Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Im Schilfgras

»Im Schilfgras«, aus dem Portfolio »Kriminaltango«, Foto © Friedhelm Denkeler 2000

»Im Schilfgras«, aus dem Portfolio »Kriminaltango«, Foto © Friedhelm Denkeler 2000

Elf Episoden

Vorwort zur Serie „Episoden“ (aus der Reihe „Televisionen“)

Neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder” (1)

Zwischen 1982 und 1989 habe ich sieben, teilweise mehrteilige, Serien produziert, die alle zusammen unter dem Thema „Televisionen“ stehen. Bei diesen handelt es sich um Schwarz-Weiß-Fotografien, Leporellos, Klappbilder, Farbfotos und Polaroid-Bilder, deren Grundlage vorgefundene Bilder sind. Sie sind alle am Fernsehgerät entstanden. Bedingt durch das Zeilensprungverfahren und die damit verbundenen “Störungen”, wie Streifenstrukturen oder Artefakte, erhalten die Fotografien einen zusätzlichen Reiz. Die vorliegende Arbeit ist in elf Episoden unterteilt, die alle für sich, mehr oder weniger, eine kleine Geschichte erzählen. Diese Geschichten haben nur bedingt etwas mit der Story der zu Grunde liegenden Filme zu tun.

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Die Episode 1 „Romy“ ist die erste Arbeit aus der Reihe der „Televisionen“, die ich 1982 produziert habe. Es war die Zeit, in der viele Filme mit Romy Schneider im Fernsehen zu sehen waren. Ich erinnere mich an die Titel „Der Swimmingpool“ (1969), „Die Dinge des Lebens“ (1970), „Das Mädchen und der Kommissar“ (1971), „Trio Infernal“, (1974), „Das wilde Schaf“ (1974), „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ (1975), „Nachtblende“ (1975) und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982). Mit diesen Filmen hatte Romy bereits ihr Image als Schauspielerin von Heimat- und Sissi-Filmen abgelegt und entwickelte sich zum erfolgreichen Filmstar des französischen Kinos.

1983 habe ich die Episode 2 „Isabella, Hitler und die Puppe“ aufgenommen. „Die Spitzenklöpplerin“ (1977), „Violette Nozière“ (1978), „Heaven’s Gate“ (1980), „Der Saustall“ (1981) und andere Filme, jeweils mit Isabella Huppert, liefen im Fernsehen. Die Fotos aus den verschiedenen Filmen habe ich live aufgenommen. Ein Video-Recorder mit Stopp-Funktion hätte die Aufnahmen zwar erleichtert; er stand mir damals aber noch nicht zur Verfügung. Ende der 1970er/ Anfang der 1980er Jahre war Isabelle Huppert eine meiner Lieblingsschauspielerinnen.

Bei der Episode 3 „Augiasstall“ war der Film „Der Saustall“ aus dem Jahr 1981 die Vorlage für meine kleine Geschichte, die ich 1984 zusammengestellt habe. Der Film: In einem Kaff in Afrika macht sich 1938 der gedemütigte Polizeichef Cordier (Philippe Noiret) daran den Saustall auszumisten. Auch seine verlotterte Frau (Stéphane Audran) und seine Geliebte (Isabelle Huppert) müssen daran glauben, aber Cordier wird nicht verdächtigt. Der Saustall ist „sowohl pessimistische Parabel als auch ätzende Satire, köstliche Komödie, wie spannender Krimi“.

In der Episode 4 „Das Kindermädchen“ aus dem Jahr 1989 diente zu einem großen Teil der Film „Gefahr im Verzug“ (1985) von Michel Deville mit Michel Piccoli als Grundlage. Im Film gibt der Musiklehrer David (Christophe Malavoy) einer höheren Tochter Gitarrenunterricht und wird von ihrer Mutter (Nicole Garcia) verführt. Mit dem Tod des alten Hausherrn gerät David in ein böses Intrigenspiel. „Absurd-witzige Dialoge verleihen der erotischen Satire die Atmosphäre eines verrückten Albtraums“.

