Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Oktober 2011

Ein Hafen, der keiner mehr ist – der Urbanhafen

"Im Urbanhafen", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Im Urbanhafen", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In den Straßen von Berlin (5)

“In den Wasserstraßen von Berlin” müsste der heutige Artikel eigentlich heißen, denn das abgebildete, verwahrloste Theaterschiff liegt in dem Teil des Landwehrkanals in Kreuzberg, der früher einmal ein Binnenhafen war – der Urbanhafen. Heute ist er bis auf ein kleines schmales Becken zurückgebaut und auf den ehemaligen Hafenanlagen steht das Urban-Krankenhaus.

Der Bau des Hafens erfolgte in den 1890er Jahren gegenüber der Einmündung des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals, der den Landwehrkanal auf kurzem Weg nach Norden über den Wassertorplatz, Oranienplatz und das Engelbecken mit der Spree verband. Die Grünanlagen auf beiden Seiten des Hafens und des Landwehrkanals laden heute zu Spaziergängen ein. Für eine Rast bietet sich das seit über 20 Jahren im Hafen vor Anker liegende Restaurantschiff “Van Loon” an.

www.vanloon.de

Vom Rock ‘n’ Roll zum Twist – “Let’s twist again”

Wie ein “kleiner Drall” des “Molligen” vor 50 Jahren die gesamte westliche Welt eroberte – Chubby Checker ist “The Twist”

In diesem Jahr feierten und feiern sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Eric Burdon “Am Anfang war es tierisch … und Bob Dylan “Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …” habe ich bereits vorgestellt. Heute soll es um Chubby Checker gehen.

Come on, let’s twist again like we did last summer/ Yeah, let’s twist again like we did last year/ Do you remember when things were really hummin’?/ Yeah, let’s twist again, twistin’ time is here

Vor genau 50 Jahren diskutierten wir auch in Deutschland, nach dem Rock ‘n’ Roll und noch vor dem Beat, einen neuen skandalösen Tanz: den Twist. Er entwickelte sich schnell zum internationalen Modetanz, auch weil er aus sehr einfachen Bewegungsabläufen bestand.

"Twist im Jugendclub in Vlotho", Foto © Friedhelm Denkeler 1964

“Twist im Jugendclub in Vlotho”, Foto © Friedhelm Denkeler 1964

Wie er zu tanzen sei, beschrieb damals eine inzwischen berühmt geworden Anleitung: Man tanze so, als würde man mit beiden Füßen abwechselnd Zigarettenkippen ausdrücken und sich dabei gleichzeitig mit einem Handtuch den Rücken abtrocknen.

Populär wurde der Tanz insbesondere durch Chubby Checker mit seinem Song “The Twist”.

Chubby Checker: “The Twist”

Erstmalig stellte er “The Twist” und seine Art zu tanzen, 1960 in der beliebten Fernsehshow “American Bandstand” des US-Senders ABC vor. Der Song entwickelte sich zum Symbolsong für den Tanz und erreichte mit sechzehnmonatiger Unterbrechung zweimal die Nr. 1 der US-Hitparade und wurde über drei Millionen Mal verkauft. Am 22. Oktober 1961 präsentierte die “Ed Sullivan Show” einen neuen Twist-Song von Chubby Checker, der ebenfalls ein Erfolg wurde: Let’s twist again (like we did last Summer).

Chubby Checker: “Let’s twist again”

Inzwischen hatte der Mode-Tanz die gesamte westliche Welt erobert. The Marcels stellten eine “Merry Twist-Mas” Version vor, passend zur Spiegel-Affäre sang Peter von Eck den “Spiegel-Twist” (nicht zu verwechseln mit Trude Herr’s Spiegel-Twist) und 1963 gab es den Film “Nachtexpress nach St. Tropez” in dem Teddy Parker den “St. Tropez Twist” sang und tanzte (siehe hier).

Sehenswert auch dieser “verrückte” Kurzfilm, der den Twist 1962 vorstellte. Bekannt wurde auch Joey Dee & The Starliters mit dem “Peppermint Twist” (den Catarina Valente auf Deutsch sang). Der Twist war übrigens der erste Tanz, der ohne Berührung des Tanzpartners auskam und er beendete damit die Führungsrolle des Mannes – zumindest auf der Tanzfläche.

