Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: September 2011

W. Eugene Smith – Fotografien. Eine Retrospektive

Der Martin-Gropius-Bau Berlin zeigt die Werke des Life-
und Magnum-Fotografen bis zum 27.November 2011

W. Eugene Smith, geboren 1918 in Wichita / Kansas und gestorben 1978 in Tucson / Arizona, hat sich seit den 1940er Jahren als politisch und sozial engagierter Fotojournalist in den USA einen Namen gemacht. Viele seiner Bildreportagen sind bei Life erschienen, dem wichtigen Magazin für Fotojournalismus, das 1936 in New York gegründet wurde. Smith sah in der Fotografie mehr als nur die Illustration zu einem Text und hat oft bei den Redakteuren mehr Mitsprache beim Gestalten eines Fotoessays eingefordert. Seinen beruflichen Einstieg fand er 1937 als Fotoreporter bei Newsweek.

1944 wurde er bei Life als Kriegskorrespondent angestellt und hielt die Schlacht von Saipan und die Landungen der Amerikaner auf den Inseln Iwojima und Okinawa fest. Im Zuge der Kämpfe veränderte sich der Stil seiner Aufnahmen: Statt enthusiastischer Darstellungen zeigte er das immense Leid der Zivilbevölkerung und entwickelte eine Bildperspektive, die den Betrachter emotional einbezog. Smith wurde am 22. Mai 1945 selbst schwer verletzt und musste bis 1947 mehrere Operationen über sich ergehen lassen.

"Im Gusswerk", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

"Im Gusswerk", Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Den symbolischen Neubeginn verkörperte für ihn das erste Foto nach seiner Verwundung. A Walk to Paradise Garden zeigt seine beiden jüngeren Kinder beim Betreten einer sonnendurchfluteten Lichtung. “Während ich meinen Kindern ins Unterholz und zu der Gruppe höherer Bäume folgte – wie sie sich an jeder ihrer kleinen Entdeckungen erfreuen konnten! – und sie betrachtete, wusste ich auf einmal, dass ich trotz alledem, trotz aller Kriege und aller Niederlagen an diesem Tag, in diesem Augenblick ein Sonett auf das Leben und auf den Mut, es weiterzuleben, anstimmen wollte.“ (1954)

Nach seiner Genesung arbeitete er erneut für Life. Besonders Dokumentationen, die das engagierte Wirken einfacher Menschen zeigten, beeindruckten die Leser. In The Country Doctor (erschienen 1948) begleitete er mehrere Wochen einen jungen Landarzt aus der Nähe von Denver bei seiner Arbeit. Sein Beitrag Nurse Midwife (erschienen 1951) über die schwarze Hebamme Maud Callen entstand vor dem Hintergrund von Rassendiskriminierung und des aktiven Wirkens des Ku-Klux-Klans im Süden der USA.

Mit der Reportage Spanish Village (erschienen 1951) hatte Smith mehr Erfolg. Er wollte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen in einem faschistischen Regime vermitteln. Nach Erhalt der nötigen Fotoerlaubnis recherchierte er zwei Monate vor Ort und wählte ein abgeschiedenes Dorf in der Extremadura für die Aufnahmen aus. Etliche der Fotografien erinnern mit ihrem strengen Helldunkel und ihrer klar gebauten Komposition an malerische Vorbilder und vermitteln mittels dieser Stilisierung ein Gefühl für die Schwere und auch die Schönheit des dortigen Lebens.

Smiths Beitrag über Albert Schweitzers Wirken in Lambaréné sollte der letzte für Life werden: Die fehlende Mitsprache bei Bildauswahl und Layout waren für ihn nicht mehr hinnehmbar und er verließ die Zeitschrift nach Erscheinen des Essays A Man of Mercy im November 1955. Eine berufliche Alternative bot die Mitgliedschaft bei Magnum, der 1947 gegründeten Agentur für Fotografen. Im Auftrag von Stefan Lorant begann Smith eine umfassende Reportage über die Stadt Pittsburgh und ihre Eisenhütten, die ihn die nächsten Jahre beschäftigte und an seine finanziellen und persönlichen Grenzen brachte.

