Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Dezember 2011

Zwei mitternächtliche Kanonenschläge vor 50 Jahren – Adolf Tegtmeier: “Dat is vielleicht ein Dingen!”

"Silvester 1961", Foto © Friedhelm Denkeler 1961

"Silvester 1961", Foto © Friedhelm Denkeler 1961

Jürgen von Manger als Schwiegermuttermörder
und eine Installation zum Jahreswechsel 1961/62

Silvester 1961, vor genau 50 Jahren also, hörten wir die erste Sendung von Jürgen von Manger (*1923, † 1994) im Radio – der Norddeutsche Rundfunk brachte den “Schwiegermuttermörder” im Ruhrgebiets-Dialekt. Die Sprache war mir sehr vertraut, denn meine Eltern stammten aus Dortmund, meine Verwandten wohnten in Castrop-Rauxel und Lüdenscheid. Jürgen von Manger stellte die Sprache der Ruhrgebiet-Bewohner bis ins Komische dar. In den nachfolgenden Jahren bis in die 1980er Jahre habe ich seine Auftritte im Fernsehen als Kultfigur “Adolf Tegtmeier” immer wieder gerne gesehen. Tegtmeiers Mimik allein war schon sehr eigentümlich und einmalig. Also ääährlich!

1961 also bereitete ich mich auf den Jahreswechsel mit einer Installation vor, bestehend aus zwei mit kleinen Knallern gefüllten Mini-Kanonen. Was genau dann um Mitternacht passierte, ist leider nicht überliefert. Ein zufriedenes und gesundes Jahr 2012 wünscht Friedhelm Denkeler.

Jürgen von Manger: “Der Schwiegermuttermörder”

Siehe auch der Artikel zum Jahreswechsel 2010/11 “Sächsischer Baguetteboden”

“Forever In Blue Jeans!”

Geld gibt den Ton an, doch es singt und tanzt nicht

In diesem Jahr feierten sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Eric Burdon “Am Anfang war es tierisch …“, Bob Dylan “Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …“, Chubby Checker “Vom Rock ‘n’ Roll zum Twist – Let’s twist again”, David Crosby “If I Could Only Remember My Name … David Crosby” und Art Garfunkel “Spion im Gabardine-Anzug und Kamera in der Fliege” habe ich bereits vorgestellt. Heute soll es um ”Neil Diamond” gehen.

Money talks / But it don’t sing and dance / And it don’t walk / And long as I can have you here with me / I’d much rather be / Forever in blue jeans

"Second Hand Model", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

“Second Hand Model”, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Seinen ersten selbst geschriebenen Songtext “I’m a Believer” von 1967, der zum Welterfolg wurde, ließ Neil Diamond von den Monkees interpretieren. Diese Single wurde auch ihre erfolgreichste und stand sechs Wochen auf Platz 1 in Deutschland. Diamonds erster persönlicher Nummer-1-Hit war 1970 “Cracklin’ Rosie”, dann folgte ein Jahr später “I Am… I Said” und 1972 “Song Sung Blue”.

1976 erreichte sein Album “Beautiful Noise” (mit der ausgekoppelten gleichnamigen Single) auch in Deutschland die Spitze der Album-Charts.

Zum Film “Die Möwe Jonathan (Jonathan Livingston Seagull)” lieferte er 1973 die Filmmusik. Trotz der tollen Naturaufnahmen floppte der Film, aber die Filmmusik wurde weltberühmt. Er erhielt dafür 1974 den höchsten Musikpreis, den Grammy.

In alle Songs, die sich in meinem Rock-Archiv von Neil Diamond befinden, habe ich noch einmal hineingehört, aber “Forever In Blue Jeans” aus dem Jahr 1978 bleibt mein Lieblingssong, dicht gefolgt von “I Am … I Said” und “Song Sung Blue”, die alle eine melancholische Grundlage haben.

