Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Die Berlinische Galerie zeigt „Berlin Work“ noch bis zum 28. März 2011. Nan Goldins Fotografien sind mehr als Bilder ihres Lebens

Mit diesen Fotografien, die teilweise erstmalig öffentlich zu sehen sind, zeigt die Berlinische Galerie (BG), Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, einen guten Überblick über die Werke, die Nan Goldin zwischen 1984 und 2009 während zwei längerer Aufenthalte, teilweise dank eines DAAD-Stipendiums, in Berlin geschaffen hat. In einem Video gibt der Direktor der Berlinischen Galerie, Dr. Thomas Köhler, eine kurze Einführung in die Ausstellung.

"Spitzen-BH", Foto © Friedhelm Denkeler 1999
„Spitzen-BH“, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Nan Goldins Farbfotografien zeigen in facettenreicher Üppigkeit ihre “Family of Nan“, in Anspielung auf die legendäre Fotoausstellung „Family of Man“ der 1920er Jahre. Berühmt wurde sie durch die Serie „Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“ aus dem Jahr 1986. Goldin lebte in der Subkulturszene Bostons und New Yorks Lower East Side unter Drag Queens, Transvestiten und Homosexuellen. Und immer wieder finden wir Bilder, die Goldin von sich selbst und ihren Freunden gemacht hat. Mit diesen intimen Nahaufnahmen hat sie die Fotografie revolutionär erweitert.

Nan Goldin spricht davon, dass sie ein fotografisches Tagebuch ihres Lebens vorlegt. Das dürfte nicht der einzige Grund sein. Das machen viele Menschen auf der Welt so. Man sollte Künstlern auch nicht unbedingt alles abnehmen, was sie über ihr Werk erzählen. „Bilder zu machen erlaubt einem ja gerade die Möglichkeit, sich an Dinge zu wagen, denen man sich mit Worten nicht nähern kann oder wollte“ so Wolfgang Tillmans in einem Artikel des ZEITmagazins. Auch mir fehlen die Worte, den Inhalt von Goldins Werk zu beschreiben oder um mit Susan Sontags Worten zu sprechen, „das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen“.

Ihre Berliner Bilder sind zwischen 1984 und 2009 entstanden. Der Bezug zur Berlinischen Galerie stellt sich nicht nur über den Berlin-Aufenthalt der Künstlerin her. Durch eine Schenkung gelangte im Jahr 1996 die Arbeit „Self-portrait in my blue bathroom“ (1992) in die Sammlung der BG. Dieses Bild und weitere acht Fotos finden Sie hier. Auch das umstrittene Foto „Edda and Klara bellydancing“, das wegen Kinderpornografie-Verdachts in Großbritannien schon einmal beschlagnahmt wurde, ist in der Ausstellung zu sehen. Die beiden Töchter der Künstlerin Käthe Kruse tanzen nackt in der Küche. „Wer darin pornografische Züge sieht“, sagt Goldin, „der ist echt krank.“ (Zitat „Der Spiegel“).

„Die Ausstellung zeigt in thematischer und chronologischer Form einen Überblick dessen, was Nan Goldin während ihrer ausgiebigen Aufenthalte realisiert hat. Künstlerporträts, Interieurs, Selbstporträts, Stillleben und Straßenszenen geben Einblicke in das Leben einer Bohème jenseits der Klischees. Ihre Fotografien scheinen mit ihrer Schnappschuss-Ästhetik keinen Wert auf den sorgfältig komponierten und ausgeführten Farbabzug zu legen. Sie erhebt Personen zum Bildgegenstand, die eher Außenseiter-Rollen in der Gesellschaft und ihrer visuellen Kultur belegen“, so die Presseinformation der BG.

Vor fast einem Jahr zeigte die C/O-Galerie die große Nan-Goldin-Ausstellung „Poste Restante. Slide Shows/Grids“ im Berliner Postfuhramt mit Riesenerfolg. Die derzeitige Ausstellung in der BG haben in den ersten sieben Wochen auch bereits mehr als 20 000 Besucher gesehen. Während bei C/O in allen Räumlichkeiten fantastische Dia-Schauen ihrer Fotos liefen, sind jetzt 72 Farb-Fotos zu sehen, die sehr edel präsentiert werden: Sehr gute Farbprints, bestens gerahmt, auf verschiedenen, dunkelfarbigen Wänden gehängt und so perfekt beleuchtet, dass eine meiner beiden Begleiterinnen sie schon als Dias ansehen wollte. Zurzeit eine der besten Fotoausstellungen in der Hauptstadt. Sehr empfehlenswert.

www.berlinischegalerie.de