Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Das Unvollkommene am Perfekten

„Helmut Newton – Polaroids“ im Museum für Fotografie, Berlin

"Tina 2", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

"Tina 2", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Nach längerer Pause gibt es zum Wochenende wieder einen Artikel: Nein, ich war nicht auf der Berliner Fashion Week oder bei Bread & Butter unterwegs, sondern habe mich anlässlich der zwei aktuellen Ausstellungen mit Polaroids von Helmut Newton und Sybille Bergemann in Berlin mit den eigenen Polaroid-Fotos, die in den 1980er-Jahren entstanden sind, beschäftigt. Eine Auswahl von 92 Fotos, Polaroids SX-70, ist mittlerweile eingescannt und ein Buch in Vorbereitung.

Mein Zitat des Monats und die beiden Ausstellungen mit Polaroid-Fotos passen zur Modewoche in Berlin: Helmut Newton und Sybille Bergemann haben sich mit Mode beschäftigt. Zunächst zu Newton. Die Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Berlin, zeigt noch bis zum 20. November 2011, aus Tausenden von Bildern ausgewählt, 300 Fotos. Zwei Polaroids habe ich herausgesucht: Shooting für die Zeitschrift „Paris Match“, Monte Carlo, 1985 und für den Stern, St. Tropez 1987 sowie ein Video zur Ausstellung mit dem Kurator Matthias Harder.

Für Newton (1920 – 2004) waren die Sofortbilder mit handschriftlichen Ergänzungen eher Skizzen und Schnappschüsse aus seinen Mode-Shootings und dienten der Überprüfung der Bildkomposition und der konkreten Lichtverhältnisse. Diese Vorstudien seiner danach entstandenen perfekten Fotos zeigen eher das Unvollkommene: oft sind sie farbstichig, unscharf, überbelichtet oder verkratzt, aber sie weisen die Patina der Originale auf, eben Polaroids.

In der Ausstellung hängen allerdings nicht die originalen Sofort-Bilder, sondern großformatige, einschließlich des weißen Polaroid-Randes, aufgezogene Prints auf Alu-Dibond als Bildträger. Das charmant Unvollkommene, das Polaroid-Fotos ausmacht, ist aber im Großen und Ganzen erhalten geblieben. Eine Auswahl der „kleinen“ Unikate wird in zwei Vitrinen ausgestellt und lässt sich mit den aufgezogenen Prints gut vergleichen.

Als Newtons Polaroids 1992 erstmals in der Publikation „Pola Woman“ im Schirmer/Mosel Verlag vorgestellt wurden, reagierte die Presse eher verhalten bis ablehnend, heute werden sie auf den großen Kunstauktionen mit einem Preis von bis zu 25.000 Euro gehandelt.

„Auf den Probefotos kann man Eva Herzigova, Nadja Auermann, Monica Belluci und den anderen langbeinigen Superfrauen dabei zuschauen, wie sie zusammen mit dem Fotografen quasi ihre Fingerübungen vor dem eigentlichen Shooting absolvieren: In luxuriös-dekadentem Ambiente, angetan mit High-Heels, ansonsten meist spärlich bis gar nicht bekleidet, präsentieren sie in gewohnt provokantem Newton-Stil selbstbewusst ihre schönen Körper – manchmal mit ironischem Augenzwinkern und manchmal in ihrer Qualität kaum vom späteren Foto zu unterscheiden.“ (FOCUS Online).

„Provokation gehört seit jeher zur Arbeitsweise Newtons, der auch in seinen Auftragswerken stets an die Grenze des Gewohnten führte. Durch seine provokanten und gleichzeitig höchst ästhetischen Motive hat er einen immensen Einfluss auf die Mode- und Aktfotografie ausgeübt, der bis heute ikonografisch nachwirkt.“ (Handelsblatt).

Siehe auch meine Ausstellungsankündigung „Helmut Newton – Polaroids“ am14. Juni 2011.

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