Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Pictures From The New World

“Message to the Future” – Photographien von Danny Lyon bei C/O Berlin

Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen

Meine größte Stärke ist meine Empathie mit Menschen, die anders sind als ich … Mir ging es um die Fotografie und um Bücher … Ich bin ausgestiegen, ohne je zurückzublicken. Ich habe diese Dinge als Themen betrachtet und mich selbst als Journalisten … Die Fotografie ist eine einsame Reise – das hat Robert Frank gesagt – man muss wirklich sich selbst sein, weil man versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Ich hab mir das Leben sehr schwer gemacht, um etwas zu schaffen … Manchmal frage ich mich, ob ich die Vergangenheit festhalte oder ob ich hier der Zukunft begegne. [Danny Lyon]

"C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“C/O-Zeitung mit Foto von Danny Lyon”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit den 1960er Jahren fotografiert der US-amerikanische Fotograf Danny Lyon, geboren 1942, soziale Außenseiter, Subkulturen und gesellschafts-politische Themen. Er möchte der üblichen Berichterstattung in den Massenmedien alternative Sichtweisen entgegenzustellen. Man könnte seine Arbeit als teilnehmende Dokumentation bezeichnen, indem er oft über eine längere Zeit eine Beziehung zu seinen Protagonisten aufbaut.

Und dazu gehört für Lyon selbstverständlich auch seine Familie. So wie wir es an der Werkstatt für Photographie in den 1970er Jahren gelernt haben, ist Danny Lyon als Autorenfotograf anzusehen. Noch stärker als in der Ausstellung “Message to the Future” bei C/O Berlin ist das in dem Buch Danny Lyon: “Pictures From The New World” aus dem Jahr 1970 zu spüren. Für mich eines der wichtigsten und intensivsten Fotobücher überhaupt. Es war maßgeblich an meiner fotografischen Entwicklung beteiligt. Sehr gut trifft das folgende Zitat auf Lyons Arbeit zu, insbesondere wenn man das Buch zu Grunde legt.

“Im strengsten Sinne sind alle Bewusstseinsinhalte unnennbar. Selbst die einfachste Wahrnehmung ist in ihrer Totalität unbeschreibbar. Jedes Kunstwerk muss daher nicht nur als etwas Dargestelltes verstanden werden, sondern gleichzeitig als ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. In den größten Kunstwerken schwingt stets etwas mit, das sich nicht in Worte fassen lässt, etwas von dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck und der Gegenwart des Unausdrückbaren. Stilmittel sind immer auch Methoden der Vermeidung. Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen.” [Susan Sontag, in “Against Interpretation”]

Die umfangreiche Retrospektive bei C/O ist mit rund 175 Photographien anhand seiner sozialen Projekte strukturiert. Sie beginnt mit Lyons frühsten Fotografien, die im Rahmen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre entstanden sind. 1963 wendet sich Danny Lyon der Subkultur der Biker und ihrem gesellschaftlichen Image zwischen gefürchteter Kompromisslosigkeit und romantisiertem Freiheitsdrang zu. Vier Jahre lang begleitet er die Biker-Gang als Mitglied. 1966 zieht er zurück in seine Heimatstadt New York und hält fest, wie die Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts unter den Abrissbirnen verschwindet.

Danny Lyon: "Pictures From The New World" (1970, Aperture), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Danny Lyon: “Pictures From The New World” (1970, Aperture), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Im nächsten Projekt geht es um das Leben der Insassen, um ihren Alltag in den Gefängnissen und um die Härte des amerikanischen Strafvollzugs. Lyon erhält 1967 Zugang zu allen Gefängnissen des Bundesstaates Texas. Seine Begegnungen mit den Häftlingen, die er auch filmisch dokumentiert, zeugen von aufrichtigem Interesse für ihre persönlichen Geschichten.

1970 findet Lyon in der Kleinstadt Bernalillo in New Mexico ein neues Zuhause. Er freundet sich mit den Arbeitern aus seiner Nachbarschaft an, mit Latinos und amerikanischen Ureinwohnern, mit kleinkriminellen Jugendlichen oder mit illegalen Arbeitern aus der Umgebung, deren Erfahrung im Überqueren der mexikanisch-amerikanischen Grenze er aufzeichnet. Sein nahes Umfeld wie auch seine Familie geraten zunehmend ins Blickfeld seiner Kamera. Weitere Arbeiten entstehen in Kolumbien, Bolivien, Haiti und China. Die Ausstellung, die bereits zu Ende gegangen ist, zeigte auch Collagen und Materialien aus Danny Lyons privatem Archiv.

Zur Ausstellung Danny Lyon: "Message to the Future", Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Zur Ausstellung Danny Lyon: “Message to the Future”, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Eine ost-westliche Bilderbiografie in Schwarzweiß

Barbara Wolff: “In eigener Sache”, Ausstellung
in der Collection Regard bis 08.12.2017

Fotografie ist mein Leben. Es sind die Bilder, die bleiben … Somit prägt die Erinnerung die Bilder – oder besser: Die Bilder prägen die Erinnerung. [Barbara Wolff]

“Fixpunkte im Werk von Barbara Wolff sind immer wieder Aufzeichnungen von biografischen Augenblicken und prägenden Stationen ihres Lebens in der DDR und in der Bundesrepublik – es entstehen mit persönlicher und subjektiver Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die den Betrachter einbeziehen in Barbara Wolffs individuelle Erfahrungswelt. Gleichzeitig gelingt Barbara Wolff auch die Abstraktion und Verallgemeinerung der persönlich-subjektiven Herangehensweise. Sie erschafft universell gültige, in ihrer Wahrheit über den Menschen berührende und so wiederum mit Bedeutsamkeit aufgeladene fotografische Momente, die durch ihre Allgemeingültigkeit eine gemeinsame Ebene und Kommunikationsmöglichkeit zwischen der Erfahrungswelt des Betrachters und der Fotografin herstellen.

