Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Monats-Archive: Mai 2011

Horizonte am Steinhuder Meer

"Am Steinhuder Meer mit Blick auf die Insel Wilhelmstein", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

"Am Steinhuder Meer mit Blick auf die Insel Wilhelmstein", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Der große Nachteil einer Großstadt wie Berlin ist, dass man so gut wie nie den Horizont sieht. Also, ein paar Tage auf dem Land verbringen, zum Beispiel in Steinhude am Steinhuder Meer. Mit 29 Quadrat-Kilometern Fläche ist dieses “Meer” der größte Binnensee Nordwest-Deutschlands. Er wird vorwiegend aus Grundwasser gespeist und ist das Zentrum des Naturparks Steinhuder Meer. Der See befindet sich in der Großlandschaft der Hannoverschen Moorgeest, östlich angrenzend liegt das Tote Moor (siehe Lage hier). Der See bildete sich in einem Becken gegen Ende der letzten Eiszeit vor etwa 14.000 Jahren.

www.naturpark-steinhuder-meer.de

BERLIN, Blicke

Ein Fotopreis schreibt subjektive Stadtgeschichte 1990 bis 2010

"Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

"Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Die heutige Eröffnung der Fotoausstellung im HAUS am KLEISTPARK  kann  ich leider nicht wahrnehmen, weil ich nicht in Berlin bin. Schade, denn die Hälfte der beteiligten Fotografen aus der alten West-Berliner Szene kenne ich gut und hätte gerne gesehen, womit sie sich aktuell beschäftigen.

Der Titel der Ausstellung “BERLIN, Blicke”  wurde in Anlehnung an den Buchtitel von Rolf Dieter Brinkmann “Rom, Blicke“ gewählt. Mit diesem posthum 1979 bei Rowohlt erschienenen Collageband aus Tagebuchtexten und Fotos wurde die Diskussion über Stadtfotografie Anfang der 1980er Jahre nachhaltig angeregt. Eine Ausstellungs-Besprechung werde ich nachreichen, heute  muss der Einladungstext reichen:

“Es gibt Fotos, die sich in das Gedächtnis einschreiben – gerade weil sie nicht versuchen, etwas zu repräsentieren. Sie zeigen das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit in Bildern von Stadträumen, Menschen, Architekturen und Dingen. Solche Fotos sind in dieser Ausstellung und einem begleitenden Fotobuch versammelt. Sie eröffnen den Besuchern neue Blicke auf Berlin und bieten ihnen die Chance, subjektive, poetische, kritische und fremdartige Wahrnehmungen zu machen.

Gezeigt werden Foto-Serien von Preisträgerinnen und Preisträgern eines Fotopreises in Schöneberg und Tempelhof, der seit 20 Jahren ausgeschrieben wird. Dieser in Berlins Bezirken einmalige Preis eröffnet eine sehr subjektive Sicht auf 20 Jahre Bezirks-Geschichte und spiegelt zugleich 20 Jahre Stadtfotografie in Berlin wider. Eine Fachjury – zusammengesetzt aus Experten von Fach- und Hochschulen, Kunstvereinen, Museen sowie aus Fotohistorikern und Journalisten – hat auf zwei Dinge geachtet: Erstens, dass in den prämierten Fotoserien etwas Allgemeines über das urbane Leben am Beispiel von Schöneberger und Tempelhofer Motiven zum Ausdruck kommt und zweitens, dass das Niveau der Arbeiten eigensinnig ist und zugleich auch die aktuellen Debatten zur Fotoästhetik und über das gewandelte Selbstverständnis der Fotografen als Künstler aufnimmt.

Die Themen haben die Foto-Künstlerinnen und -Künstler selbst gewählt und über längere Zeit als Projekte realisiert. Auf diese Weise ist eine Sammlung zusammengekommen, deren Spektrum von der klassischen Autoren- und Architekturfotografie bis zur konzeptuellen Fotografie reicht.”

