “Ich kaufe keine Photos!”  

Rolf Eden – Der ungekrönte Discokönig von West-Berlin

“Leben mit Eden” – “Er brachte das Licht nach Berlin”

"Größe 38 am Kurfürstendamm (für Rolf Eden)", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"Größe 38 am Kurfürstendamm (für Rolf Eden)", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Einer der ersten Clubs, den ich 1968, gerade in Berlin angekommen, besuchte, lag am Kurfürstendamm Nr. 202: das “Big Eden”. Der Ruf dieser legendären Diskothek begründete sich allein auf seinen Besitzer Rolf Eden, den einzigen Playboy Berlins, der Schöne, Reiche und Prominente in den großen Kellerraum lockte.

Mit der Wendezeit, neuen Musiktrends und der Verlagerung der Partyszene in den Ostteil der Stadt (“Tresor”, “Bunker”), begann der Niedergang des Clubs, den Rolf Eden 2002 endgültig verkaufte.

Das Big Eden war nicht sein einziges Etablissement. Es begann mit dem Old-Eden, dann folgten der New-Eden und zwei weitere Clubs, die heute alle nicht mehr existieren. Der ungekrönte Discokönig Berlins ist mit seinen 81 Jahren noch immer Playboy, mittlerweile verdient er aber sein Geld mit Mietshäusern.

Im aktuellen Dokumentarfilm von Peter Dörfler “The Big Eden” werden die Fotos seiner “Wall of F.” wieder lebendig. Dörfler lässt den 1930 in Berlin geborenen Eden sein Leben erzählen, das ihn 1933 nach Palästina und über Paris 1957 wieder nach Berlin führte. Seine Frauen und Gespielinnen, Kinder und Freunde treten gleichfalls vor die Kamera. (Filmausschnitte).

Insbesondere sind immer wieder Super8-Aufnahmen, die Eden oder seine Begleiter auf den zahlreichen Reisen selbst gedreht haben, als Zeitdokument zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass lange vor YouTube und Facebook Rolf Eden der Erfinder des Video-Tagebuchs war. Der Film zeigt einen freundlichen älteren Herrn, der seine Eitelkeit unumwunden zugibt, einen großzügigen Egomanen und lebenslang Pubertierenden. Irgendwie rührend. Ein Film zum Jahresanfang, jenseits aller Tristesse des Lebens, den man ungeachtet aller gesellschaftlichen Kritik, mit einem breiten Grinsen verfolgt.

Der Film ist im “Cinema Paris” zu sehen und bei dieser Gelegenheit kann man sich im “Institut Francais” auch die Fotoausstellung “Prèsences Uniformes” von Richard Tronson ansehen (bis 31.01.2011, weitere Informationen hier).

Im Journal hat es keinen Jahresrückblick gegeben, aber ein Hinweis auf die aus meiner Sicht fünf besten Filme 2011 sei erlaubt:

Man hat niemals Zeit

"Man hat niemals Zeit, es richtig zu machen, aber immer Zeit, es noch einmal zu machen", Volksmund, Foto und Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

"Man hat niemals Zeit, es richtig zu machen, aber immer Zeit, es noch einmal zu machen", Volksmund, Foto und Grafik © Friedhelm Denkeler

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