Diese Werke gehen über die Dokumentation der realen, objektiven Wirklichkeit hinaus. Im wortwörtlichen entscheidenden Moment gelingt es Barbara Wolff, ihre Sujets feinfühlig in hoher fotografischer Qualität und in sehr ausgewogenen Kompositionen einzufangen und mit zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzuladen. Es entsteht eine überwirkliche, magische Welt. Dabei hat die künstlerische Sprache von Barbara Wolff, die für mich im Magischen Realismus zu verorten ist, eine starke humanistische Komponente. Viele Bilder zeigen uns Menschen in ihrer unmittelbaren und kompromisslosen Würde, im Spannungsfeld zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke.

Das Werk von Barbara Wolff und die Bandbreite der von ihr genutzten Kameras, von Kleinbild bis zur Großformatkamera, ist vielfältig in seinen Sujets und seiner Umsetzung. Dabei ist stets ihre persönliche Handschrift zu erkennen. Der Wille, Themen auf ihre eigene unverwechselbare Art und Weise zu verfolgen, bleibt immer spürbar. Und genau darum heißt diese Ausstellung ‘In eigener Sache’”. [Marc Barbey]

Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: "In Eigener Sache" (Leipzig, Hauptbahnhof 1985), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Katalog zur Ausstellung Barbara Wolff: “In Eigener Sache” (Leipzig, Hauptbahnhof 1985),
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Anhand von Vintage Prints zeigt Marc Barbey in seiner Collection Regard einen Überblick über das fotografische Werk von Barbara Wolff, die 1951 in Kyritz geboren wurde. Hier in Brandenburg hat sie noch vor der Wende ihr Langzeitprojekt über das Dorf Sechszehneichen realisiert (1982-1985), in dem sie unter anderem die Bewohner am Rande der schnurgeraden Pflastersteinstraße in und vor ihren Häusern sachlich und klar porträtiert hat.

Aber auch Wolffs fotografische Anfänge an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die sie “Translucents” (1975/76) nennt, sind zu sehen: Experimentelle Arbeiten mit Negativ-Positiv Belichtungen und Mehrfachbelichtungen, abgezogen auf Reprofilm , teilweise montiert zu zwei transparenten Bildern übereinander, so dass sich eine Dreidimensionalität ergibt. Die Ausstellung ist zwar bald beendet, aber Barbara Wolffs Gesamtwerk ist vorzüglich auf ihrer Website dokumentiert. Ein Besuch lohnt sich. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Berlin.

www.collectionregard.dewww.barbarawolff.eu

Kein Happy End!

Michael Hanekes aktueller Film “Happy End”:
Eine böse Momentaufnahme einer großbürgerlichen Familie

Ein Bagger baggert stumpfsinnig vor sich hin; eine Spundwand stürzt ein; zwei Dixieklos – eines war von einem Arbeiter besetzt – stürzen in die Tiefe; ein Hamster stirbt an einer Überdosis Antidepressiva, gefilmt mit dem Smartphone; eine Frau fällt ins Koma; ein Großvater – der reichste Unternehmer der Stadt – will sich umbringen, aber es klappt nicht; ein Mädchen mischt seiner Mutter Gift ins Essen; die schöne Verlobungsfeier wird durch eine Gruppe afrikanischer Migranten gestört; eine zusammensitzende Familie schweigt sich beim Essen an; ein Sohn will die Firma des Vaters nicht übernehmen; eine Umarmung sieht wie eine Zwangsmaßnahme aus; indirekt sieht man den “Dschungel”, das von Migranten bewohnte Zeltlager in Calais.

"Straße ins Wasser" (oder: kein Happy End), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

“Straße ins Wasser” (oder: kein Happy End), Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Diese Szenen geben in Michael Hanekes “Happy End” mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, nur eine Richtung vor: Es geht abwärts. Alles ist sehr ernst, aber oft auch sehr komisch; eine schwarze Komödie um eine großbürgerliche Familie. Statt einer Familie aus dem Bilderbuch, sehen wir eine aus dem Horrorkabinett. Der Zuschauer bekommt einen Blick hinter die Fassade, die aus Überdruss am Leben und Sex, Mord- und Selbstmordgedanken besteht. Das Finale stellt die Frage: Ist ein Ende mit Schrecken nicht wirklich besser als ein Schrecken ohne Ende?

Man kann dieses sardonische Gesellschaftsporträt auch als ein Statement zur Lage in Europa sehen. Das Private hängt mit dem Öffentlichen und das Persönliche mit dem Politischen zusammen. Als Sinnbild für die feudalen Verhältnisse steht die weiße Oberschicht, die sich afrikanische Bedienstete hält, die man von Sklaven kaum unterscheiden kann. Der Anwalt bietet der Familie des verunglückten Arbeiters 35 000 Euro an, dafür bekommt man nicht mal einen gebrauchten Porsche. Die ersten Wände stürzen ein und die ersten fallen in die selbstgegrabene Grube. Wieder einmal trifft es die Falschen. Happy End ist eine sehenswerte Dystopie, es ist einer der Filme des Jahres 2017.

Mittig

"Alter Pfosten im Lübbener Spreewald", Foto ® Friedhelm Denkeler 2016

“Alter Pfosten im Lübbener Spreewald”, Foto ® Friedhelm Denkeler 2016

Archiv