1971 widmete er sich mit der erschütternden Serie über die Minamata-Krankheit der forcierten Modernisierung Japans und ihren schwerwiegenden Folgen. Grund für die Erkrankungen war die vom Chemiekonzern Chisso verursachte Umweltverschmutzung: Der Konzern hatte quecksilberhaltiges Abwasser in der Nähe der Stadt Minamata ins Meer geleitet. Das Komitee zur Verteidigung der Opfer beauftragte Smith, die humane und ökologische Katastrophe zu dokumentieren und der Fotograf, der sich persönlich sehr für dieses Projekt engagierte, zog mit seiner zweiten Frau, Aileen Mioko Smith, nach Minamata. Mit seinen Bildern, die bei Life und in seinem Buch A Warning to the World … Minamata veröffentlicht wurden, trug er wesentlich zur Publikmachung und Aufklärung des Falles bei.

Smith fotografisches Werk wurde mit Beginn der 1970er Jahre zunehmend museal gewürdigt. Sein Foto A Walk to Paradise Garden hatte Edward Steichen für die Ausstellung The Family of Man (1955) als symbolgebendes Schlussbild gewählt, doch erst 1971 fand die erste Retrospektive Let Truth Be the Prejudice im Jewish Museum in New York statt. 1977 zog der schwer kranke Smith nach Tucson / Ariziona und übernahm an der dortigen Universität im letzten Lebensjahr eine Lehrtätigkeit. [Quelle: Presseinformation]

www.martin-gropius-bau.de

Die Gasdruckregelanlage vom Savignyplatz

"Gasdruckregelanlage am Savignyplatz", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Gasdruckregelanlage am Savignyplatz", aus "In den Straßen von Berlin", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In den Straßen von Berlin (1)

Heute beginne ich mit der neuen Serie “In den Straßen von Berlin”, der Titel ist selbsterklärend. Vielleicht ergibt sich daraus einmal ein Fotobuch. Den Anfang macht der Savignyplatz mit dem 2007 neu erstellten Eingangshäuschen am Südrand des Gartendenkmals. In Anlehnung an historische Pläne baute die Gasag hier eine Gasdruckregelanlage ein und verzierte das Häuschen mit “Kunst am Bau”. Die Arbeit “Through the Looking Glass” stammt von der Berliner Künstlerin Ute Lindner. Anstelle des ehemaligen Durchgangs zum Park befindet sich hier nun eine Personengruppe als Hintergrundmalerei auf Glas, die in einen imaginären Raum Richtung Park sieht. Abends sind die Menschen als Schatten vor der blau beleuchteten Wand zu sehen. Auf der Rückseite des Gebäudes erblickt man dieselbe Gruppe von vorne. Zentrales Thema der Arbeiten von Ute Lindner ist die “Spiegelung”.

Der Spiegel ist nämlich eine Utopie, sofern er ein Ort ohne Ort ist. Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin: in einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut; ich bin dort, wo ich nicht bin, eine Art Schatten, der mir meine eigene Sichtbarkeit gibt, der mich mich erblicken lässt, wo ich abwesend bin: Utopie des Spiegels.  [Michel Foucault, "Andere Räume“]

Through the Looking GlassWeitere Arbeiten von Ute Lindner, Artikel

Mars-Bilder von Thomas Ruff

“Stellar Landscapes” in Münster bis zum 8. Januar 2012

Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster präsentiert mit der Ausstellung “Thomas Ruff. Stellar Landscapes” einen der international bekanntesten deutschen Fotokünstler der Gegenwart. In mittlerweile über zwei Dutzend Serien hat Thomas Ruff wie kein anderer zeitgenössischer Künstler die Grenzen des Mediums Fotografie erforscht und definiert. “Mit den 60 Exponaten dieser hochkarätigen Ausstellung geht das LWL neue Wege: Die Einladung an den Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff läutet den Beginn einer verstärkten Auseinandersetzung mit der Fotografie hier im Landesmuseum ein”, so die Kulturdezernentin des LWL, Dr. Barbara Rüschoff-Thale.