Neil Diamond: “Forever In Blue Jeans”

In diesem Video aus dem Jahr 2010 ist Neil Diamond in der BBC-Musik-Sendung “Later with Jools Holland” mit “Forever In Blue Jeans” zu sehen. In der letzten Szene sieht man übrigens Paul McCartney, der neben Elvis Costello ebenfalls in der Sendung auftrat. Diese Kultsendung ist in Deutschland auf ZDF.Kultur zu sehen (z.B. 2. bis 6. Januar 2012, jeweils 18.50, in Berlin leider nicht über DVB-T und DVB-C, aber im Netz finden wir’s).

Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag wurde Diamond auch in die “Rock and Roll Hall of Fame” aufgenommen. Für immer Blue Jeans!

Mein heutiges Foto stammt aus dem 2007 entstandenen Portfolio “Second Hand Model“.

“Früher war mehr Lametta!”

"Historischer Weihnachtsbaum", Foto © Friedhelm Denkeler 1961

"Historischer Weihnachtsbaum", Foto © Friedhelm Denkeler 1961

Ein Weihnachtsbaum vor 50 Jahren mit Lametta und echten Kerzen

Meine 50 Jahre alte Photographie liefert den Beweis – früher war mehr Lametta und vor allen Dingen war der Baum mit echten Kerzen ausgestattet. Loriot’s Opa Hoppenstedt hat den Spruch zwar doppeldeutig gemeint, aber in dem Sketch “Weihnachten bei Hoppenstedts” kommt der Baum naturfrisch und umweltfreundlich, also ohne Lametta, daher und natürlich kippt er beim Schmücken um. Opa will jetzt endlich sein Geschenk haben und Enkel “Dicki” sagt ein Weihnachtsgedicht auf: “Zicke Zacke Hühnerkacke.” Fröhliche Weihnachten!

Weihnachten bei Hoppenstedts 

Siehe auch der Weihnachtsartikel 2010 David Bowie besucht Bing Crosby zu Hause

Ein Natur-Container aus Eibenbüschen

"Grüner Container", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Grüner Container", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Preis der Nationalgalerie für junge Kunst
im Hamburger Bahnhof bis zum 8. Januar 2012

Bereits auf dem Weg in den Hamburger Bahnhof fällt er auf – der “grüne Müll-Container” der in Berlin lebenden Schwedin Klara Lidén. Neben Kitty Kraus, Andro Wekua und Cyprien Gaillard war sie eine der vier Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011. Alle vier Künstler zeigen im Museum Skulpturen, Filme und Installationen. Malerei sucht man allerdings vergebens.

Die 1979 geboren Klara Lidén hat ihren “Natur”-Container mit einer Außenhaut aus Eibenbüschen zurechtgeschnitten. Im Inneren wachsen Unkrautpflanzen aus dem städtischen Umfeld – das soll den Gegensatz zwischen Urbanität und unkontrollierter Natur, sowie zwischen Reglementierung und Chaos verdeutlichen. Ihre zweite Arbeit ist noch irritierender: Ein etwa dreiminütiges Video zeigt in den Ausstellungsräumen die Künstlerin, mit dem Rücken zum Betrachter, an ihrem Schreibtisch sitzend. Plötzlich steht sie auf, tritt an den Papierkorb heran und verschwindet darin.

Den Preis in Höhe von 50.000 EURO, der alle zwei Jahre vom Verein der Freunde der Nationalgalerie an in Deutschland lebende bildende Künstler unter 40 Jahren verliehen wird, gewann dieses Jahr Cyprien Gaillard.

www.preis2011.de

Der Urvater der Paparazzi-Fotografie – Ron Galella

 C/O-Galerie Berlin bis zum 26. Februar 2012: Paparazzo Extraordinaire!

Wenn jemand sagt: “Keine Fotos!” – dann versuch ich, keine mehr zu machen. Aber bevor er das sagt, mache ich so viele, ich kann. Das ist das Spiel. [Ron Galella]

"Keine Fotos!", Foto © Friedhelm Denkeler 1998

“Keine Fotos!”, Foto © Friedhelm Denkeler 1998

Unter dieser Maxime hat das Vorbild aller Paparazzi, der 1931 in New York geborene Ron Galella, sein ganzes Leben lang Prominente aufgespürt und fotografiert: Marlene Dietrich, Frank Sinatra, Jacqueline Kennedy, Liz Taylor, Marlon Brando, Robert Redford, Elizabeth Taylor, Andy Warhol, Grace Jones, Michael Jackson, Kate Moss, Bruce Springsteen, Elvis Presley, Cher, Mick Jagger – um nur einige zu nennen.

