Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Die Trommeln der Apachen

Instrumentals der frühen Rockgeschichte –
von “The Third Man Theme” zum “Egyptian Reggae” (2)

Jörgen Ingmann: "Apache", Foto © Friedhelm Denkeler 2016 (mit Dank an Natascha S.)

Jörgen Ingmann: “Apache”, Foto © Friedhelm Denkeler 2016 (mit Dank an Natascha S.)

Ausgangspunkt meiner kleinen Serie “Instrumentals der Rock- Popgeschichte” war das Stück “Apache”. Ich habe immer gedacht, es stammt von den “Shadows”, der Begleitband von Cliff Richard. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass es etwas komplizierter ist, aber der Reihe nach.

The Shadows: “Apache”, 1960, (Ersatzlink)

Die Melodie stammt von dem englischen Komponisten Jerry Lordan. Die Idee zum Titel soll ihm gekommen sein, als er den gleichnamigen Western mit Burt Lancaster und Charles Bronson aus dem Jahr 1954 sah. Es fehlte ihm nur eine Instrumental-Band; die fand er in Bert Weedon. Das Stück wurde 1960 eingespielt, blieb aber zunächst unveröffentlicht, Lordan gefiel diese Fassung nicht.

Dann kam Lordan mit den Shadows in Kontakt, die wiederum fanden, das Instrumental passe zu ihnen. Am Anfang und Ende des Stückes sollten die Trommeln auf die „Indianermusik“ hinweisen. Der Erfolg blieb nicht aus, ab dem 21. Juli 1960 stand die Single für fünf Wochen auf dem ersten Platz der britischen Charts.

Jetzt wurde schnell auch die Single von Jerry Lordan veröffentlicht. Sie hatte in Europa aber weniger Erfolg. In den USA punktete dagegen die Fassung des dänischen Jazzgitarristen Jørgen Ingmann. Alle drei machten das Instrumental zu einem internationalen Hit. Mein Favorit bleibt aber für immer “Apache” von den Shadows. Der Link zu den beiden anderen Versionen:

Bert Weedon: “Apache”, 1960

Jörgen Ingmann: “Apache”, 1961

 Zur Einführung der “Instrumentals der Rock- Popgeschichte” siehe hier.

Abflug Tempelhof

"Das letzte Foto vor dem Abflug", Tempelhof 1953, aus der Serie "Wahlverwandtschaften",Archiv © Friedhelm Denkeler

“Das letzte Foto vor dem Abflug”, Tempelhof 1953,
aus der Serie “Wahlverwandtschaften”, Archiv © Friedhelm Denkeler

Dieter Blum: “Cowboys. The First Shooting 1992″

Auch der Marlboro-Mann muss an der roten Ampel warten

Zunächst landet man, wenn man die Daimler Kunstsammlung im Haus Huth am Potsdamer Platz betritt, in der Retrospektive von Adolf Fleischmann, dem abstrakten Maler mit seinem in New York entstandenen Hauptwerk (1952 – 1965); aber wir sehen auch in Europa entstandene Arbeiten (1940er Jahre). Der Eingang zu den weiteren Ausstellungräumen ist nicht ohne Grund mit halbhohen Westernsaloon-Schwingtüren versehen. Sie beherbergen die Cowboy-Fotos des deutschen Fotografen Dieter Blum (geb. 1936).

Der Marlboro-Mann existiert bereits seit 1950, aber erst ab 1992 wurde mit echten Cowboys gefilmt. Dieter Blum fotografierte Cowboys mit Hut und Kippe beim Wäsche waschen, vor untergehender, blutroter Sonne als Silhouette, auf dem Pferd vor einer roten Ampel wartend, sowie drei Cowboys sitzend, einem hängt lässig die Zigarette zwischen den Lippen, in einem großen Waschzuber aus Holz.

"Westernsaloon Schwingtür mit Arbeiten von Dieter Blum", (Ausstellung "Dieter Blum – Cowboys. The First Shooting 1992), Daimler Kunst Sammlung, Potsdamer Platz Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler

“Westernsaloon Schwingtür mit Arbeiten von Dieter Blum”, (Ausstellung “Dieter Blum – Cowboys. The First Shooting 1992), Daimler Kunst Sammlung, Potsdamer Platz Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Die Fotos – und mit ihnen der Marlboro-Mann – sind heutzutage schon als Zeitdokument anzusehen, denn die Zigaretten-Werbung wurde bekanntermaßen eingestellt. Den Cowboy-Mann gibt es seit 2005 nicht mehr, trotzdem ist er noch in unseren Köpfen. Die bei Daimler ausgestellten Fotos “Cowboys. The First Shooting 1992″ sind nicht mit den späteren Werbebildern identisch. Die 1992 gemachten 70 Probeaufnahmen brachten Blum aber zehn Jahre lang als einzigem deutschen Fotografen lukrative Aufträge von Marlboro ein.