Die beteiligten Fotografinnen und Fotografen sind: Karine Azoubib, Peter Bajer, Ute und Bernd Eickemeyer, Ludovic Fery, Fred Hüning, André Kirchner, Wolf Klein, Hans-Peter Klie, Natalie Kriwy, Karl-Ludwig Lange, Thomas Leuner, Winfried Mateyka, Michael Nager, Ildar Nazyrov, Jens Oliver Neumann, Lothar M. Peter, Nelly Rau-Häring, Florian Rexroth, Wolfgang Ritter, Orit Siman-Tov, Arnd Weider, Janina Wick.

www.hausamkleistpark-berlin.de

Da kam ein Kater und fraß das Zicklein

El Lissitzky und Frank Stella mit Chad Gadya in der Neuen Nationalgalerie

Chad Gadya (Ein Zicklein)

Der Vater kauft ein Zicklein für zwei Pfennig.

Da kam ein Kater und fraß das Zicklein,

da kam der Hund und fraß den Kater,

da kam der Stock und schlug den Hund,

da kam das Feuer und verbrannte den Stock,

da kam das Wasser und löschte das Feuer,

da kam der Ochse und trank das Wasser,

da kam der Metzger und schlachtete den Ochsen,

da kam der Todesengel und tötete den Metzger,

und zuletzt kam Gott und tötete den Todesengel.

Ausschnitt aus "El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ausschnitt aus “El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Als Zusatzpräsentation zu Frank Stellas “The Michael Kohlhaas Curtain” im Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie (siehe mein gestriger Artikel) befindet sich im Untergeschoss die Ausstellung: El Lissitzky / Frank Stella: Chad Gadya.

Es handelt sich um zwei druckgrafische Folgen aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, die beide das Kinderlied “Chad Gadya (Ein Zicklein)” als Grundlage haben. Dieser erste Raum, der momentan von den beiden Künstlern bespielt wird, dient gleichzeitig als Einstieg in die Sammlungspräsentation “Moderne Zeiten”.

Ausschnitt aus "Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ausschnitt aus “Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

1919 schuf Lissitzky ein Heft mit Illustrationen zu dem jüdischen Kinderlied: “Chad Gadya”. Jedes Blatt illustriert einen Vers des Liedes (siehe oben), in dem eine Folge von Zerstörungen ihren unaufhaltsamen Verlauf nimmt. Jede vernichtende Tat verursacht die nächste Verheerung. Irgendwie erinnert das auch an die Geschichte von Michael Kohlhaas.

Im Mai 1981 sah Frank Stella bei einem Besuch im Tel Aviv diese Blätter. Sie inspirierten ihn zu einer eigenen druckgrafischen Serie “Nach Lissitzkys Chad Gadya “, an der er bis 1984 arbeitete. Für Stella markieren diese Grafiken einen Wendepunkt hin zum ausdrucksvollen Gestus und der barocken Vielfalt, von denen seine späteren Arbeiten gekennzeichnet sind.

Der Michael Kohlhaas-Vorhang des Frank Stella

Wenn ein Künstler und ein Ingenieur gemeinsam Kunst produzieren …

"Stellas Michael Kohlhaas-Panorama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Stellas Michael Kohlhaas-Panorama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der amerikanische Maler Frank Stella und der spanische Ingenieur Santiago Calatrava haben gemeinsam ein Kunstwerk geschaffen, das die Neue Nationalgalerie in Berlin, ein bisschen übersteigert vielleicht, als Weltpremiere vorstellt: “The Michael Kohlhaas Curtain”. Wie man auf meinem Photo sieht, hat das Werk im Obergeschoss einen hervorragenden Platz gefunden.

Im Zentrum der Halle steht das kraftvolle, leuchtende Monumentalbild von Frank Stella aus dem Jahr 2008. Als Malgrund diente ihm eine 40 Meter lange Lastwagenplane. Stella ist seit dem Studium mit der deutschen Kultur vertraut, deshalb wählte er als Grundlage für das Bild Heinrich von Kleists Geschichte des “Michael Kohlhaas”. Stella malt rein abstrakt, deshalb muss man schon sehr viel Phantasie besitzen, um eine Geschichte zu erkennen.