Ron Galella ist kein Paparazzo der Jetzt-Zeit, der aus dem Hubschrauber heraus das Leben von Celebrities mit Teleobjektiv heranzoomt oder sich hinter Hecken postiert. Er lebt in der Welt der Prominenz, vor allem der 1970er- und 1980er-Jahre, deshalb ist wirklich Privates nicht zu sehen. “Give and Take” lautet der unausgesprochene Vertrag zwischen dem Fotografen und Prominenten und die Grenze zwischen Authentizität und Inszenierung ist fließend. Galella lässt seine “Opfer” möglichst gut aussehen.

“Aus dieser Masse der anonymen Fotografen gibt es ja ganz wenige, die überhaupt den Weg schaffen an die Öffentlichkeit, und wir haben uns für die Ausstellung entschlossen, weil das ja jemand ist, der über 40 Jahre fotografiert hat und seinem Genre treu geblieben ist. Und diese Stringenz, also sich so lang mit dem Thema Paparazzi-Fotografie auseinanderzusetzen in der westlichen Welt, also das ist ja hauptsächlich New York und Europa, wo er fotografiert, ist das, wo ich schon finde, dass da eine ganz bestimmte Handschrift dahintersteckt, die einen begeistern kann.” [Felix Hoffmann, Kurator der Ausstellung]

Ron Galellas rund 140 Schwarz/Weiß-Fotografien sind nicht komponiert, sie sind “geschossen”, sie wollen auch keine Kunst sein. Viele der Abgelichteten erscheinen portraitiert dargestellt, aber ohne die Anmutung, wirklich ein Portrait zu sein. Dadurch wirken die Bilder etwas stereotyp und langweilig, wenn man das “Prominent sein” einmal außer Acht lässt – also nicht uneingeschränkt empfehlenswert, es sei denn, man ist ein Prominenten-Junkie. Gleichzeitig stellt C/O allerdings Gundula Schulze Eldowy mit den Fotos ihrer “Frühen Jahre” aus und allein deshalb lohnt sich der Besuch. Dazu demnächst mehr.

www.rongalella.comwww.co-berlin.info

Stiller Widerstand – Russischer Piktorialismus 1900-1930

Die piktorialistische Fotografie in Russland wird neu betrachtet

Anfang des 20. Jahrhunderts litten viele Künstler in Russland unter den Verfolgungen und Repressalien der Kommunisten, so auch die Piktorialisten wie Alexander Grinberg, Juri Jerjomin, Nikolai Andreev und Nikolaj Swischtschow-Paola. Ende der 1920er Jahre begann nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch in der Fotografie die Suche nach dem “Feind” und den Piktorialisten sagte man eine Vorliebe für bürgerliche Werte nach.

"Erich Meinert im russischen Winter", ca. 1943, Archiv © F. Denkeler

"Erich Meinert im russischen Winter", ca. 1943, Archiv © F. Denkeler

Ihre Werke fügten sich zwar in den internationalen künstlerischen Kontext ein und erhielten Gold- und Silbermedaillen auf den größten internationalen Foto-Ausstellungen und -salons in Europa, den USA und Japan, eben auch weil sie ihrer künstlerischen Richtung treu blieben, aber gegen Ende der 1930er Jahre setzte sich in Russland endgültig die von oben verordnete Ästhetik des sozialistischen Realismus durch.

Der Piktorialismus blieb eine stille Art von Widerstand, denn auf den Bildern sieht man romantische Landschaften, mystische Orte und individuelle Schönheiten. Trotzdem erhielten die Künstler keine Aufträge mehr, verloren ihre Arbeitserlaubnis, mussten ihre Heimatstadt verlassen oder landeten im Gulag wie Alexander Grinberg. Grinbergs weibliche Akte passten einfach nicht zum Bild der arbeitsamen russischen Frau.