Ist das nun Kunst oder Kunsthandwerk? Daimler jedenfalls hat die Bilder für seine Sammlung erworben. Vielleicht sollte man sich selbst ein Bild machen: die Ausstellung ist noch bis zum 6. November 2016 am Potsdamer Platz zu sehen.

Das Olympia-Projekt – Sommerspiele 1984 in Neukölln

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Vor 32 Jahren, vom 28. Juli bis zum 12. August 1984, fanden die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles statt. Die Sowjetunion boykottierte damals die Spiele und aus naheliegenden Gründen nahm auch ich nicht daran teil. Stattdessen realisierte ich in Berlin-Neukölln ein eigenes Olympia-Projekt. Wie man anhand meiner damaligen “Fotoreportage” entnehmen kann, startete das Männermagazin “Lui” eine große Werbeaktion für seine Ausgabe “August 1984″ und zwar “flächendeckend” unter dem Slogan “Die Große Olympia-Nummer”.

Das Titelbild, das auf den Plakatwänden in der Stadt zu sehen war, passte natürlich nicht in das Konzept radikal-feministischer Gruppen und nach kurzer Zeit waren die Plakate beschädigt oder mit männerfeindlichen Parolen besprüht. “Jagt die Männer in die Wüste”, “Männer lügen”, “Ihr alten Säue”, “Ach, wir Männer sind schon arme Schweine”, “Lieber eine Frau im Wasser, als einen Mann am Hals” sind nur einige Beispiele. Scheinbar haben sich auch die anderen Werbeplakate an damals den Männern zugeschriebene Domänen gerichtet; neben den Lui-Plakaten ist auf weiteren Plakaten nur Werbung für Autos, Zigaretten und Fotofilme zu sehen.

Aus der Serie "Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln", Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Aus der Serie “Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln”, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Die 1963 gegründete französische Zeitschrift “Lui” baute auf dem Prinzip des amerikanischen “Playboy” auf, sollte aber mehr französischen Charme ausstrahlen. Im März 1977 erschien erstmals eine deutsche Ausgabe von „Lui“, herausgegeben von Heinz van Nouhuys. Sie hielt sich nicht lange am deutschen Markt und wurde aufgrund der sinkenden Auflage 1992 wieder eingestellt. Übrigens zeigte nicht nur das Journal “Lui” im August 1984 sexy Sportlerinnen, sondern auch das seriöse ZEIT-Magazin.

“Lui“ hatte regelmäßig das “Playmate” des Monats zum Ausklappen im Heft, das dann im August 1984 in der Stadt plakatiert wurde. Das erste Ausklappbild der “Geschichte” gab es bereits 1953 im „Playboy“. Dargestellt war Marilyn Monroe, die kurze Zeit später weltberühmt wurde. Die große Zeit der gedruckten Männermagazine scheint vorbei zu sein, sie sind entweder eingestellt worden oder sie kämpfen mit sinkenden Auflagen und geringen Werbeeinnahmen.

Das Portfolio ist nach 32 Jahren schon ein Zeit-Dokument geworden; es zeigt die Stadt wie sie heute nicht mehr zu finden ist. Wir sehen viele leere Trümmergrundstücke, Baulücken und die daraus resultierenden Brandmauern und auch diese drastische Art von Werbung hat es danach nicht mehr gegeben. Noch einmal 32 Jahre in die Zukunft gedacht, werden auch die “analogen” Plakatwände nicht mehr zu finden sein; nur noch digitale Formen dürften vorhanden sein.

Anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro zwischen dem 5. und 21. August 2016 habe ich die vor 32 Jahren entstandenen Photographien aus meinem photographischen Archiv “ausgegraben”, digital bearbeitet und neu zusammengestellt. Die Serie besteht aus 54 Photographien, die im August 1984 hauptsächlich in Berlin-Neukölln entstanden sind. Die 30×45 cm großen Photographien sind auf Fotopapier im Passepartout 50×60 cm erhältlich. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 68 Seiten im Format 45×30 cm erschienen (2016). Auf meiner Website finden sie 30 ausgewählte Photographien aus der Serie “Das Olympia-Projekt – Die Sommerspiele 1984 in Neukölln”.

Rosa Kirschen, weiße Äpfel, grüne Zwiebeln, Zither, Mundharmonika, Schwarzwaldfahrt, Tod in Mexiko …

Instrumentals der frühen Rockgeschichte –
von “The Third Man Theme” zum “Egyptian Reggae” (1)

Bis vor Kurzem dachte ich, das Instrumentalstück “Apache” sei im Original von den “Shadows”. Zu einfach gedacht! Bei der Recherche stieß ich dann auf weitere Instrumentals der Pop- und Rockgeschichte aus den späten 1950er und den frühen 1960er Jahren. Sie alle sind akustisch seit meiner Jugend fest im Gehör verankert. Beim heutigen Wiederhören, nach sechzig Jahren, lösen Stücke wie “Sail along Silv’ry Moon” von Billy Vaughn, “Red River Rock” von Johnny & The Hurricanes, “Mexico” von Bob Moore oder “Amapola” von den The Spotnicks einen wohligen Schauer aus.