"Sofortbild vom  Mars", Foto © Friedhelm Denkeler 2011 (Quelle: NASA/ University of Arizona)

"Sofortbild vom Mars", Foto © Friedhelm Denkeler 2011 (Quelle: NASA/ University of Arizona)

Im Fokus der Ausstellung “Thomas Ruff. Stellar Landscapes” stehen vier Serien aus Thomas Ruffs Werk: Die Serie “Sterne”, zwischen 1989 und 1992 entstanden, die “zycles” von 2007, die Serie “cassini” von 2008/2009 und aktuelle Arbeiten aus der Serie “ma.r.s.”, die zum ersten Mal in einem Museum gezeigt werden. Ergänzend werden einzelne Arbeiten aus anderen Serien des Künstlers zu sehen sein.

Für das Museum bedeutet die Ausstellung zugleich den wichtigen Schritt, die vorhandene Sammlung der Gegenwartskunst um das Gebiet der Fotografie zu erweitern. “Sechs Arbeiten aus der Serie ‘cassini‘ wurden für die Sammlung des Museums angekauft und werden nun zum ersten Mal präsentiert”. [Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold]

Arnhold: “Der Blick in den Himmel übt auf die Menschen eine große Faszination aus. Sterne, Himmelslandschaften und Planeten geben uns eine Vorstellung von der Weite des Weltraums und von der Unendlichkeit der Welt. Thomas Ruff knüpft an diese Faszination an und schafft aus vorhandenem Bildmaterial, zum Beispiel von der NASA, großformatige Fotografien, die die Schönheit des Alls zeigen.” Dabei beschäftige sich der Künstler auch mit den grundlegenden Eigenschaften des Mediums Fotografie und wirft die Frage auf, welche Bedeutung die künstlerische Handschrift im digitalen Zeitalter hat.

Das Weltall und die Astronomie haben Thomas Ruff schon immer fasziniert. Orte außerhalb des menschlichen Lebensraums berühren elementare Fragen des Bewusstseins. Thomas Ruffs großformatige Sterne haben darum eine tiefe Wirkung auf den Betrachter: Einerseits mag man Sehnsucht verspüren angesichts der funkelnden Sternenlandschaften, zugleich aber auch Melancholie ob der eigenen Winzigkeit, der man sich in Anbetracht des unendlichen Alls bewusst wird. “Im Hintergrund schwingen jedoch andere Fragestellungen mit: Inwieweit ist das Medium Fotografie, das wir meist für objektiv halten, überhaupt dazu geeignet, eine authentische Wirklichkeit festzuhalten?”, erläuterte die Kuratorin der Ausstellung, Melanie Bono. Das Licht der Sterne weist in dem Moment, in dem es ins Objektiv der Kamera trifft, nicht zwangsläufig auf einen tatsächlich existierenden Stern. Vielmehr dauert die Reise des Lichts oft so lange, dass der Stern in Wirklichkeit schon längst verloschen ist. Bono: “Was genau ist nun also in diesen analogen, unbearbeiteten Fotografien zu sehen? Wie hoch kann ihr Wirklichkeitsgehalt sein?”

Ausgangsmaterial für alle gezeigten Fotografien war wissenschaftliches Bildmaterial, das zum Teil frei zugänglich im Internet zur Verfügung steht. Während Thomas Ruff bei der Serie “Sterne” den Bildausschnitt auswählte, bearbeitete er das Ausgangsmaterial der neueren Serien stärker: Für die Serien “cassini” und “ma.r.s.” verwendete Thomas Ruff Aufnahmen verschiedener NASA-Missionen. Er bearbeitete sie digital, ergänzte die Farben, manipulierte Kontraste und Bildausschnitte. Die ursprünglich sachlichen, schwarz-weißen Aufnahmen erhalten durch Ruffs Farbbearbeitung einen neuen Charakter: Die malerisch wirkenden, ästhetisierten Bilder werden in ihrer abstrakten Schönheit zu Projektionsflächen.