Die Werke blieben über ein halbes Jahrhundert unbeachtet, wurden nie gezeigt oder gingen verloren. Erst jetzt beginnt eine kunsthistorische Aufarbeitung des Piktoralismus. Der Martin-Gropius-Bau zeigt momentan einen Querschnitt der Meister dieser Fotografie mit rund 160 Werken.

Die Piktorialisten strebten nach einer Annäherung an die Malerei und setzten weichzeichnende Objektive und eine besondere, oftmals sehr komplizierte Abzugstechnik ein. Im Gegensatz zu den Dokumentaristen suchten sie, wie auch die Malerei, nach einem gefühlvollen Klang ihrer Werke, der seinen Ausdruck in den individuellen Deutungen und Zielen des Künstlers fand.

Die Ausstellung “Stiller Widerstand. Russischer Piktorialismus 1900 – 1930″ findet im Rahmen des 20jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Berlin-Moskau statt und setzt dem Russischen Piktorialismus ein bemerkenswertes Denkmal. Die “Moskauer Tage in Berlin” sind nur noch bis zum 18. Dezember 2011 zu sehen. Der Eintritt ist übrigens frei und wohl deshalb gibt es auch keine mehrstündige Wartezeit.

Die Kunst ist Dienst am Volk, doch das Volk wird an der Nase herumgeführt. Ich aber will das Volk zur Kunst hinführen und nicht mit der Kunst in die Irre führen. Wurde ich zu früh oder zu spät geboren? Kunst und Politik müssen getrennt werden … [Alexander Rodtschenko, Tagebuch 12. Februar 1943]

www.martin-gropius-bau.deVideo zur Ausstellung von kunst+film

Sehen und gesehen werden – am Zeughaus

"Die Glasspindel des I. M. Pei am Zeughaus", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Die Glasspindel des I. M. Pei am Zeughaus", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In den Straßen von Berlin (8)

Das ehemalige Zeughaus Unter den Linden beherbergt mittlerweile das Deutsche Historische Museum mit seiner Dauerausstellung “Bilder und Zeugnisse der deutschen Geschichte”. Für Wechselausstellungen gibt es auf der Rückseite des Gebäudes seit 2003 einen von Ioeh Ming Pei, dem großen Architekten der Gegenwart, entworfenen Neubau mit 2.700 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Pei hat trotz des schwierigen Bauplatzes eine Brücke zwischen dem klassizistischen Berlin und der Klassischen Moderne geschlagen. Bekannt geworden ist I. M. Pei mit der gläsernen Pyramide vor dem Pariser Louvre.

Das Pei-Bauwerk ist unterirdisch über den Schlüterhof des Zeughauses zu erreichen. Schöner anzusehen ist allerdings der Zugang von außen mit der imposanten Glasspindel, die gleichzeitig Eingang und Treppenhaus dieses Museumsquartiers bildet. Der Treppenturm in Sichtweite der Schinkel-Bauten, des Alten Museums und der Neuen Wache, ist bereits von der Straße “Unter den Linden” zu sehen. Aus dem Turm heraus hat man eine faszinierende Aussicht auf das Forum Fridericianum (heute Bebelplatz) mit Opernhaus und Humboldt-Universität. Aus der Halle, offen vom Untergeschoss bis zum gläsernen Dach, mit ihren den Rolltreppen, Freitreppen, Brücken und Galerien fällt der Blick immer wieder auf die gegenüberliegende Fassade des Zeughauses.

Deutsches Historisches Museum

Weder Gott, noch Gemetzel

Roman Polanskis “Gott des Gemetzels” im Kino

Ich glaube an den Gott des Gemetzels, dessen Gesetze seit Anbeginn der Zeit unverändert gelten. [Alan Cowan/Christoph Waltz]

"Der Gott des Gemetzels", Delphi, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Der Gott des Gemetzels”, Delphi, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Weder Gott, noch Gemetzel möchten sie sehen, so die Antwort auf meine Frage nach einem gemeinsamen Besuch des neuen Polanski-Films. Aber der Hinweis auf Polanskis Verfilmung des gleichnamigen Theaterstückes von Yasmina Rezas beruhigte die Gemüter.

