Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Welt aus Schrift. Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA. Ikonographie und Entwicklungsgeschichte der Schrift-Bilder

"Overstolz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Overstolz“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die große, von der Kunstbibliothek kuratierte Ausstellung „Welt aus Schrift – Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA“ zeigt die typograhischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die Interaktion von Schrift und Bild und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen freier und angewandter Kunst, die Expansion der Schrift in alle Lebens- und Wahrnehmungsbereiche.

Keine andere Epoche hat einen solchen Reichtum von Schriftformen hervorgebracht, und noch nie war Schrift in einer vergleichbar medialen Vielfalt präsent – im world wide web, in Informations-, Werbe- und Buchmedien, im öffentlichen Raum, in der Mode, in Fotografie, Film und Medienkunst.

Neben angewandten Arbeiten der freien Kunst gilt das Sammelinteresse der Kunst-Bibliothek vor allem den Entwicklungen des Grafikdesigns in den Alltagsmedien wie Zeitschrift, Buch, Zeitung, Plattencover, Inserat und Plakat und darüber hinaus den Beispielen des modernen Kommunikationsdesigns. Meisterwerke wie das Monumentalplakat zu Fritz Langs „Metropolis“ von 1927 sind Unikate von Weltrang. In der Ausstellung wird dieses universale Medienarchiv erstmals in seinem ganzen Umfang für die Öffentlichkeit erlebbar.
"Deutsche Schreibmaschinen", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Deutsche Schreibmaschinen“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die fast 600 Exponate werden in sechs Doppeljahrzehnten dargestellt: Der Aufbruch in neue Gestaltungen als Reaktion auf den drohenden Qualitätsverlust im Zeitalter industrieller Druck-Herstellung (1890-1909), die typografischen Innovationen der Moderne (1910-1929), Einflüsse des Art Déco und die Instrumentalisierung der Schrift als politische Botschaft (1930-1949), die Nachkriegsmoderne zwischen swiss style und new bauhaus, die Auflösung der Grenzen zwischen Schrift und Bildender Kunst in Pop Art, Konkreter und Visueller Poesie (1950-1969), die Dekonstruktion der Schrift zwischen Konzeptkunst und Postmoderne (1970-1989) und schließlich die digitale Renaissance der Schrift als Universalmedium einer globalisierten Welt (1990-2009). Quelle: Pressemitteilung der SMB.

Drei (willkürliche) Beispiele habe ich herausgesucht: Ein Werbefaltblatt von Lucian Bernhard „Alles Geld dem Vaterlande“ aus dem Jahr 1915 und die Werbeanzeige „Overstolz“ von Oskar H.W. Hadank von 1930. Und als Drittes das Platten-Cover der Sex Pistols. Es steht für die Revolution der Schriftbilder in den späten 1970er Jahren durch die Musikkultur von Punk und Techno. All das hat sich in den Zeitschriften wie Rolling Stone, Spex und Frontpage und anderen niedergeschlagen.
"Sex Pistols", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Sex Pistols“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

„Eines der sprechendsten Ausdrucksmittel jeder Stil-Epoche ist die Schrift. Sie gibt nächst der Architektur wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eines Volkes. Wie sich in der Architektur ein voller Schein des ganzen Wogens einer Zeit und äußeren Lebens eines Volkes widerspiegelt, so deutet die Schrift Zeichen inneren Wollens. Sie verrät von Stolz und Demut, von Zuversicht und Zweifel der Geschlechter“, so, etwas pathetisch, 1901 Peter Behrens.

Die Ausstellung in den Sonderausstellungshallen im Kulturforum am Potsdamer Platz, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin-Tiergarten, läuft nur noch bis zum 16. Januar 2011. Wer danach Lust auf eine weitere „Schrift“-Ausstellung hat, kann sich im Kupferstich-Kabinett im Kulturforum noch die Ausstellung „Schrift als Bild. Schriftkunst und Kunstschrift vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ ansehen (bis 23. Januar 2011).

Eine Führung durch die Ausstellung finden Sie hier.