Schon seit 1989 hat Thomas Ruff die eigene Produktion von Fotografien zugunsten der Arbeit mit vorhandenem Material zurückgestellt. Er untersucht die Voraussetzungen und Bedingungen von Bildern im Kontext von klassischer Fotografie, Wissenschaft und Malerei und weckt Fragen nach der Abbildbarkeit der “Wirklichkeit”. Die visuelle Massenproduktion der Gegenwart ist genauso Ruffs Thema wie die Frage nach der Archivierung und nach dem Nutzen dieser Bilder. [Quelle: Presseinformation]

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster,  ARTE- Film

Berlin läuft …

"Marathon", Foto © Friedhelm Denkeler 2002

“Marathon”, Foto © Friedhelm Denkeler 2002

Anlässlich des heutigen 38. Berlin-Marathon-Laufes über die Distanz von 42,195 Kilometern mit fast 40.000 Läufern möchte ich auf meine 2002 entstandenen drei Collagen “Marathon” hinweisen. Dieses Jahr beginnt der Lauf auf der Straße des 17. Juni und endet an dem Sowjetischen Ehrenmal am Brandenburger Tor. 2002 führte die Marathon-Strecke noch über die Steglitzer Schloßstraße. Die Fotos sind von der Joachim-Tiburtius-Brücke mit Blick auf die Schloßstraße entstanden. Der erste Marathon-Läufer, der die Nachricht vom Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon vor 2000 Jahren auf den 40 Kilometern langen Weg nach Athen brachte, brach der Legende nach mit den Worten “Wir haben gesiegt” zusammen. Das ist mir ein warnendes Beispiel geblieben, daher läuft Berlin heute ohne mich.

“Marathon”, 2002

Im Speisesaal des Olympischen Dorfes

"Im Speisesaal des Olympischen Dorfes", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"Im Speisesaal des Olympischen Dorfes", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Vor 75 Jahren, im Sommer 1936, fanden in Berlin die Olympischen Spiele statt. Das Olympische Dorf wurde vor den Toren Berlins, im Elstal errichtet. Wie es in dem ehemaligen Speisehaus ausgesehen haben könnte, zeigt diese Rekonstruktion, wobei die Weingläser keinen Fauxpas bedeuten. Selbstverständlich wurde den italienischen Sportlern zu ihren Pasta-Gerichten Rotwein kredenzt. In dem dreistöckigen Bogenhaus reihten sich 40 Säle mit 40 Küchen für die einzelnen Nationen aneinander. Das unter Denkmalschutz stehende Olympische Dorf an der Bundesstraße 5 ist in dieser Saison noch bis zum 31. Oktober geöffnet und es empfiehlt sich, an einer Führung teilzunehmen.

www.dkb-stiftung.de

Ein verklärender Regen um Mitternacht in Paris

Die Bekenntnisse eines Romantikers –
Woody Allens sehnsuchtsvolle Zeitreise ins L’Âge d’Or

"Mitternacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Mitternacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Ein Film voller Esprit und Charme, eine romantische Liebeserklärung an Paris. Ein Märchen über die verführerische Parallelwelt der 1920er Jahre in Paris – das alles ist der neue Woody Allen-Film “Midnight in Paris”, der kürzlich das Filmfestival von Cannes eröffnete. Die Sehnsucht des Menschen, in einer anderen Zeit zu leben, zeigt Allen mit herrlichen Regieeinfällen.

Woody Allens neuer Held, der Schriftsteller Gil (Owen Wilson), besucht Paris in der Jetzt-Zeit, aber auf seinen nächtlichen Spaziergängen “auf der Flucht” vor seiner Verlobten, taucht er ein in die Quartiere und Bistros der 1920er Jahre und der Belle Époque. Er hört die Musik von Cole Porter und bewundert die Gemälde des frühen Dalí. Er trifft sie alle – die Künstler der damaligen Zeit: Ernest Hemingway, Gertrude Stein, Scott und Zelda Fitzgerald, T.S. Eliot, Pablo Picasso, Man Ray, Luis Buñuel, Josefine Baker, Jean Cocteau. So viele “Künstler” hat man, glaube ich, noch nie in einem Film zusammen gesehen. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Taumel, eine Verführung und eine ganz große Sehnsucht.