Meine Episode 5 „Feigen“ entstand 1989 als letzte Geschichte aus der Reihe „Episoden“. Sie ist mit 24 Fotografien die längste Erzählung geworden. Die Grundlage „Das Schweigen“ von Ingmar Bergmann mit Ingrid Thulin war mein erster „anspruchsvoller“ Film, den ich 1963 im Kino gesehen habe. Zum Inhalt: Ester, ihre Schwester Anna und deren neunjähriger Sohn Johan müssen ihre Heimreise unterbrechen, weil Ester einen Zusammenbruch erleidet. Sie übernachten in einer fremden Stadt in einem bizarren Hotel. „Isoliert von der Außenwelt und zu keiner Kommunikation fähig, geraten sie in einen Strudel der sexuellen Begierde, der Exzesse und des Hasses.“

Zur Episode 6 „Sonny ‚Ray Ban‘ Crockett“: 1989 machte ich Aufnahmen von einer nicht mehr zu rekonstruierenden Szene aus der Fernsehserie „Miami Vice“, die zwischen 1984 und 1989 mit Don Johnson als Sonny Crockett lief. Wir nannten ihn wegen seiner Sonnenbrille von Ray-Ban, Modell Wayfarer, immer Sonny ‚Ray Ban‘ Crockett. Zusammen mit Ricardo „Rico“ Tubbs jagte er Drogenhändler, Waffenschmuggler und Geldwäscher. Die pastellfarbigen und weißen Fassaden des Ocean Drive in South Miami Beach in Florida waren das Vorbild für die Männermode der 1980er Jahre. Damals konnte man mit einem weißen T-Shirt unter dem Armani-Jackett mit hochgekrempelten Ärmeln noch Aufsehen erregen. Die Filme waren eher im Stil der Videoclips gedreht, untermalt mit der Musik von Jan Hammer.

Für die Episode 7 „Tödliche Umarmung“ verwendete ich 1989 Fotos aus verschiedenen Filmen, die im Einzelnen nicht mehr rekonstruierbar sind. Meine Geschichte jedenfalls endet mit einer Flucht, die von einer nackten Frau am Nachbarfenster beobachtet wird und, wie der Titel andeutet, ohne Happy-End ist. Wie man an den zusätzlichen Störungen sieht, habe ich es mir einfacher gemacht und die Aufnahmen mit Hilfe des Standbildes des inzwischen vorhandenen Videorecorders realisiert. Heute muss man dazu sagen, dass der Fernseher samt Recorder und die Kamera mit dem anschließenden Entwicklungsprozess alle auf der analogen Technik beruhten.

Anmerkungen zur Episode 8: „Dienstmägde“:  Wer um 1900 etwas auf sich hielt, beschäftigte ein Dienstmädchen. In großbürgerlichen Haushalten gab es gerne auch mehr Personal. Der Alltag eines Dienstmädchens war sehr hart: körperlich anstrengende Arbeit, wenig Lohn, kaum Freizeit oder Ausgang. Von Berliner Dienstmädchen weiß man, dass sie oft noch nicht einmal eine eigene Kammer hatten, sondern auf sogenannten Hängeböden schliefen. So lustig wie in meiner Serie scheint es allerdings in den wenigsten Fällen gewesen zu sein.

Die Episode   9 „Pomme, die Wäscherin“ ist mit 18 Fotografien neben den „Feigen“ eine der ausführlichsten geworden. Der Film „Die Spitzenklöpplerin“ aus dem Jahr 1977 von Claude Goretta mit Isabelle Huppert bot dazu auch reichlich Stoff. Gegenüber den anderen Episoden bin ich hier nah an der Story des Films geblieben. Die Liebe einer jungen Friseuse zu einem Studenten aus höheren Kreisen scheitert trotz seiner Anziehung an seinem Nicht-Verstehen ihrer Sprachlosigkeit. Eine feine Studie über die Entfremdung zwischen zwei Menschen, bedingt durch Sprach- und Bildungsbarrieren.

Zur Episode 10 „Die Freundin des Teufels“ eine kleine Geschichte: Ein Graf gerät in Schulden und in der Not versetzt er dem Teufel, der ihm in Gestalt eines Fährmanns erscheint, seine Frau. Sein Lohn: Ein Buch, aus dem Goldstücke fallen, wenn er darin blättert. Als er verabredungsgemäß seine Gattin dem Teufel ausliefern will, kommen sie zu einer Marienstatue, an dem sie ihr Gebet verrichtet. Sie fällt in tiefen Schlaf, die Jungfrau springt vom Altar, nimmt die Gestalt der Frau an und wird vom Grafen dem Teufel übergeben. Während der Teufel sich der scheinbaren Frau des Grafen an die Brust wirft, verirrt sich der Graf auf dem Rückweg und stürzt tödlich in eine Schlucht.