"Instrumentals der frühen Rockgeschichte", Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler 2016

“Instrumentals der frühen Rockgeschichte”, Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler 2016

Damals gehörten Instrumentals zum Hitparadenbild, blieben aber trotzdem die Ausnahme. Anfang der 1950er Jahre überwogen noch instrumentale Coverversionen von Vokalaufnahmen wie “Oh, mein Papa” von Eddie Calvert. Zu den Instrumentalstücken kann man auch Filmmusiken wie “The Third Man Theme” von Anton Karas oder “Spiel mir das Lied vom Tod” von Ennio Morricone zählen. Aber auch in den 1970er Jahren gab es bekannte Instrumentals, wie “Albatross” von Fleetwood Mac oder “Egyptian Reggae” von Jonathan Rickman & Modern Lovers.

In westlichen Ländern entfällt im Pop- und Rockbereich nur etwa 1 % aller veröffentlichten Titel auf Instrumentalmusik. Die Instrumentals müssen, um ein Hit zu werden, ein markante Instrumentation oder auffällige Rhythmik aufweisen. Um den Nachteil der fehlenden (nachsingbaren) Texte auszugleichen, ist es von Vorteil wenn sie sich zum “Ohrwurm” entwickeln; einige wurden zu Millionenseller. Aus dem Zeitraum 1950 bis 1977 habe ich 24 Instrumentalstücke herausgesucht, die ich in der der nächsten Zeit näher vorstellen möchte:

Anton Karas: “The Third Man Theme” (1950), Eddie Calvert: “Oh, mein Papa” (1954), Pérez Prado: “Cherry Pink And Apple Blossom White” (1955), Bill Justis: “Raunchy” (1957), Mitch Miller: “March from the River Kwai (Colonel Bogey)” (1957), Duane Eddy: “Rebel Rouser” (1958), Billy Vaughn: “Sail along Silv’ry Moon” (1958), Johnny & The Hurricanes: “Red River Rock”, (1959, The Shadows: “Apache” (1960), The Ventures: “Walk Don’t Run” (1960), Bob Moore: “Mexico” (1961), Billy Vaughn: “Wheels”, (1961), Booker T. & the M.G.’s: “Green Onions” (1962), Tornados: “Telstar” (1962), The Spotnicks: “Amapola” (1963), Horst Jankowski: “A Walk in the Black Forest” (1965), Nini Rosso: “Il Silenzio” (1965), Marcello Minerbi: “Zorba’s Dance” (1965), Remo Four: “Peter Gun” (1966), Fleetwood Mac: “Albatross” (1968), Hugo Montenegro: “The Good the Bad And the Ugly” (1968), Ennio Morricone: “Spiel mir das Lied vom Tod” (1968), Eumir Deodato: “Also sprach Zarathustra” (1973), Jonathan Rickman & Modern Lovers: “Egyptian Reggae” (1977).

Kreuzberg – Amerika

Ausstellungs-Vorankündigung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin.
Dreiteilige Ausstellung “Werkstatt für Photographie 1976 – 1986″ im Dezember 2016 zum Aufbruch der Fotografie in Westdeutschland

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der “Werkstatt für Photographie” in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt “Werkstatt für Photographie 1976 – 1986″.

Plakat zur Ausstellung "Heinrich Riebesehl" in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977  ", Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Plakat zur Ausstellung “Heinrich Riebesehl”
in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977″
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Mit dieser Ausstellung wollen alle drei Institutionen, die bekannt für ihre fotografischen Sammlungen und Ausstellungen sind, die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen der legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure aufzeigen. Ende der 1970er Jahre begann die Geschichte der Werkstatt in Kreuzberg, direkt am Alliierten-Kontrollpunkt ‘Checkpoint Charlie’, mitten im Kalten Krieg war sie lebendiges Zentrum eines einzigartigen transatlantischen Kultur-Austausches.

Die von Michael Schmidt neu gegründete “Werkstatt für Photographie“ startete eine “künstlerische ‘Luftbrücke’ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben … Die Werkstatt für Photographie erlangte mit intensiver Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Bildbesprechungen, Diskussionen und spezialisierten Kursen allerhöchstes internationales Niveau”.

Die drei beteiligten Häuser setzen unterschiedliche Schwerpunkte “eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt. Die Ausstellungen entwerfen ein lebendiges, multiperspektivisches Bild der Fotografie der 1970er und 1980er Jahre, das die Geschichte der westdeutschen Fotografie jener Zeit um ein weiteres Kapitel neben der Düsseldorfer Schule ergänzt”.

Die Ausstellungen stehen unter dem Titel “Kreuzberg – Amerika” (C/O Berlin), “Das rebellische Bild” (Museum Folkwang, Essen) und “Und plötzlich diese Weite” (Sprengel Museum Hannover). Zur Ausstellung erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation “Werkstatt für Photographie 1976–1986″. Das Foto zeigt das erste von 35 Plakaten, die zu Ausstellungen der Werkstatt erschienen sind. [Zitate Presseerklärung C/O Berlin]

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