“Paris am Morgen ist wunderschön, Paris am Nachmittag ist charmant, Paris am Abend ist bezaubernd, doch Paris nach Mitternacht ist magisch.” Nachdem Allen bereits London und Barcelona entdeckt hat, macht er nun in seiner 42. Regiearbeit in Paris Station. Die nächste Station soll übrigens Deutschland sein. Berlin bietet sich gerne an.

Trailer “Midnight in Paris”

Eine Herbstwanderung zwischen Nuthegraben und Grenzgraben in den Niederungen des Urstromtales

"Rote Beeren am Nuthegraben", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Rote Beeren am Nuthegraben", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der nicht gewesene Sommer wird ohne Übergang zum Herbst. Heute also der erste schöne Herbsttag. Raus aus Berlin und durch die Offenlandschaft mit den Feldern, Wiesen und Niederungen des Urstromtales zwischen dem Nuthegraben und Grenzgraben in der Nähe von Diedersdorf, das seit 2002 zur Gemeinde Großbeeren im Landkreises Teltow-Fläming gehört, spaziert. Das Grabensystem diente der Entwässerung des geklärten Wassers aus Berlin zu Rieselfeldzeiten Richtung Nuthe und damit zur Havel. Kaffee und Kuchen in der Diedersdorfer Schlossbäckerei sind im Anschluss zu empfehlen. Später, um Mitternacht, wollen wir nach Paris. Auflösung folgt.

Diedersdorf

Das Polaroid als Wundermittel gegen die Kältestrahlung

Horst Ademeit im geheimen Universum des Hamburger Bahnhofs

20 Jahre habe ich Polaroid und Digital / Fotos gemacht die Ränder vollgeschrieben / mir dadurch Luft gemacht über den / gesamten Ärger den mir das Wohnen / und das Stadtviertel Flingern in / Düsseldorf gebracht mit Strahlen-Kälte / Zerstörung Diebstahl Schmutz Abfällen / Rädern Sperrmüll Baustellen Autos / Gerüsten Abrissen und Neubauten auch / Gerichts-Prozess-Fluten ich im Ende / ein halbes Jahr mich im Krankenhaus befunden / die Wohnung aufgegeben diese Zeit / besiegelt ward somit / jetzt wo in Ruhe lebe fast ein Jahr / im Senioren Heim wird mir klarer / das ohne mein Ankämpfen gegen das / gesamte Elend mit Fotos und / Schreiben usw. Tätigkeiten ich kaum / Heil hätte überleben können mit / Dank an Herrgott Himmel und Erde [Horst Ademeit, Düsseldorf 2009]

Aus diesem Text von Horst Ademeit, der 1937 in Köln geboren wurde und 2010 gestorben ist, geht seine Lebens- und Leidensgeschichte vollständig hervor. Ein weiterer Kommentar zu seiner Arbeit, die noch bis zum 25. September im Hamburger Bahnhof, Berlin, zu sehen ist, wäre überflüssig.

"Tagebuch von Horst Ademeit", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Tagebuch von Horst Ademeit", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

1990 kauft sich Ademeit eine Polaroidkamera und findet mit ihr seine Berufung. Für die nächsten anderthalb Jahrzehnte dokumentiert er mit Hilfe von Lebensmitteln, Thermometer, Lichtmesser, Feuchtigkeits-Messgerät, Kompass und Geigerzähler, die er täglich auf einer Tageszeitung als Datumsnachweis arrangiert, seine Aktivitäten zum Schutz vor der Strahlenbelastung.

Er fertigt 6006 solcher Tagesfotos an. Polaroid 5006 finden Sie hier. Zusätzlich dokumentiert er außerhalb seiner Wohnung anhand von Observationsbildern akribisch die Wirkungsmacht unsichtbarer Strahlen in seiner Umgebung.

Die Polaroids ergänzt Ademeit auf dem Rand mit komplexen handschriftlichen Notizen, Messwerten, persönlichen Beobachtungen und Nachrichtenmeldungen. Zusätzlich füllt er Kalender und Leporellos mit minutiösen Beschreibungen seiner Beobachtungen und des Tagesgeschehens. Die Schrift ist so klein, dass sie selbst mit der Lupe nicht zu entziffern ist (siehe mein Foto).