Chubby Checker (geb. am 3. Oktober 1941 als Ernest Evans in Spring Gulley, South Carolina, aufgewachsen in Philadelphia) bekam den Künstlernamen “Chubby Checker“ (chubby=mollig) verpasst. “The Twist” ist eine Cover-Version der B-Seite einer Single der “Hank Ballard & the Midnighters“. Bis 1966 hatte Checker sich mit über 30 Titeln in den Charts platziert. Aber ab Mitte der 1960er Jahre war der Twist bereits mehr oder weniger out, eine später berühmte britische Gruppe läutete mit dem Song “Twist And Shout” die neue Ära der Beat-Musik ein.

Warten auf den Big Bang – Lars von Triers “Melancholia” mit betörenden und verstörenden Bildern

Ein Film, zwischen Roland Emmerich und Andrej Tarkowski,
in dem die Welt still und leise und sehr schön untergeht

Lars von Triers "Melancholia", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Lars von Triers "Melancholia", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Lars von Triers neuer Film beginnt mit einem fast zehnminütigen Prolog in neun schönen und abgründigen Bildern: Wir erblicken ein Schloss am Meer über dem drei Planeten, groß und hell wie der Mond, zu sehen sind; die Taxusbäume im Garten werfen einen doppelten Schatten, die Sonnenuhr zeigt verschiedene Zeiten an, über dem grünen Rasen schwebt ein kleiner Junge im Anzug zwischen zwei Frauen, eine Frau im Brautkleid versucht zu fliehen, aber dicke, meterlange “Schlingwurzeln” hemmen ihren Schritt.

In weiteren Stillleben zucken an Lichtleitungen und an den Händen der Frau Blitze in den Himmel; ein Pferd bricht zusammen, tote Vögel fallen vom Himmel und im letzten Bild des Prologs erscheint ein riesiger Planet, genannt “Melancholia” und kollidiert mit der Erde.

Alle Bilder sind mit einer extremen Zeitlupe gefilmt, sie verheißen Unheil und sind gleichzeitig betörend schön, die Bewegungen sind so langsam, dass man sie kaum wahrnimmt. Wagners “Tristan und Isolde” untermalen die Bilder.

Dieser Prolog nimmt im Grunde bereits die gesamte Geschichte des Films vorweg: Das Ende der Welt als Zusammenprall zweier Planeten. Die Erzählung besteht aus zwei Kapiteln: “Justine” (Kirsten Dunst) und “Claire” (Charlotte Gainsbourg). “Justine” spielt während der Hochzeitsfeier von Justine und Michael (Alexander Skarsgard), ein mit schwankender Handkamera gefilmtes absurdes Panoptikum aus Familienkrach und Feierlaune (herrlich biestig Charlotte Rampling als Mutter der Braut), während die Braut selbst, in Vorahnung des kommenden Unheils, langsam der Melancholie verfällt.

Im zweiten Kapitel “Claire” nähert sich der fremde Planet immer weiter der Erde und in der absurden Hoffnung, dass der große Zusammenprall ausbleibt, bereiten sich die Familien im Schloss am Meer, einige Tage nach der Hochzeit auf den alles entscheidenden Tag vor. Begleitet wird dieser Filmteil musikalisch von einem beunruhigenden, niederfrequenten Wummern.

Während bisher Justine im Mittelpunkt stand, so ist es nun ihre Schwester, die einer panischen Angst vor dem möglichen Weltuntergang verfällt. Justine hingegen wird immer gelassener. Sie schöpft aus der Gewissheit des Weltendes neue Kraft – in einer Szene “sonnt” sie sich nackt im blauen Licht des Unheil bringenden Planeten (siehe hier).

Während die beiden Frauen den Untergang bewusst erleben, hat Claires Mann (Kiefer Sutherland), der analytisch denkende Wissenschaftler, das Ende für sich selbst vorweggenommen. Kirsten Dunst hat übrigens für ihre Darstellung der Justine in Cannes die Silberne Palme bekommen (im Vorjahr erhielt Charlotte Gainsbourg für ihre Rolle in Lars von Triers “Antichrist” den Preis für die beste weibliche Darstellerin).