Santiago Calatrava hat für das Wandbild eine feingliedrige Architektur aus Stahl entworfen, die das Bild zu einem ringförmigen Panorama in luftiger Höhe werden lässt. Man kann es von beiden Seiten betrachten, also auch aus dem inneren Ring heraus. Michael Kohlhaas, der Rebell griff zur Selbstjustiz und ging daran zu Grunde − in Stella/Calatravas Werk gibt es, bedingt durch das Rund-Panorama, aber weder Anfang noch Ende.

Die Kuratoren schreiben: “Grelle Plastikfarben, dynamische Muster und Strukturen durchbrechen die rigide Strenge des Mies van der Rohe-Baus. Kunst, Literatur und Architektur verbinden sich zu einer energetisch ausstrahlenden Installation, die jenseits aller Kategorien steht.”

Berühmt wurde Frank Stella mit den “Shaped Paintings” − ausgeschnittenen malerischen Formen, mit denen er in den Raum vorstößt. Fast immer sind die Arbeiten literarisch oder philosophisch begründet. Calatrava nimmt stets eine Form, oft eine tierische oder organische, zum Ausgangspunkt seiner Arbeit. Er schafft gleichfalls als Architekt filigrane Brücken und Bogenbauten, so z.B. in Berlin die Kronprinzenbrücke im Regierungsviertel.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. August 2011 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Den zweiten Teil der Ausstellung, Frank Stellas Mappenwerk aus den 1980er Jahren “Illustrations after El Lissitzky’s Had Gadya”, das gemeinsam mit den Vorbildern, den Lithografien von El Lissitzky im Untergeschoss der Neuen  Nationalgalerie präsentiert wird, werde ich übermorgen vorstellen.

Mit wehenden Fahnen in die Neue Nationalgalerie

… mit den Künstlern Frank Stella, Santiago Calatrava und El Lissitzky

"Stella- und Calatrava-Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Stella- und Calatrava-Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die wehenden Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie Berlin weisen bereits von weitem auf die aktuelle Doppelausstellung hin − zum einen auf die Kooperation zwischen dem US-amerikanischen Maler Frank Stella und dem spanischen Architekten Santiago Calatrava mit ihrem gemeinsamen Werk “The Michael Kohlhaas Curtain” in der oberen Halle und zum anderen auf Frank Stellas Mappenwerk aus den 1980er Jahren “Illustrations after El Lissitzky’s Had Gadya”, das gemeinsam mit seinen Vorbildern, den Lithografien von El Lissitzky im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie präsentiert wird.

Die Kuratoren schreiben hierzu: “Weltstars sind sie beide: der amerikanische Künstler Frank Stella, der seit den 1960er Jahren Malerei als Medium einsetzt, um in den Raum vorzustoßen, und der spanische Ingenieur und Baumeister Santiago Calatrava, der mit filigranen Brücken und Bogenbauten höchst poetische Raumgebilde geschaffen hat.”

Beide Ausstellungen, die noch bis zum 14. August 2011 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sind, stelle ich in den kommenden Tagen vor.

Die Weiterführung der Malerei mit anderen Mitteln

“Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010″ in Düsseldorf (3)

Ich verstehe meine Arbeiten als in sich zusammenhängend, wie eine Art Gebäude, das sich graduell ausdehnt und verwandelt; manchmal muss etwas renoviert oder neu durchdacht werden, oder man baut einen neuen Flügel an.

"Bern", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Bern”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Während ich im letzten Beitrag auf die Werkgruppen in der Grabbehalle der “Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20″ eingegangen bin, steht heute die Kleehalle an. Struth ist dort mit seinen Werkgruppen “Museum Photographs”, “Audiences”, “Familienportraits” und der neuesten Arbeit “Industrieansichten” vertreten. Die einzelnen Gruppen sind in der Ausstellung nicht entsprechend gekennzeichnet, werden in den Texten zum Teil unterschiedlich bezeichnet und die Übergänge der Serien sind teilweise auch fließend. Diese Hängung ist von Struth beabsichtigt und wird so zu einem “Gesamtkunstwerk”. Anhand eines jeweiligen Beispielbildes möchte ich die einzelnen Gruppen näher vorstellen.