"Selbst mit Kügelchen von Horst Ademeit", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit Kügelchen von Horst Ademeit", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Um sich vor dem Einfluss der Kältestrahlen (die es nicht gibt) zu schützen, trug Ademeit selbstgedrechselte kleine Holzkügelchen am Körper, die eine Größe von 8 Millimeter aufweisen, was der maximalen Weitung der menschlichen Pupille entspricht (siehe mein Foto).

2008 übersiedelt Ademeit in ein Seniorenwohnheim in Düsseldorf, wo er die rund 10.000 Polaroids einer Mitarbeiterin seines Vertrauens übergibt. Über den Arzt Dr. Behrends gelangen sie nach Köln in die Galerie Susanne Zander. 2009 werden die Polaroids erstmals dort ausgestellt.

Ademeit absolvierte eine Lehre als Anstreicher, studierte dann Textildesign und ging an die Kölner Werkkunstschule. 1970 war er kurz bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie immatrikuliert. Erste dokumentarische Fotos entstanden bei Renovierungsarbeiten in baufälligen Häusern. Seit Ende der 1980er Jahre konzentrierte er sich auf die Dokumentation der Kältestrahlen.

Das fotografische Werk von Horst Ademeit wird in der neuen Ausstellungsreihe “Secret Universe”, die über drei Jahre angelegt ist, gezeigt. Hier sollen künstlerische Einzelpositionen, unabhängig vom etablierten Kunstbetrieb, vorgestellt werden. Es sind Künstler, die als “Outsider” bezeichnet werden und die nicht dem Zirkel des Kunstbetriebes zugerechnet werden können, aber ein Werk mit starker bildnerischer Kraft geschaffen haben.

Als nächstes wird in dieser Reihe die Arbeit von Paul Laffoley vorgestellt. Er illustriert in seinen Diagrammen und Bildtafeln komplexe Theorien zur 4. und 5. Dimension, zu Zeitreisen, naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Themen (ab 4. November 2011). Das “Secret Universe” verspricht eine spannende, mutige und ungewöhnliche Ausstellungsreihe in einem etablierten Museum zu werden.

www.hamburgerbahnhof.de

Die wilde Jagd über den Kurfürstendamm

"Die wilde Jagd über den Kurfürstendamm", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Die wilde Jagd über den Kurfürstendamm", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

125 Jahre Kurfürstendamm mit den “Plasticiens Volants”

Großes Spektakel am Sonntagabend auf dem Ku’damm. Die französische Gruppe “Plasticiens Volants” veranstaltete zu Ehren des 125 Jahre alten ehemaligen Reiterweges mit heliumgefüllten Riesen-Ballons eine wilde Jagd vom Halensee bis zum Breitscheidtplatz. Drachen, Schlangen und andere Fabelwesen reihten sich an großen Straßenkreuzungen in das Rennen ein. Und wie üblich waren die Berliner (wir auch) mit dabei.

Der Kurfürstendamm wurde um 1542 als Dammweg vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald angelegt und diente zunächst als Reitweg für den Kurfürsten Joachim II. Der Mai 1886 gilt als Geburtstunde des damals fertiggestellten 52 Meter breiten und 2,5 km langen Prachtboulevards namens Kurfürstendamm und steht gleichzeitig als Synonym für die Goldenen Zwanziger Jahre, insbesondere verbunden mit dem Künstlertreffpunkt Café des Westens.

Von fliegenden Kartoffeln, zerberstenden Vasen und menschlichen Flugversuchen

Anna & Bernhard Blume mit "Küchenkoller" in der Prinzenstraße, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Anna & Bernhard Blume mit "Küchenkoller" in der Prinzenstraße, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Zum Tod des Künstlers Bernhard Blume 

“Die 1937 geborenen Künstler Anna & Bernhard Blume haben das Genre der inszenierten Fotografie wesentlich erweitert und zählen international zu deren wichtigen Vertretern. In ihren häufig vielteiligen, großformatigen und schwarz-weißen Fotoserien erzählt das Künstlerpaar inszenierte Zeitabläufe, deren Protagonisten sie selbst sind. Die Szenen sind oft reduziert, verfremdet und vor allem komisch: Ordnung und Chaos scheinen sich gegenseitig zu bedingen, Rollenbilder und Konventionen stecken in jedem Ding, konditionieren Verhaltensweisen und fordern zum Widerstand heraus. Dabei sind Performance, Malerei und Fotografie in den zeitdiagnostischen Werken von Anna & Bernhard Blume stets eng miteinander verwoben.” So die Ankündigung zur Retrospektive von Anna & Bernhard Blume 2008 im Hamburger Bahnhof, Berlin.