Der Film ist virtuos, eine gewiefte Kombination von Genres und Motiven. Elemente des Katastrophenfilms sind vorhanden, auch dessen Mechanismen der Spannungserzeugung, die Ingmar-Bergmansche Neugier am Zerfall von Beziehungen und Selbstbildern fällt ins Auge, ein gewisses Interesse an Satire und Fantastik – all das von einer nervösen Dogma-Kamera beobachtet. Der Film ist größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig. [DIE ZEIT]

Trailer zu MelancholiaVideo-Filmkritik FAZ

Der geballte Hausstand auf dem Bethlehemkirchplatz

"Houseball" von Claes Oldenburg, aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Houseball" von Claes Oldenburg, aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In den Straßen von Berlin (4)

In Berlin-Mitte befindet sich in der Nähe von Friedrichstraße und “Checkpoint Charly” der Bethlehemkirchplatz auf dem früher die Böhmische Bethlehemkirche stand. Sie wurde 1737 als zentrales Gotteshaus der Rixdorfer Böhmen, die im gegenüber den Religionen toleranten Preußen eine neue Heimat gefunden hatten, gebaut und 1963 aufgrund starker Kriegsschäden abgerissen. Der Grundriss der Kirche wird aus roten Pflastersteinen auf dem Platz nachgebildet.

Der “Houseball” des Bildhauers Claes Oldenburg steht symbolisch für den Hausstand eines Exilanten und somit auch für jene böhmischen Einwanderer in Rixdorf. All seine Besitztümer kann man in ein großes Tuch in Form einer Kugel binden und beim nächsten “Umzug” mitnehmen. Der Houseball hat ein Gewicht von zehn Tonnen bei einem Durchmesser von neun Metern und steht seit 1997 auf dem Platz. Claes Oldenburg ist einer der namhaftesten noch lebenden Vertreter der Pop Art, einer Kunstrichtung, die sich in den 1960er Jahren formierte.

Die Kirche vor der Zerstörung um 1910

Wie ein Rollender Stein, der kein Moos ansetzt …

Like a Rolling Stone – der beste Rocksong aller Zeiten?

In diesem Jahr feierten und feiern sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Eric Burdon habe ich mit “Am Anfang war es tierisch …” bereits vorgestellt. Heute soll es um Bob Dylan gehen.

How does it feel / To be without a home / Like a complete unknown Like a rolling stone?

"Im Felsenmeer", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Im Felsenmeer”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Einen Song zum besten aller Zeiten zu küren, ist kein leichtes Unterfangen. Die Musik-Zeitschrift “Rolling Stone” hat es versucht. 1965 hat der 24-jährige Bob Dylan (Robert Allen Zimmerman) den Song geschrieben, der bis heute als der einflussreichste Rocksong angesehen wird: “Like a Rolling Stone”. Er wurde auf dem Album “Highway 61 Revisited” veröffentlicht.

Bob Dylan:
“Like a Rolling Stone”

2004 wurde der Song vom “Rolling Stone” Magazin zum besten Song aller Zeiten gekürt und liegt vor “I Can’t Get No) Satisfaction” von den Rolling Stones und “Imagine” von John Lennon. Das Magazin hatte eine weltweite Umfrage unter Musikern durchgeführt, welcher Song für sie der wichtigste und beste sei und heraus kam “Like A Rolling Stone” von Bob Dylan. Es wurden allerdings nur Musiker aus dem Pop-/Rock-Umfeld gefragt und nicht z.B. Andy Borg, dann wäre das Ergebnis sicher anders ausgefallen.

Der Song bezieht sich auf das englische Sprichwort “A rolling stone gathers no moss”. Das Lied erzählt die Geschichte einer Dame aus reichem Hause, die auf der Straße landet. “Rolling Stone” verweist in diesem Zusammenhang auf Landstreicher und im Refrain wird der Frau die Frage gestellt, wie es sich anfühle, alleine zu sein, heimatlos, unbekannt, eben wie jene Landstreicher.

Der Song wurde bei den Columbia Records in New York mit Al Kooper an der Orgel, Russ Savakus am Bass, Mike Bloomfield als Gitarrist, Bobby Gregg am Schlagzeug und Paul Griffin am Piano eingespielt. Es gab aber größere Probleme bei der Veröffentlichung des Songs. Dies lag vor allem an der für eine Single ungewöhnlichen Länge von sechs Minuten. Zwei bis drei Minuten waren damals “normal”. Dylan lehnte aber eine Kürzung des Stücks ab. Am 15. Juli 1965 wurde der Song dann doch veröffentlicht, stieg innerhalb einer Woche in die Billboard Charts ein und hielt sich dort drei Monate.