Museum Photographs

Natürlich sind Struths berühmte Museumsbilder aus den Museen der Welt wie dem Prado in Madrid, dem Pergamon-Museum in Berlin oder dem Louvre in Paris in der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen. Die abgelichteten Besucher agieren vor den Kunstwerken und wirken oft künstlich arrangiert. Aber in der Regel hat Struth bei diesen Aufnahmen so lange gewartet, bis die Zuschauer sich “in eine Komposition begaben”, wie er sagte. Beim “Pergamon”-Bild hat das nicht funktioniert, hier hat Struth die “Zuschauer” selber mitgebracht und angeordnet (“Pergamon Museum I Berlin 2001″, siehe hier).

"Zeche Zollverein, Essen", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Zeche Zollverein, Essen”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Audiences

Im Gegensatz zu den “Museum Photographs” stehen hier ausschließlich die Museums-Besucher als Betrachter von Kunst im Mittelpunkt seines Interesses. Besuchergruppen und einzelne Personen schauen in die Höhe oder an die Wände auf für uns nicht sichtbare Kunstwerke. Diese “spiegeln” sich lediglich in den Gesichtern der Zuschauer, in ihrem Minenspiel oder ihrer Gestik. Am schönsten fand ich eine Serie von fünf Bildern, die kabinettartig gehängt sind: “Audiences”, Florenz 2004 (siehe hier).

Alle fünf Bilder wurden fast vom gleichen Standpunkt aus fotografiert, aber zu verschiedenen Zeiten und dadurch mit wechselnden Zuschauern. Auch hier sehen wir nicht das zu betrachtende Werk und rätseln, ob es sich nicht um den “David” von Michelangelo handeln könnte. Angeblich soll er sich schemenhaft in der Brille eines Betrachters abzeichnen. Trotz intensiven Suchens konnte ich dergleichen nicht finden.

Familienportraits

“Die Familienportraits lassen die Fotografien als Rätsel erscheinen, die in uns das Verlangen wecken, Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen und in dem Familienportrait, das wir betrachten, das prägende Zusammenspiel von Genen, Generationen, Psychologie, Kultur und Lebensumständen zu entdecken.” (Zitat Katalog).

Dass Struth zu Beginn seiner Karriere als Maler arbeitete, merkt man den Familienportraits an; sie stehen den klassischen Kompositionen sehr nahe. Die Anordnung der Dargestellten gibt häufig Aufschluss über Rang und Verpflichtung untereinander, die Kleidung ist aber eher leger und gibt den Bildern eine intime Atmosphäre. Hierzu habe ich das Bild “The Richter Family Cologne 2002″ (siehe hier) herausgesucht. Es handelt sich hierbei übrigens um den Maler Gerhard Richter, Struths erstem Lehrer.

Industrieansichten

Das beeindruckendste Bild dieser Gruppe ist für mich “Semi Submersible Rig DSME Shipyard, Geoje Island 2007″ (siehe hier). Das monumentale Bild einer Halbtaucher-Bohrinsel an der Küste von Süd-Korea, eines der größten der Ausstellung, muss man “live” erleben; im Internet oder auch gedruckt sieht man die Brillanz und Farbigkeit des Originals nicht. Auf den ersten Blick könnte man meinen, in dem Foto Struths Lehrer, die Bechers, zu erkennen. Aber ein kleines Detail, der Radfahrer, der sein Rad inspiziert, und natürlich die Farbe machen den Unterschied zu Bechers Fotos deutlich. Bechers hätten abgewartet, bis der Radfahrer verschwunden wäre.