1984 gab es eine Fernsehreihe, die ich für die Episode 11 „Verbotene Filme“ verwendete. Zu den Filmen gehörten: „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“ (1920) von Anita Berber, „Menschen im Rausch“ (1920) von Julius Geisendörfer, „Aus eines Mannes Mädchenjahre“ (1919), „Geschlecht in Fesseln“ (1928) von Wilhelm Dieterle, „Opium“ (1919) von Rudolf Reinert und „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) von Wilhelm Prager. 1920 wurde eine Staatszensur bei Filmen eingeführt. Zu kontrollieren war, ob der Film die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet, das religiöse Empfinden verletzt oder verrohend und entsittlichend wirkt. Alle aufgeführten Filme hatten durch das Gesetz ihre Probleme

Das Portfolio finden Sie als Indexprint mit einem ausführlichen Text auf meiner Website “Lichtbilder” (direkter Link zu den „Episoden“). In der nächsten Zeit werde ich zu den einzelnen Episoden und den zu Grunde liegenden Filmen noch weitere Artikel veröffentlichen.

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

»Das Kindermädchen«, aus »Episoden«, Foto © Friedhelm Denkeler 1989

Der Walfisch und der Thunfisch

»Sagt der Walfisch zum Thunfisch, das kannst du nicht tun Fisch, sagt der Thunfisch zum Walfisch, du hast keine Wahl Fisch«, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

»Sagt der Walfisch zum Thunfisch, das kannst du nicht tun Fisch, sagt der Thunfisch zum Walfisch,
du hast keine Wahl Fisch«, Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

Eine Treppe bauen

»Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.« [Robert Lembke], Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

»Mit etwas Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen« [Robert Lembke], Foto/Grafik © Friedhelm Denkeler 2003

Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden

Die Fotografin Christa Mayer im „Atelier Kirchner“ mit introspektiven Selbstporträts

Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie (EMOP) zeigt das „Atelier Kirchner“ neuere, zwischen 1990 und 2010, entstandene analoge Schwarzweiß-Photographien von Christa Mayer. Neben ihrer Tätigkeit als Diplompsychologin hat sie sich 1981 bis 1985 an der legendären Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ zur Fotografin ausgebildet.

Ihre bisherige fotografische Arbeit war mit ihrer Tätigkeit als Klinische Psychologin eng verknüpft. Zuletzt waren ihre Bilder in der Ausstellung “Kreuzberg – Amerika: Werkstatt für Photographie 1976–1986” bei C/O Berlin (2016) zu sehen. Sie erhielt zahlreiche institutionelle Stipendien u.a. der Krupp-Stiftung in Essen, des Berliner Senats und der Akademie der Künste Berlin, sowie ein Jahresstipendium für das PS1 in New York.

Plakat zur Ausstellung »Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden« von Christa Meyer im »Atelier Kirchner«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Plakat zur Ausstellung »Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden«
von Christa Mayer im »Atelier Kirchner«, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

Aus der Eröffnungsrede von Andrè Kirchner am 21. September 2018: „Mit Christa Mayer betritt eine ebenso eigensinnige wie einfühlsame Fotografin die Bühne meines Ateliers und mit ihr eine der wenigen Frauen, die sich an der Kreuzberger Werkstatt für Photographie behaupten konnten. Christa Mayer ist eine Pendlerin zwischen den Welten, im Wortsinn hälftig in Kalifornien und Berlin mit ihrem Mann lebend, in ihrer Fotografie ebenso in Landschaft wie im Porträt zu Haus. Sie ist geradezu eine Mittlerin zwischen einander oft genug ausschließenden oder gar befeindenden Welten – wie das der programmatische Titel ihrer Ausstellung sehr gut auf den Punkt bringt.

Sie macht sich scheinbar Fremdes zu Eigen und findet das Fremde in sich selbst wieder. Ihre Fotografien sind immer auch eine Art von introspektivem Selbstporträt. Zwei explizite Selbstporträts hat sie in dieser Ausstellung auch versteckt. Christa Mayer bewegt sich in der großen Tradition der klassischen analogen Fotografie, die es ihr ermöglicht, Innen und Außen in ihren Bildern zusammenzubringen und dabei doch die Einzigartigkeit der Lebewesen und Dinge zu bewahren.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 04.11.2018 im Atelier Kirchner, Grunewaldstraße 15, Berlin-Schöneberg, zu sehen (Mi, Fr und Sa von 16 bis 18 Uhr, Do von 18 bis 20 Uhr). Im Rahmen des Schöneberger Galerierundgang am kommenden Wochenende (3. bis 4. November) gibt es verlängerte Öffnungszeiten: Samstag 14 bis 20 Uhr, Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

www.andrekirchner.de

Störung im Netz

»Störung im Netz«, Ausschnitt aus der Arbeit von Waqas Kahn, Untitled 2014, Tusche auf Papier, Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler

»Störung im Netz«, Ausschnitt aus der Arbeit von Waqas Kahn, Untitled 2014, Tusche auf Papier,
Ausstellung »The World on Paper – Deutsche Bank Collection«, PalaisPopulaire, Unter den Linden, Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2018

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