Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Yasemin Samderelis Kinodebüt, eine Einwanderungskomödie, außer Konkurrenz im Wettbewerb

Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Während Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ am Nachmittag vom Publikum sehr verhalten aufgenommen wurde, gab es am Abend für die Uraufführung „Almanya – Willkommen in Deutschland“ großen Applaus. Der Film könnte der Publikumsliebling der Berlinale werden. Für uns war er eine willkommene Abwechslung zur enttäuschenden „Schlafkrankheit“. Im Film geht es um Integration, also kam auch Bundespräsident Wulff mit Gattin Bettina gerne zur Premiere.

Die aus Dortmund stammende Regisseurin Samdereli erzählt in ihrem doppelbödig inszenierten Film über einen Zeitraum von 45 Jahren, vom Beginn des Wirtschaftswunders bis Anfang der 90er Jahre, die Geschichte der Einwanderungsfamilie Yilmaz aus Anatolien. Es ist ein – im doppelten Sinne – farbenfrohes Integrationsmärchen aus türkischer Sicht geworden. Der Film sprüht vor klugem Witz, ist voller Gefühl für das Aufeinandertreffen zweier Kulturen und zeigt einen eigenständigen Beitrag zur Integrationsdebatte.

Einige der zahlreichen witzigen Einfälle der Samdereli-Schwestern möchte ich gerne vorstellen. Als der Einwanderer Yilmaz am 10. September 1964 in Oberhausen ankommt, wäre er eigentlich der Millionste Gastarbeiter geworden, aber er ließ einem anderen galant den Vortritt, der dann die Ehrung und das Zündapp-Moped erhielt.

Die „Gastarbeiter“ konnten bei ihrer Ankunft natürlich kein Deutsch verstehen. Samdereli lässt deshalb zum Ausgleich die Deutschen in unverständlichen Idiomen sprechen, ähnlich dem Heil-Hinkel-Deutsch aus Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und übersetzt diese eigentümliche Sprache dann per Untertitel.

Oder die Geschichte mit den Müllfrauen: Kaum in Deutschland angekommen, beobachten die Kinder am Fenster die Müllabfuhr für die Yilmaz arbeitet und seine kleine Tochter wünscht sich nichts sehnlicher, als später ebenso als Müllfrau zu arbeiten. Sie ist maßlos enttäuscht, dass es in Deutschland nur Müllmänner geben kann. Jahre später, auf einer gemeinsamen Reise nach Anatolien, traut sie ihren Augen nicht: Es gibt in der Türkei bereits ihre heiß ersehnten Müllfrauen.

Alle, auf beiden Seiten vorhandenen Klischees werden phantasievoll angerissen. Der Weihnachtsbaum wird zum Nadelstrauch, den Deutschen wird sogar Kannibalismus zugetraut, die Blümchenmusterkleider tauchen auf und die bevorstehende Einbürgerung scheint ohne sonntägliches Tatort-Sehen, unmöglich zu werden.

Am 10. September 1964 wurde in der Bundesrepublik der millionste „Gastarbeiter“ begrüßt. Der Film der Schwestern Yasemin Samdereli (Regie) und Nesrin Samdereli (Buch) erzählt die Geschichte des Eine-Million-und-Ersten, eines Mannes namens Hüseyin Yilmaz, und seiner Familie. Und das über einen Zeitraum von 45 Jahren. „Wer oder was bin ich eigentlich – Deutscher oder Türke?“ Diese Frage stellt sich der sechsjährige Cenk Yilmaz, als ihn beim Fußball weder seine türkischen noch seine deutschen Mitschüler in ihre Mannschaften wählen.

Um Cenk zu trösten, erzählt ihm seine 22-jährige Cousine Canan die Geschichte ihres Großvaters Hüseyin, der Ende der 60er Jahre als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam und später Frau und Kinder nach „Almanya“ nachholte. Längst ist Deutschland zur Heimat der Familie geworden. Doch eines Abends überrumpelt Hüseyin seine Lieben mit der Nachricht, er habe in der Türkei ein Haus gekauft und wolle mit ihnen in die alte Heimat fahren. Widerworte werden nicht geduldet, und so bricht die ganze Familie in die Türkei auf. Es beginnt eine Reise voller Erinnerungen, Streitereien und Versöhnungen – bis der Familienausflug eine unerwartete Wendung nimmt … (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden Sie hier. „Alemanya – Willkommen in Deutschland“ startet am 10. März in unseren Kinos.