Seit den Anfängen richten sich Struths Werke auf die vier großen Schauplätze: Kunstmuseen, moderne Großstädte, Familien und Natur. Dies habe ich versucht  in den drei Artikeln  vorzustellen (siehe hier und hier). Demnächst wieder mehr zur Kunst in der Hauptstadt: Frank Stella, Santiago Calatrava und El Lissitzky in der Neuen Nationalgalerie.

www.kunstsammlung.de

Die Urwälder der Welt zu Gast in Düsseldorf

“Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010″ in Düsseldorf (2)

Wenn man im Dschungel stehen bleibt, betrachten einen die Pflanzen nach fünf Minuten als Nahrung!

"Junger Urwald", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Junger Urwald”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Alle Paradiese der Welt, denn es gibt nicht nur eins, scheinen zu Gast in Düsseldorf zu sein. Beim ersten Betreten der Grabbehalle der “Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20″ hat man das Gefühl mitten im Urwald, in den Wäldern von Brasilien, Peru, Australien, China, Japan, Florida und, ja auch in Deutschland, im Bayrischen Wald zu stehen und zwar gleichzeitig (Beispiel Thomas Struth: Paradise 29, Perù, 2005).

Trotz der zwölf Meter (sic!) hohen, aber sehr schmalen und damit schwierig bespielbaren Halle, hat Struth die Räumlichkeiten optimal mit den elf gemäldeartigen Arbeiten aus der Serie “Paradise”, die bis zu  2,5 x 3,5 Meter (sic!) groß sind und den eher “klein”-formatigen (60×80 cm) früheren schwarz/weißen Stadtbildern aus den Städten wie Düsseldorf, New York, Paris, Rom, Neapel, Tokio, Chicago oder Shanghai aus den Jahren 1978 bis 1986 sehr gut in den Griff bekommen.

“Ab 1996 entwickelte sich bei Struth der Plan für die Paradise-Bilder. Sie waren fast von Anfang an als raumgreifende Installation mehrerer, den Betrachter umgebender Werke konzipiert … Die Produktionsmethode dieser Arbeiten unterschied sich stark von derjenigen der ‘Museums Photographs’, bei denen Struth oft eine große Zahl von Aufnahmen machte, stets in neuer Variation aufgrund der ständigen Bewegung der Menschen, ehe er ein bestimmtes Bild auswählte. Bei den ‘Paradise’-Bildern konnte er sehr viel ökonomischer Vorgehen, mehr als die Hälfte der Aufnahmen wurden tatsächlich verwendet.” Zitat Ausstellungskatalog.

"Wedding, Neue Hochstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 1977

“Wedding, Neue Hochstraße”, Foto © Friedhelm Denkeler 1977

Auf den Paradies-Bildern ist der Blättervorhang so dicht, dass der Blick unmittelbar auf der Oberfläche des Bildes hängen bleibt. Im Gegensatz dazu stehen Struths zentralperspektivisch aufgebaute, meist menschenleere Straßenschluchten aus den 1970/80er Jahren (BeispielThomas Struth, Crosby Street, New York, 1978). Seine Heimatstadt Düsseldorf richtet Struth nun erstmalig eine Einzelschau aus und die frühen Werke der Serie Düsseldorfer “Straßen” können auch als Hommage an die Landeshauptstadt betrachtet werden.

Die kleinformatigen und blockweise gehängten Schwarz/Weiß-Straßenfotografien entsprechen den typischen Stadtfotografien der 1970/80er Jahre, als Beispiel seien Michael Schmidt in Deutschland und die Fotografen der “New Topographics” in den USA genannt. Als P.S.1-Stipendiat setzte Struth diese Serie in New York, und später auch in Münster, Rom, Neapel, Paris und Edinburgh fort.