Der Bücherturm vom Bebelplatz

"Der Bücherturm vom Bebelplatz", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2006

"Der Bücherturm vom Bebelplatz", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2006

In den Straßen von Berlin (3)

Anlässlich des “Welttages des Buches” wurde temporär auf dem Berliner Bebelplatz der “Bücherturm” zur Erinnerung an die wegweisende Erfindung Johannes Gutenbergs errichtet. Diese und zahlreiche andere Aktionen im Stadtbild fanden 2006 im Rahmen der Initiative “Deutschland – Land der Ideen” statt. Der zwölf Meter hohe Bücherturm aus Kunststoff erinnerte ebenso an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 auf dem damaligen Opernplatz. In der Mitte des Bebelplatzes befindet sich heute das Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullman, das für immer und ewig daran erinnern soll. Durch eine gläserne Bodenplatte blickt man in einen unterirdischen Raum mit leeren weißen Bücherregalen aus Beton.

Der Bebelplatz bei WikipediaPanorama des Bebelplatzes mit dem Bücherturm im Hintergrund

Der frühe Vogel fängt den Wurm – und sieht das Hermelin

Gesichter der Renaissance – Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst

“Der frühe Vogel fängt den Wurm”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Bereits vor dem Beginn der großen Sonderausstellung in Berlin wurde um sie ein Hype erzeugt – auch wir ließen uns davon anstecken und besorgten uns rechtzeitig die Earlybird-Tickets. Und das war auch gut so, denn bereits zum Start der Ausstellung waren sie restlos ausverkauft.

Dank der Tickets konnten wir eine Stunde vor der offiziellen Öffnung des Bodemuseums, vorbei an der langen Schlange des Kassenhäuschens, die Ausstellung besuchen.

Zu diesem frühen Zeitpunkt war die “Dame mit dem Hermelin”, bewacht von finster dreinschauendem Aufsichts-personal, noch ganz alleine ihrem Kabinett. Cecilia Gallerani (1473 – 1536), die 16jährige Geliebte des Herzogs von Mailand, konnten wir so in aller Ruhe bewundern.

Mit großer Sensibilität hat Leonardo da Vinci, zehn Jahre vor der berühmten Mona Lisa, sie mit ihrem Lieblingstier, dem Hermelin, gemalt. Nach Ansicht von Zoologen soll es sich allerdings um ein Frettchen handeln. Hermelin klingt aber viel schöner.

Es ist ein außergewöhnliches Porträt geworden: Mit weichem Licht sind die Züge der Celilia vor dem Dunkel des Hintergrundes dargestellt. Dabei scheint es, als wende sie sich über die Schulter einem Gegenüber außerhalb des Bildfeldes zu. Diesem gilt auch die Aufmerksamkeit des gespannten Hermelins auf ihrem Arm. Ist es der Ehemann oder der Liebhaber?

Mach Deine Gestalten immer so, dass der Kopf nicht auf dieselbe Seite gewendet ist wie die Brust, denn die Natur hat uns zu unserer Bequemlichkeit den Hals gegeben, der mit Leichtigkeit den verschiedenen Gelüsten des Auges folgen und sich in verschiedenen Richtungen drehen kann.

"Am Bodemuseum", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Am Bodemuseum”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das schreibt Leonardo da Vinci in seinem “Lehrbuch der Malerei”. Sein Bildnis der Cecilia scheint die praktische Umsetzung dieses Grundsatzes zu sein. Das bedeutet auch, dass sie sich zu ihrem Liebhaber umwendet.

Die “Gesichter der Renaissance” entstanden in Kooperation der Staatlichen Museen Berlin mit dem Metropolitan Museum of Art, New York. Die Ausstellung mit mehr als 150 Hauptwerken der italienischen Portraitkunst des 15. Jahrhunderts läuft noch bis zum 20. November 2011.

Einen zweiten Besuch der Ausstellung (es soll dank verlängerter Öffnungszeiten noch Tickets für die Abendstunden geben) und einen weiteren Bericht habe ich geplant.

Die Dame mit dem Hermelin (1489/90, 55×41 cm) ist allerdings nur bis zum 31. Oktober zu sehen. Da Vincis Gemälde gehört der Sammlung Czartoryski, Krakau. Berlin ist eine der vorläufig letzten Stationen im Ausland, die das Werk zeigen darf. Anschließend wird es für zehn Jahre in Polen verbleiben. In dieser Zahl und dieser Schönheit werden diese Gesichter sicher nie wieder zusammen kommen.