Also – zwei Paare sehen sich an einem kalten Herbsttag zwei Paare auf der Leinwand an: Nancy Cowan (Kate Winslet) und Alan Cowan (Christoph Waltz), sowie Penelope Longstreet (Jodie Foster) und Michael Longstreet (John C. Reilly), die sich selbst beweisen möchten, dass zivilisierte Menschen keine Kriege miteinander führen müssen. Es kommt dann aber doch ganz anders.

Mit diesem Film hat Polanski das viel gespielte Theaterstück von Yasmina Rezas “Der Gott des Gemetzels” in Szene gesetzt. Anlass des Streits der beiden Paare, ist die Auseinandersetzung ihrer Kinder, bei der ein Sohn einen Zahn verloren hat. Am Anfang gehen sie betont freundlich miteinander um, bald aber bröckelt die Fassade immer mehr und die Dialoge gehen in offenen Hass über.

Penelope Longstreet, eine selbsternannte Weltretterin, lässt ihre moralische Überlegenheit jeden spüren, ein “Gutmensch” eben. Ihr Mann Michael, ein Eisenwarenhändler und vermeintlicher “Hamstermörder”, der immer versucht schlichtend einzugreifen, rastet am Ende einfach nur aus. Nancy Cowan, die Brokerin, versenkt das Handy ihres ständig telefonierenden Mannes Allan, eines Anwalts in den Diensten finsterer Pharmakonzerne, in der Vase mit einem Strauß gelber Tulpen.

Jörg Albrecht im Deutschlandfunk: “Klug und pointiert, entlarvend und abgründig, vor allem aber kurz und bündig – in nur 78 Minuten – liegen die Errungenschaften des zivilisierten Umgangs in Trümmern. Die Regeln des Miteinanders, die den Mensch als soziales Wesen auszeichnen, gelten nicht mehr. Der Gott des Gemetzels hat die Macht an sich gerissen – auch wenn auf diesem Schlachtfeld nicht ein Tropfen Blut fließt. Das Bemerkenswerte an der Eskalation: Die Frontlinie verläuft nicht nur zwischen den beiden Paaren. Das Quartett mischt seine Karten im Minutentakt neu.”

Das Stück spielt die gesamte Zeit in der Wohnung der Longstreets, nur die Eingangsszene zeigt den Streit der beiden Kinder draußen im Park und zum Schluss sehen wir die Kinder wieder gemeinsam im Park spielen, selbst der ausgesetzte Hamster genießt mittlerweile die freie Natur. Ein “Theaterstück” mit vier sehr guten Spielern, aber ein zwiespältiger Eindruck bleibt: Vielleicht ist das Stück auf der Bühne doch besser aufgehoben. Unser weiterer Abend verlief übrigens friedlich.

Trailer “Gott des Gemetzels”

Mamma Mia! Fallendes Auto rammt den Potsdamer Platz

"Vorsicht! Fallende Autos", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

"Vorsicht! Fallende Autos", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

In den Straßen von Berlin (7)

Diesen spektakulären Autoeinschlag gab es 2008 am Potsdamer Platz. Kein Wunder, dass der unterirdische Bahnhof seitdem immer wieder durch eindringendes Wasser beschädigt wird. Aber das Fahrzeug ist nicht vom Himmel gefallen, sondern war Teil der Umwelt-Performance “Wenn der Himmel streikt…” des Künstlers Jurgen Ostarhild.

“Durch die Schnelllebigkeit, den geforderten technischen Fortschritt, die immer schnellere Entwicklung laufen wir Gefahr – wie dieses sinnbildliche Auto – total abzustürzen“, so Ostarhild. Zur Beruhigung kann ich aber sagen, dass es sich hierbei zumindest in Bezug auf das Auto um einen einmaligen Vorfall handelte.