Die “Paradise”-Bilder (und die “Audience”-Serie) liegen Struth besonders am Herzen. Er weist in den begleitenden Texten darauf hin und auch für mich stellen beide Serien Höhepunkte der Ausstellung dar. Im nächsten Artikel werde ich über Struths Werkgruppen in der Kleehalle, die Museums-Fotografien, die “Audiences”, seine Familienportraits, die Fotos von Kultstätten und die neuen “Industrieansichten” berichten.

www.kunstsammlung.de

Vom undurchdringlichen Dschungel zu den Maschinenräumen der Moderne

“Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010″ in Düsseldorf (1)

Wenn mir jemand sagt, du bist Fotograf, dann ist das nur die halbe Wahrheit!

"Im Felsenmeer", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Im Felsenmeer”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Die Welt, na ja zumindest Europa, ist zu Gast in Düsseldorf − beim Eurovision Song Contest, den die Liebhaber natürlich weiterhin “Grand Prix” nennen. Dieser war aber nicht das Ziel meines Kurzbesuches in Düsseldorf, sondern die große Retrospektive von Thomas Struth (*1954) in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 am Grabbeplatz. Viel gehört und in Kultursendungen gesehen hatte ich schon über die Schau, aber meine Erwartungen wurden mit den gemäldeartigen Großfotografien alle übertroffen.

Während bisher lediglich einzelne Werkgruppen vorgestellt worden sind, gibt es in Düsseldorf und somit erstmals in Europa, einen repräsentativen Überblick über das Gesamtschaffen Struths zu sehen. Beide Hallen, die sehr hohe und schwierig bespielbare Grabbehalle und die riesengroße Kleehalle, die entsprechend der gezeigten Werkgruppen unterteilt ist, sind mit diesen Arbeiten im Großformat vorzüglich gefüllt und großzügig werden die folgenden Werkgruppen gehängt:

In der Grabbehalle finden sich Struths 2,5 x 3,5 Meter (sic!) große “Urwaldbilder” mit dem Titel “Paradise” aus den Jahren 1998 bis 2007 und seine eher “klein”-formatigen (60×80 cm) früheren schwarz/weißen Stadtbilder aus Städten wie Düsseldorf, New York, Paris, Rom, Neapel, Tokio, Chicago oder Shanghai aus den Jahren 1978 bis 1986.

 "Jahrtausendblick", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Jahrtausendblick”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

In der Kleehalle sind Struths Museums-Fotografien (1996 bis 2001) aus den berühmtesten Museen der Welt, vom  Pergamon-Museum über den Louvre bis zum Art Institute of Chicago, seine Familienportraits (1996 bis 2008), die Fotos von Kultstätten (1995 bis 2003), wie der “El Capitan” im Yosemite National Park, der Mailänder Dom oder der Times Square in New York zu sehen, ebenso die Werkgruppe “Audiences”, in der Struth das Museums-Publikum beim Betrachten der Bilder beobachtet und eine neue Werkgruppe “Industrieansichten” aus den Jahren 2007 bis 2009, die technologische Spitzenleistungen, wie das Kennedy Space Center oder ein Trockendock in Island, zum Inhalt haben.

Thomas Struth hat zunächst Kunst bei Gerhard Richter und dann Fotografie bei Bernd und Hilla Becher studiert (1973 bis 1980). Seine erste Ausstellung hatte er 1978 im P.S.1 in New York, 1992 war er auf der documenta IX in Kassel vertreten und stellte als erster lebender Künstler im Prado in Madrid aus. Die aktuelle Ausstellung, die noch bis zum 19. Juni 2011 in Düsseldorf läuft, war vorher in Zürich zu sehen und wandert weiter nach London und Porto.

Mit der Eintrittskarte erhalten die Besucher zugleich einen kostenlosen Kurzführer durch die Ausstellung, der einzelne Fotos von Struth und Gemälde aus der Sammlung gegenüberstellt und in Beziehung setzt. Thomas Struth lebt in Düsseldorf und Berlin und arbeitet mit einer Großbildkamera der Marke “Plaubel”. In zwei noch folgenden Artikeln werde ich ausgewählte Werkgruppen ausführlicher vorstellen. Zur Einstimmung habe ich zwei Links mit Filmen zu Struths Arbeiteten herausgesucht: hier und hier.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist nicht nur im K20 am Grabbeplatz beheimatet, sondern auch im weiter entfernt gelegenen ehemaligen Ständehaus, genannt K 21, in der Ständehausstraße. Zwischen dem K20 und K21 gibt es einen von Mercedes-Benz gesponserten, kostenlosen Busshuttle. Ich nahm die Gelegenheit war, mir im K21 auch noch Ausstellung “Intensif-Station − 26 Künstlerräume” im Schnelldurchgang anzusehen.