Sind Kartoffeln nur Kartoffeln, oder können es auch Seelenzeichen sein? Muss man sie nicht als Objektivationen sehen, z.B. unterdrückter, nicht gelebter Wünsche, Triebe? Können dann Kartoffeln nicht zuweilen Truggebilde sein, fotogene Manifestationen einer lang frustrierten Seele, die sonst sprachlos bleiben müsste? [Anna und Bernhard Blume zu “Küchernkoller“]

Anna & Bernhard Blume waren ein unzertrennliches Künstlerpaar seit Beginn der 1960er Jahre. Jetzt ist Bernhard Blume im Alter von 73 Jahren in Köln gestorben. Ein typischer Blume-Titel war “Der Gedanke des Todes ist unannehmbar.” Die ironischen und humorvollen Bilder der Blumes werden bleiben.

Der Bühnenbildner des amerikanischen (Alb-)Traumes

“In a Lonely Place” von Gregory Crewdson in der C|O-Galerie, Berlin

"In a Lonely Place", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"In a Lonely Place", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Die Fotografien von Gregory Crewdson aus der Serie “Beneath The Roses”  (2003-2008) erinnern an Bilder von Edward Hopper, an Standbild-Fotos aus Filmen von David Lynch, an die inszenierten Lichtbilder von Jeff Wall und auch an die Skulpturen von Duane Hansen. Der Aufwand, den Crewdson für die Erstellung seiner Bilder treibt, ist ähnlich hoch. Wie beim Film gehören die Location-Suche, aufwendige Beleuchtung, kostpieliges Setdesign, künstlicher Nebel und Schnee, eine “Film”-Crew und bekannte Hollywood-Schauspieler zur Inszenierung dazu.

Leere Vorort-Straßen mit orientierungslosen Menschen, die zu keiner Kommunikation mehr fähig sind, wenden sich ohne Blickkontakt voneinander ab. Im Hintergrund sieht man brennende Häuser und zugewachsene Bahngleise. Gewalt ist nicht sichtbar, lauert aber im Verborgenen. Alle haben sich anscheinend mit der ausweglosen Situation abgefunden. Crewdsons Bilder sind Ein-Bild-Filme, aber den Anfang und das Ende der Geschichte sieht man nicht, der Betrachter muss den Faden selber weiter spinnen.

Die Kuratoren schreiben: “In den schönen, jedoch verstörenden Bildern der bis ins kleinste Detail choreografierten und arrangierten Serie “Beneath The Roses” erforscht Crewdson die amerikansiche Psyche und die Dramen, die sich in ganz alltäglichen Umgebungen abspielen. Die Bilder thematisieren die dunklen Seiten des amerikanischen Traums und nehmen dabei Bezug auf die Mythen des Hollywoodkinos.”

Auch die zweite ausgestellte Serie “Sanctuary” (2009) zeigt ähnliche Stimmungen. Hier fehlen die Menschen ganz. Crewdson hat in den vorgefundenen Sets der legendären Cinecittá-Studios bei Rom mit den Schauplätzen aus dem antiken Rom in schwarz-weiß fotografiert, “gedreht” ist man versucht zu sagen. Die dritte Serie “Fireflies” (1996), zeigt Schwärme von Glühwürmchen, die er Abend für Abend an der Waldhütte seiner Eltern aufgenommen hat. Auch diesen Bildern sieht man die Einsamkeit an.

Auf dem Blog Fantomatik sind 17 Fotos von Gregory Crewdson, der 1962 in Brooklyn geboren wurde, aus der Serie “Beneath The Roses” zu sehen. Videos und Interviews und finden Sie hier. Die Ausstellung endet am heutigen Sonntag.