Wie ein Maler und ein Müller die Welt anhielten

Vom Gemälde zum bewegten Bild –

Lech Majewskis “Die Mühle und das Kreuz”

Eingekerkert sind die Menschen in der Zwangsherrschaft ihrer Zeit, immer den Tod vor Augen und sinnloses Leiden und dabei die Gewissheit, dass kein Gott sei.” [Süddeutsche Zeitung]

In dem weltberühmten Gemälde “Die Kreuztragung Christi” aus dem Jahr 1564 erzählt Pieter Bruegel viele Geschichten mit über Hunderten von Figuren rund um Jesus Weg zum Kreuz. Bruegel versetzte die Szenerie in seine zeitgenössische Gegenwart: Jerusalem wurde zu einer Stadt in Flandern. Er malte nicht nur eine religiöse Szene wie der Titel suggeriert, sondern prangerte die Lebensumstände unter der damaligen spanischen Herrschaft mit all den willkürlichen Grausamkeiten der Inquisition an.

"Stemmer Mühle", Foto © Friedhelm Denkeler 2001

"Stemmer Mühle", Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Der polnische Regisseur Lech Majewski hat das Bild nun zum Leben erweckt. Vor dem gemalten Hintergrund werden einzelne Figurengruppen lebendig. Zwischendurch erklärt Bruegel (Rutger Hauer) seinem Freund und Kunstsammler Nicholas Jonghelinck (Michael York) die Entwicklung und die Bedeutung des Bildes.

So wird dem Zuschauer das bäuerliche Leben in Flandern gezeigt; wir sehen den Leidensweg Christi und erfahren gleichzeitig die Gedanken und Gefühle seiner Mutter Maria (Charlotte Rampling). Der Dialog ist auf diese drei Hauptdarsteller beschränkt, von den restlichen Figuren sind nur undeutliche Laute zu vernehmen.

Majewskis Filmtechnik ist überraschend und beeindruckend. Sie besteht aus Aufnahmen von realen Landschaften, die denen im Gemälde ähneln und Aufnahmen von Schauspielern vor dem Blue Screen, die mit dem von Majewski gemalten Hintergrund, einer Kopie des Gemäldes, kombiniert werden.

Als Zuschauer “tritt” man immer wieder in das Bild ein und “steigt” wieder aus. Zum Schluss verwandelt sich der Film vom tableau vivant in das Originalgemälde im Kunsthistorischen Museum in Wien, direkt neben Bruegels “Turmbau zu Babel”.

Viele Gemälde zeigen Gott, wie er die Wolken zerteilt und auf die Welt herabsieht. In Bruegels Bild und Majewskis Film wird der Müller seinen Platz einnehmen. Er thront auf einem unwahrscheinlich hohen Felsen mit einer Mühle auf der Spitze. Der Wind bewegt die riesigen Flügel der Mühle, das Korn wird gemahlen, aber der Müller greift in das Weltgeschehen nicht ein. Nur einmal halten Bruegel und der Müller das Weltgeschehen an, so dass Bruegel seinem Auftrageber das Bild in aller Ruhe erläutern kann.

Da der Film doch eher etwas für Kunst- und Video-Liebhaber ist, wird er sicherlich nicht mehr lange zu sehen sein. Wir sahen ihn im Filmkunst 66, leider sind dort die Kinos und die Leinwände zu klein für diesen Film. Für das Fernsehen oder für eine DVD ist er überhaupt nicht geeignet. Es ist ein nicht wiedergutzumachendes Versäumnis, sich diesen Film jetzt nicht auf einer (größeren) Leinwand anzusehen.

Alle Symbolik bleibt geerdet, und jedes figürliche Detail wird durch Licht, Farben und Stofflichkeiten so sorgfältig herausgearbeitet, dass man nicht nur in das Bild, sondern in das Vermögen der Kunst selbst hineinzusinken glaubt. Mehr passiert eigentlich nicht, trotzdem glaubt man ein Wunder gesehen zu haben. [DIE WELT]

“Die Kreuztragung Christi” bei Wikipedia

Kinotrailer “Die Mühle und das Kreuz”