Und auch dieser Besuch war sehr lohnenswert. Bereits der Fahrer des Busshuttles, Herr Hellmann, wies während der Fahrt sachkundig und kompetent auf die Besonderheiten der Ausstellung hin. So hinterließen  die Mitarbeiter, die Ausstellungsgebäude, das Ausstellungsdesign und die editierten Materialien und Kataloge einen hervorragenden Gesamteindruck von der Institution Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Leider war mein Besuch im K21 angesichts der dargebotenen Kunst viel zu kurz, vielleicht ergibt sich diesen Sommer noch ein weiterer Besuch, die Ausstellung läuft noch bis zum 4. September 2011.

www.kunstsammlung.de

Du bist Landschaft, Wasser, Wetter und dein Spiegelbild

“Roni Horn – Photographien” in der Kunsthalle in Hamburg

"Blick in die Ausstellung mit Roni Horns 'You Are The Weather', 1994-1996", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Blick in die Ausstellung mit Roni Horns 'You Are The Weather', 1994-1996", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Zuerst sehen wir Doppelportraits aus Island, d.h. Aufnahmen von heißen Quellen und blubbernden Erdlöchern in Gegenüberstellung. Roni Horn zeigt mehrmals zwei oder mehrere motivgleiche Bilder, um die Prägung und Veränderung der Motive im Laufe der Zeit darzustellen. Mit diesen Aufnahmen kündigt sie bereits ihr nächstes wichtiges Thema an: Das Wasser.

In der Arbeit “Some Thames” (2000), zeigt sie 80 verschiedene Gesichter der Themse in London mit ihren jeweiligen “Stimmungen” auf der Oberfläche des Flusses, von aufwühlend bis spiegelglatt, von innerlich bewegt bis leuchtend im Morgenlicht. Anhand der Reflexionen erkennt man, ob der Himmel blau oder grau ist, ob die Themse an einer Stelle schnell und an jener langsam fließt.

In der Serie “You are the Weather” aus dem Jahr 1995 (siehe mein Photo) nimmt die Amerikanerin mehrfach das Gesicht einer jungen Frau beim Bad in den heißen Quellen Islands auf, nur ihr Gesicht ragt aus der Wasseroberfläche heraus. Vor dem Hintergrund des blauen Wassers sehen wir an die 100 Nahaufnahmen mit minimal veränderten Gesichtsausdrücken, die wiederum ähnlich der Themse verschiedene Stimmungen widerspiegeln.

Die New Yorker Künstlerin Roni Horn (*1955) ist mit ihren Serien von Photographien, Zeichnungen, Objekten und Skulpturen international bekannt geworden. Sie lebt abwechselnd in New York und auf Island. Nach ihrer großen Einzelausstellung 2009 in der Tate Modern in London und im Whitney Museum in New York sind nun ihre Photographien, insgesamt elf Serien mit über 300 Arbeiten, erstmals in einer Einzelausstellung in Deutschland bis zum 15. August 2011 zu sehen.