Leonardo da Vinci: “Die Dame mit dem Hermelin“: Bild, Film, Website

Einsatz in der Leipziger Straße

"Einsatz in der Leipziger Straße", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

"Einsatz in der Leipziger Straße", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

In den Straßen von Berlin (2)

“Operation Walküre” mit Tom Cruise, “Die Bourne Verschwörung” mit Matt Damon, “Lola rennt” mit Franka Potente oder “Unknown Identity” mit Liam Neeson – irgendein Film, einer von ca. 300 in jedem Jahr, wird immer gerade irgendwo in den Straßen von Berlin gedreht. Nichtsahnend geht man vom Potsdamer Platz in Richtung Leipziger Platz (siehe Foto) oder steigt im Bahnhof Friedrichstraße aus der S-Bahn und im U-Bahn-Eingang brennt es bereits und Rauch steigt auf. Liam Neeson steht an der Ecke wartend herum und kaut auf einem Zahnstocher (siehe hier). Die Regisseure und Stars drehen gern in Berlin und in der Regel gibt es bei den Drehgenehmigungen wenige Probleme

Herbst im Kunstraum: Das Blatt verliert den Baum

Gundula Schulze Eldowy im Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages

Im Berliner Elisabeth-Lüders-Haus sind im “Kunst-Raum” unter dem Titel “Verwandlungen. Fotografische Serien nach 1990″ und im Mauer-Mahnmal mit einzelnen Werken aus der Serie “Den Letzten beißen die Hunde” bis zum 11. Januar 2012 Arbeiten von Gundula Schulze Eldowy zu sehen. Bekannt wurde die 1954 in Erfurt geborene Fotografin mit ihren sozialkritischen Fotografien, die ihren Ruf lange Zeit prägten, da alle noch in der DDR entstanden sind.

"Die doppelte Nofretete", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"Die doppelte Nofretete", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Das veränderte sich mit der Maueröffnung 1989. Seitdem verbringt sie ihr Leben auf Reisen oder besser gesagt, sie lässt sich eine ganze Zeitlang woanders nieder, so dass in ihrer Biographie geschrieben steht: “Sie lebt in Berlin, Peru und auf Reisen”.

1985 begegnete sie in Ost-Berlin dem amerikanischen Fotografen Robert Frank, der sie förderte und 1990 nach New York einlud. Es folgten weitere Reisen in die USA (1990-1993), nach Italien (1991), nach Ägypten (1993–2000), nach Japan (1996/97), nach Moskau (1997), nach Istanbul (1997) und 2001 schließlich nach Peru, Bolivien und Ecuador.

Im Kunstraum wurde ich von den mannsgroßen Arbeiten von Gundula Schulze Eldowy überrascht: Es scheint, dass sie die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie gekonnt vollzogen hat. In der Serie der Konstantinopel-Bilder überarbeitete sie Aufnahmen von Mosaiken und Fresken der byzantinischen Zeit an den jeweiligen Fehlstellen großflächig mit Blattgold und gibt den verblassten Heiligenbildern ihre eigentümliche Aura zurück. Allein wegen dieser Arbeit ist diese Ausstellung sehenswert (Beispiel).

Auf den in New York entstandenen Tafelbildern Spinning on my Heels überlagern sich in Mehrfach-Belichtungen New Yorker Straßenszenen und klassische Gemälde zu Bildern großstädtischen Lebens (Beispiel). Von den Moskauer Friedhöfen hat Schulze Eldowy die medaillongroßen und völlig verblassten Portraitfotos Verstorbener auf den Grabsteinen als Vorlage für ihre Serie Das Blatt verliert den Baum genommen. Die Arbeiten aus der Serie Der Wind füllt sich mit Wasser sind “normal” vergrößerte Aufnahmen, die zwischen 1977 und 1989 entstanden sind. Es handelt sich um wundervolle, stimmungsvolle Nebelbilder.

Im Mauer-Mahnmal selbst ist die Fotoserie Den Letzten beißen die Hunde zu sehen. Sie zeigt die Tage vor, während und nach dem Mauerfall. Im Dezember 2011 wird in der C/O-Galerie das Frühwerk von Gundula Schulze Eldowy, insbesondere ihre frühen Farbfotografien, zu sehen sein.

Interview mit Gundula Schulze Eldowy: Teil 1, Teil 2, Teil 3,
Kunst-Raum des Deutschen Bundestages, Website Schulze Eldowy