DIE WELT fragt: “Ist Roni Horn, die eigentlich auf den Namen Rose getauft wurde und 1955 als Tochter jüdischer Eltern im New Yorker Schwarzenviertel Harlem geboren wurde, wirklich die große Poetin des Wassers und des Wetters, als die sie lange Zeit charakterisiert wurde? Oder ist sie nicht am allermeisten mit sich selbst beschäftigt und nutzt die gewaltige Landschaft Islands vor allem als Spiegel ihrer von Widersprüchen und Gegensätzen faszinierten Psyche? Diese Frage stellt sich zwangsläufig wer länger durch die Ausstellung geht, und kommt wahrscheinlich zu dem Ergebnis, dass auf Roni Horn beides zutrifft.”

www.hamburger-kunsthalle.de

Schöne Unklarheiten und Irritationen in Malerei und Photographie

“Unscharf. Nach Gerhard Richter” in der Hamburger Kunsthalle

“Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe Bild nicht oft gerade das, was wir brauchen?“
Ludwig Wittgenstein

"Hamburger Kunsthalle mit 'Kleiner Zyklop' von Bernhard Luginbühl, 1929", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Hamburger Kunsthalle mit ‘Kleiner Zyklop’ von Bernhard Luginbühl, 1929″, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Besucher und die Räumlichkeiten — alles war im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle scharf zu sehen, nur die Kunstwerke waren unscharf. “Hilfe, ich sehe unscharf!” konnte ich nur noch ausrufen, in Anspielung auf den Schriftsteller Harry Block, der in Woody Allens Komödie “Harry außer sich” aus dem Jahr 1997, plötzlich in Unschärfe versinkt. Ohne die Filmstreifen und Fotografien mit ihren Weichzeichnungen und dem “Out of Focus” hätte die Unschärfe in der Malerei nicht die Bedeutung und Verbreitung gefunden, die sie scheinbar heute hat.

In der Gruppenschau “Unscharf. Nach Gerhard Richter” mit 110 Werken von 24 jüngeren Künstlern ist zu sehen, welche Auswirkungen das Vorbild Richter (siehe meine Ausstellungsbesprechung hier) bei einigen Künstlern bis heute in den Medien Malerei, Photographie, Installation und Video ausgelöst hat. Die meisten Künstler waren mir bisher nicht bekannt, außer Anna und Bernhard Blume, David Armstrong (siehe hier das Titelbild der Ausstellung), Ernst Volland (siehe hier) und natürlich Gerhard Richter, der auch hier mit 20 Werken vertreten ist.

"Selbst im 'Out of Focus. Part One. New York City' von Nicole Hollmann", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Selbst im ‘Out of Focus. Part One. New York City’ von Nicole Hollmann”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Zu sehen ist eine vielfältige Bilderwelt der Unschärfe, die faszinierend und verführerisch ist. Das ist aber auch das Problem — vielen Werken scheint es nur um die bildnerischen Effekte zu gehen. DER SPIEGEL urteilt in der ihm eigenen kryptischen Art: “Unschärfe als Methode und Unschärfe als Wirkung. Unschärfe ist das ästhetische Äquivalent zu Langstreckenflügen, Hybridantrieb und geschäumter Milch. Unschärfe wirkt besonders passend in einer Zeit, die von Gleichzeitigkeit geschüttelt, von der Allanwesenheit getrieben, von Netzwerken durchwachsen ist.”

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Mai 2011 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen

Impressionen aus Hamburg (8)

"Langes Paar", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Langes Paar", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Stephan Balkenhols Holzkörper bringen Kunst auf die Straße – und in Hamburg auch auf das Wasser

Bekannt ist Stephan Balkenhols “Mann mit Giraffe” vor Hagenbecks Tierpark in Hamburg (siehe hier). Weitere seiner Skulpturen, die er hauptsächlich aus Holz herstellt und die sein Markenzeichen sind, finden sich im Hamburger Stadtraum, so schwimmen einige auf Elbe und Alster. Balkenhols Arbeit “Mann und Frau” habe ich vor der Zentralbibliothek der Öffentlichen Bücherhallen entdeckt. Scheinbar blicken Balkenhols Figuren emotionslos ins Leere oder auf einen für den Betrachter unbekannten Punkt. Sie bleiben anonym, distanziert und rätselhaft. Balkenhol sagt dazu:

“Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten. In ihnen versteckt sich etwas Geheimnisvolles. Es ist nicht meine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.”

Weitere Werke von Stephan Balkenhol finden Sie hier.

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